Rotorman's Blog

Messen des Grauens: Der Ruf nach einem
Verbot von Reptilienbörsen wird lauter

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Wunderschön, faszinierend, exotisch. Eine grüne Wasseragame, auch „Grüner Wasserdrachen“ genannt. Die Tiere stammen aus Südostasien und leben dort im feuchtwarmen, tropischen Tieflandregenwald. Dort gehören sie auch hin- und nicht ein Terrarium in Wanne-Eickel. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Ob in Leipzig oder in Rendsburg, in Altenburg, Ulm, Hannover, Troisdorf, Köln, Recklinghausen, Chemnitz, Hamm, Dortmund  - und am kommenden Wochenende wieder Gießen: Für „Tierfreunde“ mit einem Faible für Exotisches und Ausgefallenes gibt es nichts, was es nicht gibt. Reptilienbörsen haben immer Saison. Das wird am Ostersonntag auch der Publikumsandrang  in der mittelhessischen Universitätsstadt wieder zeigen. Folgeveranstaltungen stehen dann in den hiesigen Hessenhallen im August und Dezember auf dem Programm. Tausende Besucher und Käufer werden die faszinierenden Kreaturen, die in ihrer überwiegenden Zahl so wenig in die hiesige Landschaft und unsere  Wohnzimmer passen wie ein Yeti auf Bora-Bora, bestaunen, sich vielleicht auch ein bisschen ekeln, aber vor allem kaufen. Oft genug ohne genau zu wissen, was der Händler ihnen da gerade in die Wundertüte, die meist nicht größer als eine Brotbox ist, gepackt und gequetscht hat.  

Geschweige denn ist sich der Kunde darüber im Klaren, welches Futter sein neuer Mitbewohner braucht, welche Umgebungstemperatur benötigt wird oder was der krasse Untermieter sonst für Ansprüche stellt. Das wissen die Verkäufer meist selbst nicht so genau. Die zum Ramschpreis verkloppten Noch-Lebend-Artikel gehen und sehen auf jeden Fall einer ungewissen Zukunft entgegen. Meist ist diese aber vorherbestimmt. Die Tiere enden früher oder später in der Tonne oder werden das Klo hinuntergespült, nachdem sie zuvor  jämmerlich verreckt, qualvoll verdurstet, erfroren, verbrannt oder erstickt sind.  C’est la vie, wie der Lateiner zu sagen pflegt. Oder anders formuliert: Das Leben ist kein Ponyhof.

Oder aber die inzwischen unerwünschten Kreaturen werden einfach ausgesetzt.  Da kann es in Folge schon mal passieren, dass einem in freier Wildbahn eine Königspython, eine Boa constrictor, eine „Schwarze Witwe“ oder ein paar Skorpione begegnen. Im Hessischen Schlitz hatte ein spielendes Kind im Februar sogar ein (totes) Krokodil gefunden. Die entsprechenden Auffangstationen, die sich auf die Aufnahme derartiger exotischer Fundstücke spezialisiert haben, platzen aus allen Nähten und wissen nicht mehr wohin mit den Gästen. Und daran wird sich auch nichts ändern, solange der Gesetzgeber nicht eindeutige Richtlinien formuliert. Im Koalitionsvertrag von 2013 hatten sich die Regierungsparteien zwar vorgenommen, gegen den Exotenhandel vorzugehen. Gewerbliche Tierbörsen und die Einfuhr von Wildfängen sollten verboten werden. Aber es blieb bei dieser Absichtserklärung.

Nur in acht Bundesländern ist der Besitz gefährlicher Tiere geregelt. Im Rest der Republik darf theoretisch jeder ohne jegliche Auflagen hochgefährliche Arten wie Grüne Mamba, Klapperschlangen und sogar Tiger beherbergen.

