Rotorman's Blog

Oh Wetzlar, Deine Füchse! Kriegserklärung
unter fadenscheinigen Gründen: Halali!

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Der Fuchs ist ein Kulturfolger. Wenn er in von Menschen bewohnten Siedlungen ein besseres Nahrungsangebot als in Wald und Feld vorfindet, bedient er sich halt da. Deshalb muss Reineke nicht gleich Tollwut oder den Bandwurm haben. Foto: Helmut Weller

Da scheint irgendwer an nicht ganz unexponierter Stelle der Wetzlarer Stadtverwaltung noch eine Rechnung mit Reineke offen zu haben. Der und die Seinen sind, im Sommer noch als ungefährlich eingestuft, binnen weniger Wochen zu einer Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und Volksgesundheit geworden. Und deshalb soll(te) es ihnen auch an den Pelz(Kragen) gehen. Ja, ja, die roten Wildhunde haben Überhand genommen im Stadtgebiet. Rotten sich grüppchenweise an Straßenecken und in Parks zusammen und belästigen unbescholtene Bürger. Eine Bande renitenter Halbstarker in den modischen Saisonfarben Rost-Braun. Und ansteckende Krankheiten haben die Buschschwänze auch noch. So geht das nicht! Da sah sich das städtische Ordnungsamt in der Pflicht, Recht und Ordnung wieder herstellen.
Noch im Sommer hatte die Pressestelle der Dette-Administration in einem auf der städtischen Webseite zum Download platzierten Merkblatt vermeldet, dass von Füchsen keine direkte Gefahr für den Menschen ausgehe und die früher weit verbreitete Tollwut ausgerottet sei. Inzwischen ist  sie offenbar wieder da, diese tückische Virusseuche. Simsalabim! Eine  gesundheitliche Gefährdung durch Tollwut sei nicht mehr auszuschließen, heißt es in einer Mitte November herausgegebenen Warnung.  Man darf jetzt aus dem Veröffentlichungstermin auf die inhaltliche Stichhaltigkeit des Pamphlets schließen: Es war der 11.11.
Neben der Tollwut werden in dem Papier auch Räude und Fuchsbandwurm als nicht zu unterschätzende Gefährdungspotentiale aufgeführt. Die Rede ist wieder von vermehrtem Auftreten von Füchsen in Wohngebieten, dem Einhalt zu gebieten sei. Und das in einer gezielten, mit der Unteren Jagdbehörde abgestimmten Aktion. An „ausgesuchte Orten“ sollten deshalb Lebendfallen aufgestellt werden, um der Rotröcke, die in Folge im Veterinäramt auf Krankheitserreger hin untersucht werden sollten, habhaft zu werden.

Euphemische Beruhigungspillen fürs zarte Gemüt

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Einfach mal auf Verdacht hin abknallen? Der Junge Fuchs blickt mit großen Augen in die Welt. Was die für ihn bereithält, außer vielleicht einer präventiven Kugel? Foto: Privat

Das hörte sich zunächst harmlos an. “Lebendfallen” klingt gut und “sozialverträglich”. Der Bezeichnung haftet ein gewisser Hauch von schonender Nachhaltigkeit an. Dieser zunächst auch durchaus korrekte Euphemismus war ja auch eher als Adumbran fürs zarte Gemüt blauäugiger gutmenschelnder Tierfreunde gedacht. Doch das Zeugs wirkte nicht. Dass die Tiere, so sie denn wirklich so dumm gewesen wären, in diese (noch gar nicht eingerichteten)Hinterhalte zu tappen, anschließend erschossen werden sollten, wurde tunlichst verschwiegen.
Für Untersuchungen am lebenden Objekt hätten der Veterinärbehörde die Voraussetzungen gefehlt.  Um zum Beispiel Fuchsbandwurm zu diagnostizieren (oder auch nicht), bedarf es der Analyse verschiedener, über mehrere Tage verteilter Kotproben. Und um die Tiere so lange einzuquartieren, bis sie aufs Töpfchen müssen, dafür mangelt es in der Herborner  Schloßstraße an räumlichen Kapazitäten. Und Tollwut lässt sich sowieso nur durch Untersuchungen des Gehirns feststellen. Also deshalb. Rübe (gleich) ab!  Und dann sehen wir weiter. So was nennt man dann Prävention.
Dass hier Kommunalbeamte deutlich übers Ziel hinaus geschossen sind und sich ein klein wenig zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, liegt auf der Hand. Buchen wir es zunächst als “blinden Aktivismus” ab. Seit 2006 hat es in ganz Deutschland keinen einzigen Tollwutfall  unter Wildtieren mehr gegeben, außer bei Fledermäusen. Und der Fuchsbandwurm, der zu den seltensten Parasitosen Europas zählt,  ist 2013 in Hessen nur einziges Mal geortet worden. Etwas wenig, um solche drakonischen Initiativen wie die der Wetzlarer zu rechtfertigen. Aber hatte Dabbelju-Schorsch seinerzeit für den Einmarsch im Irak nicht einen ähnlich triftigen Grund? Den der Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden? Davon mal abgesehen, ist jene Bandwurmvariante, die von Hund und Katze verbreitet und übertragen wird, genauso gefährlich und doppelt so häufig.  Regt sich da irgendwer drüber auf? War und ist das ein öffentliches Thema?
Aber das mit den vermeintlichen Krankheiten und den von Füchsen ausgehenden Gesundheitsgefährdungen scheint sowieso nur ein Vorwand zu sein. Kein Mensch, der alle seine Sinne beisammen hat und der die Zahlen und Tatsachen kennt, kann in diesem aktuellen Fall  ernsthaft damit argumentieren wollen. Aber es hört sich zunächst halt besser und dramatischer an. Das Ordnungsamt beruft sich nämlich auch auf „vermehrte Klagen aus der Bevölkerung über Füchse“, die freilich nicht näher erläutert werden. Aber es habe Fälle zu gegeben, da hätten Bürger von der Stadt Schadenersatz gefordert, weil Reineke sich in ihrem Hühnerstall bedient habe. Die richtige Antwort aus dem Rathaus hätte lauten müssen: „Selbst dran schuld! Sichert Eure Gehege doch ordentlich und richtig ab!“. Wenn ich meine (natürlich, wie immer) prall gefüllte Geldbörse am offenen, ebenerdig zu einer stark frequentierten Straße hin gelegenen Fenster deponiere, kann ich ja von der Straßenbehörde auch keine Entschädigung verlangen, wenn das Ding geklaut wird.

