Rotorman's Blog

Bizarr und gespenstisch: Die
verborgenen Seiten der Grube Fortuna

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Der älteste und gefährlichste Bereich der Grube Fortuna auf der 150-Meter-Sohle. Hier besteht akute Einsturzgefahr. Ein Teil des Fels ist schon herunter gekracht (rechts). Foto: Markus Novak

Das Hängen im Schacht hat in absehbarer Zeit am Ende: Am 1. April beginnt im vom Verein Geopark betriebenen Besucherbergwerk der Grube Fortuna bei Solms-Oberbiel die neue Saison. Dann haben Interessenten wieder die Möglichkeit, auf Entdeckungsreise ins Erdinnere zu gehen.Die ehemalige Erzförderstätte, in der in früheren Jahren Rot- und Brauneisenstein abgebaut wurde, ist ein einmaliges Industriedenkmal und lockt Besucher aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland an. Was sie nicht wissen und auch nicht sehen können: Die Anlage hat auch ihre „dunklen und geheimen Seiten“.

Das sind jene ausgedehnten, verwinkelten und abgeriegelten Bereiche, die der Öffentlichkeit normalerweise verschlossen sind – auch aus Sicherheitsgründen.  Dorthin gelangen noch nicht einmal die privilegierten Teilnehmer der „Großen Führungen“, die ja während ihrer zweieinhalbstündigen Tour doch schon mehr zu sehen bekommen, als jene, die nur einen 50-Minuten-Trip gebucht haben. Aber es sind nur verschwindend kleine Ausschnitte, die dabei sichtbar werden. Das gesamte Grubenfeld als solches erstreckt sich unter Tage über eine Fläche von 4,67 Quadratkilometern.  Die Länge der künstlich geschaffenen Transportwege, ob sie nun waagrecht oder senkrecht verlaufen, ergibt addiert eine Distanz von 30 Kilometern. Vom Personal begehbar sind davon noch zehn Kilometern, höchstens zwei Kilometer an Strecke werden  bei den Führungen abgedeckt. Dies zeigt, wie weitflächig das große Unbekannte hier ist.

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Auch in diesem Teil auf der 150-Meter-Sohle scheint die Zeit stehen geblieben. Niedrige Röhren und Tunnel, dien man nur gebeugt oder kriechend benutzen kann. Das Stahlgitter deckt den Eingang zu einem darunter gelegenen Stollen ab. Foto: Markus Novak

Zwischen Grusel und Faszination

Jenseits der offiziellen Route und Besucherpfade, abseits der 150-Meter-Sohle, oft nur durch kleine Spalten und Durchgänge erreichbar, erschließen sich neue, imposante, bizarre  Welten von Staunen machender Schroffheit. Die Grenze zwischen Grusel und Faszination ist hier fließend. Die in 250 Meter Tiefe gelegen Schwesternsohle im Stockwerk darunter ist hingegen nicht mehr zugänglich. Sie steht komplett unter Wasser. Apropos: Ein nicht unerheblicher Teil des Trinkwasserbedarfs der Stadt Wetzlar wird aus diesem Reservoir gedeckt. Jährlich 635.000 Kubikmeter fließen von hier aus in die Kreishauptstadt.

Einer Handvoll ehrgeiziger Fotografen haben die „Hausherren“ Einblick in den abgeschotteten, verborgenen Hinterhof „ihrer“ Grube, gewährt. Dies allerdings erst nach einer umfassenden Sicherheitseinweisung und dem fast eidesstattlichen Versprechen, unter keinen Umständen und keinen Millimeter von dem vorgegebenen Kurs abzuweichen. Denn das wäre Russischem Roulette nicht ganz unähnlich. Die Gefahr, dass sich hier und da mächtige Gesteinsbrocken lösen und herunter krachen, ist mehr oder weniger latent. Und das kann ziemlich ungesund sein, sofern man nicht weiß, wo genau sich diese Wackelkandidaten befinden, um ihnen dann tunlichst aus dem Weg zu gehen. Es ist der älteste  auf der 150-Meter-Sohle gelegene Bereich dieses un- und unterirdischen Areals. Und es ist abzusehen, dass es in den nächsten Jahren teilweise oder auch völlig einstürzt.

