Rotorman's Blog

Audienz im Rockpalast: Tschörman Televischän
praudly präsänts – Das Musik-TV lernt laufen

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Erste Sendung

Als das Musik-TV laufen lernte. Am 23. Juli 1977 ging in der Essener Gruga-Halle die 1. Rockpalast-Nacht des WDR über die Bühne. Ein Eurovisionsspektakel. Fans in neun europäischen Ländern feierten mit.

Von Jürgen Heimann

Die Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1977 hat zwar nicht unbedingt die Welt verändert, sich aber zumindest in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt. Für Millionen Rockfans hierzulande und Gleichgesinnte im benachbarten europäischen Ausland markierte dieses Datum den Beginn eines neuen Zeitalters. Von den braven öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, und nur solche gab es ja damals, war diese Klientel bis dato ziemlich stiefmütterlich behandelt worden. Der geschniegelte Ilja Richter und seine Mainzelmännchen-Disco waren jetzt nicht wirklich der Bringer, während Dieter-Thomas Schrecks ZDF-Shitparade aus Mainz auch als ziemliche Zumutung galt. Und dann hieß es nach dem “Wort zum Sonntag” plötzlich “German Television Proudly Presents!” Ein großes Rock’n'Roll-Heilsversprechen. Was ging denn da ab? Und dann gab’s über fünf Stunden was auf die Ohren. Live aus der Gruga-Halle in Essen. Die 1. WDR-Rockpalast-Nacht war eine Offenbarung. Ihr sollten bis 1986 16 weitere folgen.  

Public-Viewing war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfunden. Und doch kam das, was sich in dieser denkwürdigen und nachgerade magischen Nacht zwischen Kiel und Konstanz, Aachen und Passau abspielte, in großen Städten wie im kleinsten Kuh-Kaff, dem ziemlich nahe. Überall, in Partykellern, eilig angemieteten Wochenendhäusern, Jugendzentren, sturmfreien Wohnzimmer-Buden und Gartenhütten, fanden sich nach frischer, unverbrauchter Klangkost gierende Fans zum Rudelgucken- und hören, Abrocken und Feiern zusammen. Die Gelegenheit war günstig und einmalig. Musik-DVD’s, Video-Kanäle im Internet und Streaming-Dienste, die die gewünschte Musik heutezutage zu jeder Zeit verfügbar und abrufbar machen, waren da noch Zukunftsmusik.

Eurovisionäre Massenparty in neun Ländern

Das Ereignis wurde als Eurovision gleichzeitig via TV und Radio in neun weitere europäische Länder übertragen. Es gab damals noch keine Stereofernseher. Aber man wusste sich zu helfen: Der Ton am TV-Gerät wurde abgeschaltet und der des Radios aufgedreht. Die die Party konnte beginnen. Und sie begann auch in den Folgejahren immer mit dem gleichen Satz:

Drei Bands pro Nacht, drei Konzerte, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Das war das simple Konzept. Und die Zuschauer, nicht nur die in der ersten Reihe der Halle, waren ihren Helden ganz nahe, erhaschten einen unverstellten Blick auf die dem Rock-Olymp entstiegenen Titanen und jene, die erst noch hinauf wollten. Regisseur Christian Wagner, der das Ganze gemeinsam mit WDR-Redakteur Peter Rüchel ausgeheckt hatte, soll seinen Kameraleuten nahegelegt haben, den Akteuren so dicht wie möglich auf die Pelle zu rücken, ohne sie jedoch bloß zu stellen. Was dem TV-Publikum das Gefühl vermittelte, Teil der engen Beziehung zwischen den Künstlern und dem Live-Publikum vor Ort zu sein.

German Television

Tschörman Televischon praudly präsänts… Albrecht Metzger (rechts) wurde für seine in holprigem Englisch vorgetragene Begrüßung mit Spott überschüttet. Aber der WDR hielt unverdrossen an ihm fest. Weil diese Ansage zu einem Markenzeichen des Formates wurden. Links im Bild Co-Moderator Alan Bangs. Foto: Screenshot

Was für einen Spott musste der Metzger-Albrecht und sein Moderatoren-Kollege Hendrik Bussiek nach der Auftaktsendung für ihr groteskes Pidgin-Englisch über sich ergehen lassen. Bussiek wurde später durch den englischen Musikjournalisten Alan Bangs ersetzt, der die gröbsten Schnitzer seines Co. ausbügeln sollte. Aber die verantwortlichen Macher hielten unverbrüchlich an Metzger fest, weil dessen radebrechenden Ansagen in Folge irgendwie auch zu einem Markenzeichen der Sendung wurden. Da kann man doch mal über kleine lustige Übersetzungsfehler großzügig hinwegsehen.

