Rotorman's Blog

Aus dem Jungfernzwinger zur Auszieh-
Vorstellung in die Tischtanz-Kneipe

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Rudelgucken: Gut besuchte Auszieh-Vorstellung in der Tischtanz-Kneipe statt Stiptease-Show in der Table-Dance-Bar. Die Damen haben übrigens eine „Erlaubigung“ für ihr Gewerbe.

Von Jürgen Heimann

Die Schlagzeile mutiert zur Headline, die Leidenschaft zur Passion und die Verlautbarung zum Statement. Aus dem Verfasser wurde der Autor, aus dem Glaubensbekenntnis das Credo. Oft war es aber auch umgekehrt. Natürlich ist es ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Den hatte, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, ja schon der olle Don Quichotte krachend verloren. Der Versuch, die deutsche Sprache von ausländischen Einflüssen frei zu halten oder zu bereinigen, ist aussichtslos, mitunter auch müßig. Heuer, in unserem globalisierten Zeitalter, noch mehr als im 16. Jahrhundert, als die ersten Sprachgesellschaften dieses Ziel auf ihre Agenda, pardon, Tagesordnung setzten. Aber schon Goethe hatte erkannt: “Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt“.

Ein Drittel der im Deutschen gebräuchlichen Worte haben einen Migrationshintergrund, behauptet der Journalist und Linguist Ralf Bachmann. Dazu gehört auch der Tollpatsch aus Ungarn. Den Griechen verdanken wir die Parallele, den Patriot, die Muse und die Fantasie, den Lateinern das Amulett, den Wein, den Lokus und das Fenster. Die Italiener steuerten den Kredit, das Mosaik, die Posse und den Kohlrabi zu unserem Vokabular bei, von den Franzmännern stammt das Dessous, die Pantoffel, das Negligé, das Bonbon und das Rendezvous. Und die Attatürks halfen uns mit dem Sofa, dem Papagei, der Fanfare und dem Spinat aus.

Nichtsdestotrotz gilt das Eindeutschen sogenannter Fremdwörter bei Sprachpuristen immer noch als Pflichtübung. Auf der einen Seite können Importe das Deutsche durchaus bereichern und ergänzen, andererseits verzetteln wir uns aber auch zunehmend in schierer Anglomanie, während unsere Ahnen da eher auf aus dem Französischen, Lateinischen oder Griechischen stammende Begriffe abfuhren. Beim ollen preußischen Fritz sprach der Adel vornehmlich Französisch, was dann in eine Frankofonie ausartete, die dem heutigen Denglish durchaus ebenbürtig war. Aus dieser Zeit herübergerettet haben sich die Bulette und das Erbspüree, das Filet und die Roulade, das Milieu, das Malheur und die Mayonnaise. Und da war doch noch was. Ach ja, der Salon, die Sabotage, der Esprit und die Promenade.

Viele Begriffe konnten im Laufe der Zeit erfolgreich getilgt bzw. ersetzt werden, andere hielten und halten sich hartnäckig. Bei wiederum anderen gibt es ein akzeptiertes Nebeneinander. So harmonieren “komfortabel” und “bequem” in friedlicher Co-Existenz. Der “Abstand” geht nicht auf “Distanz” zu letzterem, und die Gunst des “Augenblicks” wird zum “Moment” der Wahrheit, wenn sich der “Contract” mit dem “Akteur” als schlechter “Vertrag” mit dem “Schauspieler” entpuppt.

Pinkeln in die Herrenunterhose mit kurzem Beinkleid

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Da ist Musik drinne: „Holzklingklang“ hört sich allemal besser als Xylophon an. Aber niemand käme auf den Gedanken, mit dem „Luststock“ zu spielen. Da nehmen wir lieber den Joystick, kaufen unsere Semmeln im Back-Shop statt im Bäckerlanden und pinkeln nicht in die Boxer-Shorts, sondern die Herrenunterhose mit kurzem Beinkleid. Vom Resultat her egal bleibt es sich, ob wir uns im Pub oder in der Kneipe um die Ecke begasen, ob der Notenfuchtler nun dirigiert oder erigiert.