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Berühmt: Der kackende Fuchs aus Ehringshausen. Er hat wohl seine in Wetzlar lebenden Vettern inspiriert. Foto: Helmut Weller

Ob beim Malen des aktuellen Schreckens-Szenarios vielleicht auch jener außergewöhnliche „Vulpes vulpes“ Pate gestanden hatte, den der Ehringshausener Naturfotograf Helmut Weller im Sommer in einem Ortsteil seiner Heimatgemeinde ablichtete? Der junge Rüde flanierte regelmäßig durch das Dorf, kackte schon mal seelenruhig auf die Hauptstraße und ließ sich auch vom Autoverkehr nicht stören. Möglicherweise hat der seine Vettern in der benachbarten Domstadt ja inspiriert….

PETA schickt Protestnote ins Rathaus

Von einer durch nichts zu rechtfertigenden Überreaktion der kommunalen Behörden spricht auch die weltweit operierende Tierrechtsorganisation PETA.  Dr. Edmund Haferbeck, Leiter der Rechts- und Wissenschaftsabteilung dieser Organisation, hat die Wetzlarer in einer Protestnote aufgefordert, die Aktion umgehend zu stoppen. „Um den regelrechten Vernichtungsfeldzug gegen die Füchse zu rechtfertigen, wurde ihnen kurzerhand das Image des Krankheitsüberträgers verpasst – ungeachtet der Tatsache, dass die Fakten eine völlig andere Sprache sprechen“ beklagt er. Es bestehe, auch aus wildbiologsicher Sicht, keinerlei Notwendigkeit für diese Aktion, zumal eine Tötung der Tiere auch gegen § 17 des Tierschutzgesetzes verstoße. Um zu veterinärmedizinischen Erkenntnissen zu gelangen, wie sie die Wetzlarer zu benötigen vorgeben, reichten zudem Proben von Füchsen, die dem Straßenverkehr zum Opfer fallen, aus. Und das sind auf deutschen Straßen Jahr für Jahr Zigtausende. “Aus Beuteneid und Lust am Töten werden darüber hinaus etwa eine halbe Million Füchse pro Jahr auf grausamste Weise durch Jäger getötet“,  insistiert Haferbeck. Hessen weit liefen den Nimrods  in der Jagdsaison 2013/14 übrigens 30.955 dieser Tiere vor die Flinten. In der Saison davor hatten die Waidmänner sogar noch mehr Zielwasser getrunken. Da wurden 48.266  Reinekes über den Haufen geschossen.

Unnötig und kontraproduktiv

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Wenn ich mal groß bin, werde ich Terrorist und ziehe in die Stadt – nach Wetzlar. Dort gründe ich dann die RBRAF (= Rost-Braune-Reineke-Armee-Fraktion) und verbreite Angst und Schrecken! Foto: Privat

Aber die Bejagung von Füchsen ist, so Dr. Edmund Haferbeck, nicht nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv.  Die Tiere wanderten unter Verfolgungsdruck einfach in andere Reviere ab und pflanzen sich dort unkontrolliert weiter fort. So bedinge die Jagd auf sie nicht nur einen Anstieg der Geburtenrate, sondern auch die potentielle Verbreitung vermeintlicher Krankheiten.
Inzwischen liegt die “Operation Fuchs” in Wetzlar aber erst mal auf Eis. Die Jagd scheint zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat. Der Vorgang parkt, wie es so schon heißt, zur weiteren Entscheidung (und Besinnung) auf Dezernatsebene und soll im Magistrat noch einmal eingehender erörtert werden. Die Stadtväter fürchten Widerstand oder haben gar Angst, sich mit dieser Maßnahme zu blamieren. Wer lässt sich schon gerne vorhalten, mit Artillerie auf Spatzen zu ballern? Und für die nächste Stadtverordnetensitzung haben die Grünen einen Antrag vorgelegt,  den kompletten Vorgang vom Tisch zu fegen. Halali!

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