Die CEBIT für asoziale Exoten-Freaks

Stop

Die Veranstalter von Reptilienbörsen legen großen Wert darauf, dass es den Tieren gut geht. Fotos: PETA

Was, bitteschön, darf‘s denn sein? Leguane? Amazonas-Frösche? Sumpfechsen? Kaimane? Chamäleons? Geckos? Spinnen? Schlangen? Vipern? Ottern? Skorpione? Nimm‘ zwei, zahl‘ eins. Und im Dutzend sind die Viecher allemal billiger. Tierische Ramschware zu Schnäppchenpreisen.

Die Tierrechtsorganisation PETA hat die für kommenden Sonntag in der Lahn-Stadt geplante Exotenmesse  zum Anlass genommen, erneut bundesweit an die Genehmigungsbehörden zu appellieren, solche Qual-Shows in Zukunft nicht mehr zuzulassen. Dabei zählt die Gießener Börse eher noch zu den kleineren und unbedeutenden. Als weltweit größte ihrer Art gilt die „Terraristika“ in Hamm, die im Juni wieder ansteht und in der Regel viermal im Jahr öffnet. Das ist so eine Art CEBIT für asoziale Exoten-Freaks –  von ihrer ethisch und moralisch verwerflichen Ausrichtung her gesehen auch nicht besser als die Martial-Schau “Jagd und Hund” in Dortmund, die ja von sich als „Europas größte Jagdmesse“ kündet.  Aber das ist eine andere Baustelle. Wie es auf der „Terroristika“, ähm, nee,  „Terraristika“ zugeht, dokumentiert das folgende Video. Es stammt zwar von 2011, aber an den Zuständen und Abläufen dürfte sich seither nichts geändert haben:

Die Damen und Herren in den Amtsstuben machen sich, wenn sie ihr „O.K.“ für Reptilien- Präsentationen geben, mitschuldig am vieltausendfachen Leid und Tod unschuldiger und wehrloser, ihrer natürlichen Umgebung entrissener Tiere. Passau allerdings hat als erste deutsche Stadt dahingehend die Notbremse gezogen und lässt seit Oktober vergangenen Jahres  derartige Veranstaltungen nicht mehr zu. Zumindest sind städtische Flächen und Einrichtungen seitdem tabu und „No-Go-Areas“ für „Leistungsschauen“ dieser Art. Das Beispiel sollte Schule machen. Muss!

Nicht nur PETA, sondern auch andere Tierschutzorganisationen und -verbände laufen seit Jahren Sturm gegen diese pervertierte Form des Heimtier-Geschäftes. Die vom Bundesministerium  für Ernährung und Landwirtschaft  veröffentlichten „Leitlinien zur Ausrichtung von Tierbörsen unter Tierschutzgesichtspunkten“ sind nicht rechtsverbindlich und sowieso die Tinte nicht wert, mit der sie niedergeschrieben wurden. Das wäre ja auch das erste Mal gewesen, dass Lobby-Minister Christian Schmidt Nägel mit Köpfen gemacht hätte, beispielsweise dahingehend, dass er die Täter in die Pflicht nimmt und nicht ihre Opfer. In der agro-industriellen Massentierhaltung beweist der Mann ja regelmäßig, wo seine Präferenzen liegen und welcher Klientel er sich verpflichtet fühlt.

 Artgerechte Haltung in Gefangenschaft nicht möglich

Plakate

Verkaufsmessen, auf denen Reptilien und andere Exoten verramscht werden, haben das ganze Jahr über Saison. Ob die Kunden, die solche Tiere erwerben, auch nur einen blassen Schimmer davon haben, wie sie zu halten sind und welche Ansprüche sie stellen, spielt keine Rolle. Hauptsache der Euro rollt.

Von der Bundesregierung ist keine Abhilfe zu erwarten. Obwohl der Koalitionsvertrag ein Verbot gewerblicher Tierbörsen ausdrücklich vorsieht.  Das Angie-Kabinett tut, was es am besten kann: nix. Oder sitzt das Ganze eben aus. Hier ist es in erster Linie die CDU/CSU-Fraktion, die bis dato permanent und erfolgreich auf die Bremse tritt und sich weigert, die Vereinbarung abzusegnen.