Rory Gallaghers Raketenstart

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Rory:
Ob auf der Akkustischen oder seiner gammeligen Stratocaster: Rory Gallagher zog in der ersten Rockpalast-Nacht des WDR für das europäische Fernsehpublikum völlig ungewohnte S(e)aiten auf. Damit begann der Siegeszug einer Kultsendung. Foto: Screenshot

Einem kleinen krummbeinigen Iren war es in der Premierennacht vorbehalten, das Phongewitter zu eröffnen: Rory Gallaghers Stern begann damals in Deutschland gerade zu steigen. Die Karriere des Gitarrengottes aus Cork, einem der besten Bluesgitarristen der Welt, bekam danach erst richtig Schub. Mit seiner kleinen Band verausgabte sich der langmähnige Saitenmagier bis zur Erschöpfung und lieferte eine bis dato televisionär noch nie dagewesene und erlebte Performance. Die Menge tobte. Wie viele seiner Bewunderer von damals hat auch dieser Klampfen-Guru längst das Zeitliche gesegnet – drei seiner vier damaligen Bandkollegen auch. Und die Fans, die die Zeiten überdauert haben, sind um die Hüften fülliger und um den Kopf herum kahler geworden. Time waits for no one!

Das Line-Up der ersten Nacht der Nächte bestand aus dem Iren, Little Feat und Roger McGuinn’s Thunderbyrd. Bis kurz zu Beginn des Konzerts hatten sich die Beteiligten nicht einigen können, wer denn nun die undankbare Rolle des Anheizers übernehmen sollte. Bis sich der Ire, der Diskussion überdrüssig, seine damals schon abgewetzte Stratocaster schnappte und auf die Bühne stürmte. Was folgte, war ein Feuerwerk sondergleichen, an das die nachfolgenden Auftritte nicht heranreichen konnten:

 

Da hatten es die beiden für später gesetzten Bands schwer. Und das waren keine Nobodys, sondern populäre Größen. Vielleicht lag’s aber auch an der fortgeschrittenen Stunde und daran, dass sich nach dem energetischen Opener auch im Publikum eine gewisse Erschöpfungs breit gemacht hatte. Nicht wenige Zuschauer daheim an den Fernsehgeräten dürften zu diesem Zeitpunkt auch schon beseelt in den Schlaf gefallen sein, was aber mitunter durchaus auch am vielen Bier gelegen haben mag. So ein Ereignis musste schließlich gebührend gefeiert und begossen werden. Die alkoholgeschwängerten Penner ließen sich am nächsten Morgen von den Freunden erzählen, was sie verpasst hatten bzw. was nicht.

Viel Sprit, viel Dope und Johnny Winters Konfirmandenbläschen

“Sprit” in den unterschiedlichsten Ausprägungen spielte in diesen klangvollen Nächten stets eine große Rolle – auf beiden Seiten. Punk-Poetin Patti Smith war, als es galt, im April 1979 zugekifft bis unter die Halskrause, Mitch Ryder im Oktober darauf voll wie ein Eimer. Er hatte sich die Wartezeit bis zu seinem Auftritt mit Hochprozentigem verkürzt, um dann als eine seiner ersten Amtshandlungen das Publikum zu beschimpfen. Das geplante Interview mit dem whiskyseligen Shouter war ein Totalausfall. Aber auf der Bühne stand der Detroiter dann hundertprozentig seinen Mann. That’s Rock ‘n’ Roll. Und der werksseitig nicht gerade mit Adleraugen gesegnete Johnny Winter hatte nach seinem furiosen Auftritt 1979 backstage den Hosenschlitz geöffnet, weil ihn das Bläschen drückte.  Der sehschwache Blues-Gitarrist wähnte sich, warum auch immer, auf der Toilette, hatte aber nicht realisiert, dass er noch auf Sendung war. Sein Bassist John Paris hielt rechtseitig seine Viersaitige als Sichtschutz vor die Kamera und ersparte so einem Millionenpublikum livehaftige Strullereien. Die erwähnte Patti Smith hatte den klapperdürren Albino zuvor schon zu Tode erschreckt, als sie drogenbenebelt auf der Bühne herumgekrochen war. Für was oder wen der Musiker dieses herumkriechende Etwas hielt, ist nicht überliefert. Er rettete sich, von Panik getrieben, ans andere Ende der Bühne.