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Die große Halle: Ein Anblick, der auch den Telnehmern der Maxi-Führungen gegönnt ist. Foto: Markus Novak

Unheimlich und zappenduster

Es ist nicht „Deep Threat“, und es ist auch nicht „The Cavern“, oder „The Cave“. Wenngleich: Als Kulisse für einen ähnlich gestrickten Horrorthriller könnte dieses gespenstische Katakomben-Szenario durchaus dienlich sein. Es ist unheimlich – und zappenduster! Sicht: Null. „X-Ray“, wie der praktizierende Luftsportler sagen würde. Aber wir sind ja etwas weiter unten.

Der trübe Funzelschein der Kopflampen erhellt die Umgebung nur dürftig, entreißt geisterhafte Felsformationen bruchstückhaft der Dunkelheit, um sie dann wieder ins schwarze Nichts zurück zu schleudern. Abgesehen von dem doch etwas schaurigen Ambiente: Derart schlappe und kümmerliche Lichtverhältnisse stellen eine echte Herausforderung für jeden ambitionierten Fotografen dar. Da ist es mit Stativ und langen Verschlusszeiten alleine nicht getan. Hier muss improvisiert und getrickst werden. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Schnappschuss – oder so ähnlich. Die „Petromax“-Strahler (Starklicht-Petroleumlampen), minutiös exakt im richtigen Vorhalte- und Einfallswinkel eingesetzt, erwiesen sich da als nützliches Mitbringsel. Die tri-national bestückte Pixeltruppe kam auf jeden Fall auf ihre Kosten, wie beispielsweise auch die Ausbeute des Edingers Markus Novak belegt.

Reden wir nicht von Ästhetik. In dieser Hinsicht kann der Solmser Hades dem Herbstlabyrinth bei Breitscheid natürlich nicht das Wasser reichen – wenngleich letzteres auch hier nicht gerade knapp vertreten ist. Da stürzen kleine Bäche und Fontänen aus schmalen, verborgenen Spalten ins Nirgendwo, da tropft, pitscht und patscht es im Sekundentakt einem nicht näher definierten Rhythmus folgend von Decken und Wänden. Während die Erdbacher Schauhöhle ein geniales in Jahrmillionen gewachsenes Meisterwerk der Natur darstellt, ist das profane, nach der Glücks- und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie benannte Solmser Bergwerk nicht ganz so alt und nur von Menschenhand geschaffen. Ursprünglich als Tagebaubetrieb konzipiert, ging es hier mit der Abteufung des ersten Schachtes erst  Anfang des letzten Jahrhunderts in die Unterwelt. 1983 wurde das Bergwerk als solches stillgelegt, vier Jahre später erfolgte die Wiedereröffnung für den Besucherbetrieb.

Abenteuer mit “Backstsagepass”

„Fortuna“ bietet  authentischen Anschauungsunterricht, wie mühsam  sich unsere Altvorderen hier einst ihre Brötchen verdienen mussten und sich dabei krumm und buckelig malochten. Die ein oder andere Hinterlassenschaft der alten Bergleute findet sich im „Backstagebereich“ der Grube auch heute noch , beispielsweise in einem  abseits der „Hauptverkehrsader“ gelegenen Seitenstollen, in dem die Gleise der früheren Grubenbahn nicht ins Nirgendwo führen, sondern abrupt unter einer Geröllschicht verschwinden. Eine rostige, hochkant stehende Lore komplettiert das Stillleben, das seine Existenz freilich nicht einem Einsturz verdankt, sondern dem Pragmatismus der alten Kumpels geschuldet ist: Es handelt sich bei den Felsmassen um „taubes Gestein“,  dass man der Einfachheit halber  gleich an Ort und Stelle entsorgte, in dem man es in nicht mehr für den Abbau benötigte Bereiche schüttete.

 

 

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