Österreich ist da wieder mal weiter. Im Land der hohen Gipfel und tiefen Schluchten dürfen seit dem  1. April 2016, und das ist kein Scherz,  keine Wildtiere mehr auf Börsen und Messen gehandelt werden. Die Forderung von PETA Deutschland, mit über einer Million Unterstützern hierzulande die größte Organisation ihrer Art, geht noch darüber hinaus. Die Stuttgarter plädieren für ein generelles Haltungsverbot von exotischen Tieren in Privathaushalten. Eben weil eine artgerechte Haltung beispielsweise von Reptilien in Gefangenschaft nicht möglich ist.

 Ein ganz ekliges und schmutziges Geschäft

Davon abgesehen: Das Heimtier-Business ist sowieso ein eklig-schmutziges, aber ein millionenschweres. In welchem Ausmaß sich in diesem miesen Metier an der Schöpfung vergangen wird, haben Undercover-Ermittler des streitbaren und global agierenden Tierrechtsverbandes bei Recherchen in Deutschland, den USA und in Asien dokumentiert. Die verdeckt gemachten Aufnahmen sind nicht angenehm anzuschauen, man sollte es aber trotzdem tun:

Bei einem großen Teil der auf den diversen „Publikums-Messen“  angebotenen „Ware“ handelt es sich um „Naturentnahmen“ und keine Nachzuchten. Heißt: Die Tiere sind den Häschern irgendwo auf diesem Planeten in ihren Herkunftsländern in die Falle gegangen. Im Auftrag profitorientierter Händler und gedankenloser Endabnehmer plündern sie die letzten artenreichen Naturgebiete und Habitate. In Folge werden die Opfer tausende von Kilometer an ihren Bestimmungsort gekarrt – zu den Großhändlern. Die bedienen ein straff organisiertes Netz von Wiederverkäufern, die ihrerseits auf den einschlägigen Exotenbasaren auf einen schnellen Euro spekulieren. Bis zu den Veranstaltungsorten sind es dann aber auch meist noch mal viele hundert Kilometer. Mehr noch, wenn die Anbieter aus dem Ausland anrücken.

 Transportgerecht in Dosen verpackt und in Röhren gequetscht

First-Class-Reisen geht anders. Während des Transports werden die Tiere in kleinen Dosen „verpackt“, in Röhren gequetscht oder in andere Mini-Behältnisse, in denen sie sich nicht bewegen können. Daran ändert sich auch für die Dauer der Veranstaltung nicht viel. Es gibt zudem meist keine Möglichkeit für die bedauernswerten Geschöpfe, sich vor den Blicken oder Berührungen der Gaffer zurück zu ziehen. Das ist Stress pur. Räuber und Beutetiere sitzen dicht an dicht, nur durch ein dünnes Metallgitter getrennt, nebeneinander. Das sorgt für noch mehr Druck und Aufregung.

Der Gesetzgeber verharrt in Lethargie. Es gibt wichtigere Handlungsfelder. Beispielsweise die im September anstehende Bundestagswahl. Was  aber jeder einzelne gegen diese schrecklichen Verwerfungen tun kann? Exotisch-reptile Freak-Verkaufs-Shows wie aktuell die Gießener boykottieren und selbige nicht auch noch durch einen Besuch aufwerten. Viel Publikum  interpretieren die gewissenlosen Veranstalter als Indiz dafür, dass ja schließlich Bedarf und Nachfrage existiere, um daraus dann eine Legimitation abzuleiten. Das darf nicht sein. Also auch im Bekannten- und Freundeskreis dagegen halten.