Bis auf die Stones und den „Boss“ waren sie alle da

Gitarristen

Klampfen-Heros: Who-Gitarrist Pete Townshend (Mitte) hat inzwischen auch schon 72 Lenze auf dem Buckel, langt aber noch immer in die Saiten. Während Alvin Lee von Ten Years After (links) und Johnny Winter (rechts) inzwischen längst das Zeitliche gesegnet haben. Ihre Auftritte im Rockpalast sind unvergessen. Fotos: Screenshot

Für viele Musiker sollte der Rockpalast zum Sprungbrett werden, andere waren schon zum Zeitpunkt ihres Auftritts dort große Nummern. Mit den Rolling Stones, mit denen die WDR-Macher in Verbindung standen, hat es letztlich nie hingehauen. Auch mit dem Boss,  Bruce Springsteen, nicht. Aber ansonsten liest sich die Teilnehmerliste wie das Who’s Who der Rockmusik: Ten Years After, The Who, Bryan Adams, Mother’s Finest, Greatful Dead, Peter Gabriel, The Police, Jack Bruce, Elvis Costello, The Kinks, Van Morrison, Gianna Nannini, Johnny Winter, Roger Chapman, David Bowie, die Red Hot Chili Peppers, Mink de Ville, Nils Lofgren, die J. Geils Band,  die auch die Rockpalast-Erkennungsmelodie (“Believe in Me”) beigesteuert hatte, Paul Butterfield, Huey Lewis, U2 und, und, und. Als Bill Gibbons, Dusty Hill und Frank Beard im April 1980 auf die Bühne stiefelten, wirkten sie mit ihren langen Bärten und weißen Hüten wie Alm-Öhis aus den Rocky Mountains. Doch die, die Rockys, liegen ja von ihrem texanischen Heimstaat gesehen doch ein paar Meilen weg. Dieses Outfit sollte zum Markenzeichen von ZZ Top werden, die damals in Essen ihren ersten Gig außerhalb der USA absolvierten.

12 Mark Eintritt für fünf Stunden Live-Mucke

Viele dieser Namen dürfte die heutige Consumer-Generation nur noch vom Hörensagen kennen. Ihre Eltern jedoch ließ ihr Klang in Ehrfurcht und Bewunderung erstarren. In Zeiten von MTV, Youtube und Video on Demand haben sich die Perspektiven, Seh- und Hörgewohnheiten inzwischen ja auch etwas verschoben. Die Geschmäcker sowieso. Und die Preise. Die Eintrittskarten für die Live-Gigs waren damals für einen Appel und ein Ei zu haben und für jeden erschwinglich. 12 Mark für fünf Stunden geile Live-Mucke, wo gibt es das heute noch?? Wir reden jetzt nicht von der Mark. Da verlangt jeder fünftklassige versiffte Music-Pub in der Provinz inzwischen deutlich mehr für deutlich weniger.

Kein Firlefanz und ohne doppelten Boden

Künstler

Von den meisten Künstler-Auftritten im Rahmen der Rockpalast-Nächte gibt es Mitschnitte, die, konserviert, aufbereitet und remastered, als DVD erhältlich sind und wichtige Meilensteine der Musikgeschichte reflektieren. Fotos: Screenshot

Heute sind Eintrittspreise von 150 Euro und mehr für ein durchgestyltes und -inszeniertes Konzert keine Seltenheit. Wobei man nie sicher sein kann, dass hier auch wirklich alles echt ist. Playback war vor und bis zum Rockpalast die Norm – zumindest im Fernsehen. Heute wird es wieder zunehmend eingesetzt – nicht nur dort. In der Grugahalle gab es diesbezüglich jedoch keinen doppelten Boden. Das Bühnenbild war minimalistisch, das Lichtdesign auch. Krönung war da ein über der Bühne angebrachtes und in Regenbogenfarben blinkendes Rockpalast-Schild. Niemand hat da irgendwie aufwändige Videoprojektionen, Nebelmaschinen oder sonstigen Firlefanz vermisst – leicht beschürzte Hula-Tänzerinnen und vom Hallendach einschwebende Entertainer und Kulissenteile auch nicht.

Die Umbaupausen zogen sich wie Gummi und die Tontechnik war natürlich noch nicht ausgereift wie heute, aber für die damaligen Verhältnisse erstaunlich stabil. Und so ein paar Rückkopplungen, Heuler und Quietscher ließen sich verschmerzen. Das kann jeder bestätigen, der noch einmal in die Original-Aufnahmen hereinhört- und sieht. Eigendynamik und Spontanität, die die Sendung entwickelte, sind hier spür- und erlebbar. Bei Youtube sind viele Rockpalast-Konzerte abrufbar. Und sie gibt es inzwischen ja auch nahezu komplett und remastered auf Digital Versatile Disc. Es sind Dokumente der Zeitgeschichte, zeitlose Erinnerungsschnipsel an eine glorreiche rock-musikalische Dekade.

