Rotorman's Blog

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Die einen berichten, die anderen fahren
Lastwagen – und beide bewegen sie etwas

Medien, insbesondere jene aus dem Printbereich, neigen ja dazu, bestimmte Ereignisse für sich zu vereinnahmen, um daraus Reputationspunkte und Honig zu ziehen. Der SPIEGEL, die Süddeutsche oder die FAZ machen da keine Ausnahme. Und mein innovatives Hausblatt, die von der Zeitungsgruppe Lahn-Dill herausgegebenen DILL-POST, auch nicht. Das ist durchaus legitim. Und es tut ja auch niemanden weh. Aber auffällig erscheint es mitunter schon.
„Wir berichteten (bereits) darüber“ ist da eine gängige, immer wieder gern aus dem Textbaustein-Kasten hervorgekramte Floskel. (Die Begeisterung kennt dann in der Regel keine Grenzen). Aber dahinter steckt System. Dass die Zeitung über relevante und interessante Themen und Vorkommnisse berichtet, erwarte ich eigentlich auch von ihr. Das gehört zu ihren ureigensten Aufgaben und sollte eigentlich keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfen. Da könnte der Brummi-Kapitän genauso stolz verkünden: „Ich bin Lkw gefahren!“ Aber man wird ja wohl noch mal darauf hinweisen dürfen, dass man es getan hat. Auch wenn das für den Fortgang der Angelegenheit, die man jetzt erneut aufgreift, weil sich vielleicht eine unerwartete Wendung ergeben hat, überhaupt nicht von Belang ist.

Die Verwendung dieser Floskel suggeriert dem geneigten Leser, dass die von ihm abonnierte Journaille selbstverständlich stets am Ball ist, war (und es auch zu bleiben gedenkt). Indem die Zeitung Bezug nimmt auf bereits von ihr Publiziertes nimmt, vermittelt sie Kontinuität und Verlässlichkeit. Der Rezipient weiß, und das ist ein beruhigendes Gefühl, dass er hier auch künftig bestens, kenntnisreich, zeitnah und umfassend bedient werden wird.

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Schaulustige und Vögel herbei geschrieben. Meine Zeitung bewegt etwas! Foto: Scan/Siegbert Werner

Steigern lässt sich das allenfalls durch den adjektivistischen Zusatz „exklusiv“. Also: „Wir berichteten exklusiv darüber“. Vor allen anderen! (Nicht der Einzelne, sondern das tapfere, homogene und sich ergänzende redaktionelle Kollektiv in seiner Gesamtheit hatte mal wieder den richtigen Riecher bewiesen und die Konkurrenz, so es sie überhaupt noch gibt, deutlich abgehängt.) Da freue ich mich immer diebisch, dass meine seinerzeitige Entscheidung, dieses und kein anderes Blatt zu beziehen, die richtige gewesen ist. So geht es vielen. Bei eventuellen Mitbewerbern hätte ich vielleicht alt ausgesehen, hätte erst viel später davon erfahren oder wäre im schlimmsten Fall sogar dumm gestorben.
Aber es geht natürlich noch besser: „Seit unsere Zeitung vor 14 Tagen erstmals über die ‚Invasion der Bergfinken‘ berichtete, findet allabendlich eine regelrechte Invasion von Vogelfreunden statt. Die Autokennzeichen beweisen, dass die Fans auch eine weite Anreise in Kauf nehmen: MZ, DO, F, HB, M, SI, MR, BID. Eine Kölnerin kam morgens um 10 Uhr und musste acht Stunden warten, ehe die Show begann…“ Ausgabe Der DILL-Post vom 11. Februar 2015. In deren Schwesterausgaben las sich das genau so.
Hey! Wir bewegen etwas! Die Dinge, von uns angeschoben, gewinnen an Fahrt. Gut, die zweimalige Verwendung des Begriffs „Invasion“ in einem einzigen kurzen Satz zeugt jetzt nicht gerade von Wortschatzfülle und Ausdrucksreichtum. Aber seien wir nicht kleinlich. Der Artikel bezieht sich auf das Naturschauspiel am Haiger-Steinbacher Sportgelände, wo seit Mitte Dezember Abend für Abend riesige Vogelschwärme zum Übernachten einfallen.

Bergbote-kleinDie Zeitung hat darüber berichtet, und ab da ging es erst richtig los. Sie hat Vögel und Schaulustige herbei geschrieben. Selbst in entfernten Regionen wie Bremen, Mainz, Dortmund oder Köln hat man den Artikel (und die Folgeberichterstattung wohl auch) mit Interesse wahrgenommen und sich flugs auf den Weg zum Ort des Geschehens gemacht. Das nenne ich Reichweite! Und ohne diese engagierte und fundierte Berichterstattung wären auch nie so viele Fiederlinge gekommen. Anfangs waren es 800.000. Inzwischen sind es angeblich über vier Millionen! Mein lieber Schwan, bzw. Fink! Wenn die als Bezieher gewonnen werden könnten, wäre die Zeitungsgruppe alle Abo- und Auflagensorgen auf einen Schlag los. Aber die Piepmätze kommen dummerweise aus Skandinavien und Russland, wohin sie früher oder später auch wieder zurückkehren. Dort beziehen sie das  „Aftonbladet“, den „Expressen“, das „Fjordabladet“, die „Komsomolskaja Prawda“ und die „Nowaja Gaseta“.
Wobei sich einige heimische Ornithologen in diesem Zusammenhang schon fragen, woher diese unvorstellbar große Zahl von vier Millionen Vögeln auf einmal herkommt. Damit hätte sich der temporäre Bergfinken-Bestand binnen einer Woche glatt verdoppelt. Die Zeitung beruft sich bei dieser Angabe auf die Schätzung von „Experten“. Müssen wohl Rechenexperten gewesen sein… Aber wer beweist das Gegenteil?

„Unser Leser“ – Phänomen und Phantom zugleich

In Verbindung mit der Selbstdarstellung des „eigenen“ Mediums auch immer wieder gerne und nachgerade inflationär bemüht sind ganz bestimmte Possessivpronomen. „Unser“  Leser führt da uneinholbar die Hitliste an und wird vereinnahmt, ob er will oder nicht. Da kann man/er sich auch gar nicht gegen wehren. Der Kerl ist Phänomen und Phantom zugleich. Und es ist nämlich nicht etwa  ein  Abonnent oder der der anderen, sondern natürlich und ausschließlich  „unser“ eigener, der „uns“ das tolle Foto geschickt hat, das wir in „unserer“ Zeitung veröffentlichen, weil „unsere“ Redaktion das den anderen „unserer“ Leser nicht vorenthalten wollte.  Apropos: Politiker X sagte gegenüber „unserer Zeitung“ dies und das.  Selbige, also  „unsere Zeitung“, hatte nämlich nachgefragt und nachgeforscht.  Und es gibt natürlich auch „unseren“ Leseranwalt, „unseren“ Mitarbeiter und „unsere“ Lokalredakteur. Letzterem ist bekanntlich ja auch nix zu schwör. Das vermittelt Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühlt. Wir sind doch alles eine, wenn auch zunehmend kleiner werdende große Familie! Und müssen zusammenhalten. Die Zukunft ist „unser“.

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