 Gassi gehen mit dem Dickfinger-Gecko

Reptilien auf der Terraristika in Hamm

Artgerechte Haltung und totes Kapital: Viele Tiere überleben schon den Transport zu den Exotenbörsen nicht. Aber etwas Schwund ist ja immer drin und wird von vornherein enkalkuliert. Fotos: PETA

Zumal: Wer sich wirklich für die Lebensweise und das natürliche Umfeld solcher Tiere interessiert, wird bei den einschlägigen Dokumentationen, wie sie zuhauf auf Youtube zu finden sind oder auch von Arte und 3SAT regelmäßig ausgestrahlt werden, wesentlich besser, detaillierter und sachkundiger bedient – ohne dass es den Protagonisten schadet bzw. sie Leib und Leben kostet. Er muss nicht, um bewundernde Aufmerksamkeit zu generieren, einen leibhaftigen und auf seiner gebeugten Schulter platzierten  Agamura- oder Dickfinger-Gecko durchs Treppenhaus oder die Fußgängerzone tragen. Ein solches Accessoire macht aus einem intellektuell unterbelichteten Assi-Prekarier  auch keine respektable, für den Friedensnobelpreis vorgeschlagene Persönlichkeit. Zumal diese Tiere, die seit 50 Millionen auf dieser Erde leben, ihm in den meisten Fällen an Intelligenz  haushoch überlegen sein dürften.

Und noch etwas spricht gegen die Haltung von Exoten in den eigenen vier Wänden. Wir sprechen jetzt nicht von den Assis. Reptilienhaltung kann auch für den normalen Menschen zur Gefahr werden. Und das nicht unbedingt deshalb, weil die Viecher beißen oder stechen. Sie sind permanente Infektionsquellen und häufig Überträger exotischer Salmonellen-Arten, die auf den Menschen übertragbar sind und im schlimmsten Fall zu schweren Erkrankungen oder sogar zum Tod führen können! Dies betrifft nicht nur die Privathaltung, sondern auch den Besuch von Tierbörsen oder Reptilienausstellungen. Das Robert-Koch-Institut kann das belegen. Nachzulesen ist das hier:

Inzwischen hat sich auch der Zentralverband Zoologsicher Fachgetriebe (ZZF) gegen einen Handel mit Tieren auf gewerblichen Börsen ausgesprochen und sich im Vorfeld der Bundestagswahl mit einer entsprechenden Forderung an die im Bundestag vertretenen Parteien gewandt. Gut, die Interessenorganisation tut das nicht ganz uneigennützig, weil solche Verkaufsmessen natürlich eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz für ihre Mitgliedsbetriebe darstellen. Aber besser, das Dealen mit Exoten wird auf einfacher zu überwachende Fachgeschäfte beschränkt, als dass er, wie auf Börsen meist der Fall, weitestgehend unkontrollierter abläuft. Der Bundesverband für fachgerechten Natur-, Tier- und Artenschutz, die Bundestierärztekammer , der Deutsche Tierschutzbund, Pro Wildlife und TASSO unterstützten die Forderung.

 

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Ein Kommentar

  1. Zurzeit leben etwa 10 000 Giftschlangen, 200 000 Würgeschlangen und 10 000 Warane, Pfeilgiftfrösche und Chamäleons in deutschen Wohnzimmern. Diese vielfach aus freier Natur entführten Tiere werden, einmal bei uns in Europa, oft ohne die nötige Sachkenntnis gehandelt und verkauft, sodass immer wieder Exoten sterben, weil ihre Halter im Umgang mit den teilweise auch für Menschen gefährlichen Tieren überfordert sind. Hinzu kommt, dass viele vom Aussterben bedrohte und deshalb geschützte Arten bei Sammlern besonders begehrt sind und im Verkauf hohe Preise erzielen – was wiederum den Schmuggel antreibt. Das alles wird von einer nicht einheitlichen, mitunter gänzlich fehlenden Gesetzgebung begünstigt.

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