Die deutsche Fernsehgeschichte bereichert

Buch

Buch:
Peter Rüchel (rechts) ist der Erfinder des Rockpalastes. Seine 2009 erschienenen „Erinnerungen“ sind ein „Must-have“ für jeden Fan der Kultsendung. In dem reich bebilderten Band lässt der ehemalige WDR-Musikredakteur die bewegendsten Momente des Projekts Revue passieren, erzählt von Begegnungen mit herausragenden Künstlern, berichtet von Tops und Flops und lässt die Leser teilhaben an einem bedeutenden Stück Musikgeschichte.

Der WDR hatte mit diesem TV-Format die Deutsche Fernsehgeschichte unverwechselbar bereichert, dem Musik-TV das Laufen beigebracht und somit Pionierarbeit geleistet. Die teutonische Glotze als Wegbereiter des Rock. Der Einfluss dieses Formates auf die Entwicklng der Musikkultur hierzulande war immens. Zumal hier immer wieder Künstler auf den Brettern standen, die in Europa niemand kannte und deren musikalischer Output nicht unbedingt dem Mainstream entsprach, die dann aber in Folge zu Stars wurden. Die “Nächte der langen Messer” sind freilich längst Geschichte. Die letzte ihrer Art fand am 15. März 1986 in der Gruga-Halle statt. Auf der Besetzungsliste: Big Country, Jackson Browne und die Kölschen BAP. Das Interesse an diesen Events hatte schon in den beiden Jahren zuvor nachgelassen. Zwischen Deutscher Welle, New Wave und Synthie-Pop war das klassische Konzept des Rockpalastes immer schwerer abzubilden. Die Zeit hatte ihn einge- und überholt.

Die Faszination der Anfangsjahre ist verblasst

So etwas wird es wohl nie mehr geben. Aber die Sendung, die sich sogar eines eigenen Fanclubs rühmt, existiert, wenn auch in abgespeckter Form, immer noch. Bis heute werden unter dieser “Marke” Einzelkonzerte ausgestrahlt bzw. Aufzeichnungen von diversen großen Festivals wie das an der Loreley, Rock am Ring oder Wacken produziert. Charme und Faszination der Anfangsjahre sind jedoch verblasst. So etwas lässt sich nicht konservieren bzw. in alter Größe wieder beleben. Und groß und megamäßig aufgemotze Benefiz-Events a la Live- oder Band-Aid, wie sie im Wembley-Station stattfanden, wirkten dagegen ziemlich blutleer, steril und aufgesetzt. Andererseits offenbart sich heuer eine große Leerstelle im Programm von ARD und ZDF, in dem zeitgenössische Rock- und Popmusik allenfalls noch eine Nebenrolle spielen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Das Publikum wird stattdessen mit leidigen Neo-Schlager-Shows abgespeist und ruhig gestellt. Helene Fischer statt Southside Johnny & The Asbury Jukes. Da müsste jetzt noch mal einer wie Rüchel um die Ecke kommen und sagen: “Leute, ich hätte da eine Idee…”

Der Westdeutsche Rundfunk hat einen sehenswerten dokumentarischen Rückblick (“I’ve lost my mind in Essen”) auf 40 Jahre Rockpalast zusammengestellt. Erstausstrahlung war am 28. Juli. Der Beitrag, der Livemitschnitte und Interviews mit den Machern und zahlreichen beteiligten Künstlern beinhaltet, wird in den nächsten Tagen und Wochen auch von anderen Regionalprogrammen  ausgestrahlt. Er ist hier abrufbar:

 Schwelgen in rockseligen Erinnerungen

Jenen, die dahingehend weiteren rockseligen Reminiszenzen anhängen möchten, sei auch das bereits 2009 erschiene Buch von Peter Rüchel empfohlen: “Erinnerungen”. In diesem reich bebilderten Band  lässt der inzwischen auch schon 80jährige Rockpalast-Erfinder die bewegendsten Momente des Projekts Revue passieren, erzählt von Begegnungen mit herausragenden Künstlern, berichtet von Tops und Flops und lässt Fans und Leser teilhaben an einem bedeutenden Stück Musikgeschichte. Die erste Rocknacht, mit der alles begann, ist derzeit noch in voller Länge in der ARD-Mediathek abrufbar, und zwar hier:

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