Da kann man im Kreislauf der Zirkulation aber mit leben. Aber wenn wir als User beim Versuch, das Betriebsprogramm zu relaunchen, den vom outgesourcten Customer-Support upgeloadeten Download für das All-inclusive-Upgrade mittendrin canceln, nur weil der ganze Prozess in Slow-Motion abläuft, und uns darüber dann anschließend über die Hot-Line beim Creative Associate Chief Accountant-Manager-Assistant beschweren, wird’s schon grenzwertig. Da kann man sich doch gleich in die Boxer-Shorts machen, anstatt in die Herrenunterhose mit kurzem Beinkleid zu pinkeln. Der Erfinder besagter Boxer-Shorts war übrigens ein Deutscher: Hieß Kurt C. Hose. Die Hessen sagen übrigens “Rüsselsheim” dazu. Andererseits: Wer kauft sich schon einen Kompaktschallplattenspieler, wo es doch CD-Player gibt? Gechillt und relaxed wird anschließend im Coffee-Shop oder im Pub, statt sich ein Bierchen in der Eckkneipe zu gönnen. Getreu des zur Devise verkommenen Wahlspruchs: Der Klügere kippt nach! Im Back-Shop gibt es übrigens heute Half-Price-Offerten: Snacks für die Hälfte….Cool!

Als Krautbeschreiber mit der Dörrleiche ins Lotterbett

Die deutsche Sprache kennt tausende Begriffe, deren fremde Herkunft uns gar nicht bewusst ist. Testament, Fundament und Bibliothek gehören dazu. Letzter Wille, Grundstein und Bücherei sind gebräuchliche Entsprechungen dafür. Erfunden hat sie bereits im 17. Jahrhundert ein gewisser Philipp von Zesen, ein Dichter, Kirchenliedtexter und Schriftsteller, der sich selbst und den andere als Sprach-, Vers- und Orthographiereformer sah(en). Er war und ist der bekannteste unter seinesgleichen. Viele seiner Eindeutschungen sind noch heute gebräuchlich. Von Zesen machte aus der Adresse die Anschrift, aus der Exkursion den Ausflug, aus der Orthographie die Rechtschreibung und aus dem Dialekt die Mundart. Auf weniger fruchtbaren Boden fielen hingegen seine Alternativ-Vorschläge für Botaniker, Mumie oder Kloster. „Krautbeschreiber“, „Dörrleiche“ und „Jungfernzwinger“ hatte er dafür anzubieten. Aber das sagt kein Mensch. Und auch der Begriff “Gesichtskreis” anstelle von Horizont konnte sich nicht durchsetzen. Gleiches gilt für das “Lotterbett” (das Sofa) oder den “Schalksernst” (die Ironie).

Aber auch der Pädagoge, Schriftstellerund Verleger Joachim Heinrich Campe (1746 – 1819) war auf diesem Trip und dabei sehr emsig und bemüht. Er setzte das Erdgeschoss dem Parterre entgegen, machte aus dem Takt das Feingefühl und nannte das Rendezvous ein Stelldichein. Die Karikatur war bei ihm ein Zerrbild, die Debatte ein Streitgespräch und die Universität eine Hochschule. Für seinen Vorschlag, Soldaten als “Menschenschlachter” zu bezeichnen, hätten ihm die Militaristen seiner Zeit liebend gerne vor ein Exekutionskommando gestellt, während sich Campe auch bei der katholischen Kirche kaum Freunde gemacht haben dürfte. Die Katholiken waren für ihn nämlich “Zwangsgläubige”, während er für Protestanten gerne den Begriff “Freigläubige” etabliert hätte.

Beim Rudelgucken den Toten zuschauen

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Warum sich Kompaktschallplattenspieler kaufen, wenn es doch CD-Player gibt? Da könnte man ja gleich die Klitsche von Bill Gates „Winzigweich“ nennen. Aber das wäre „Dummfug“. Und Rudelgucken wird durch einen „Wandbildwerfer“ erst zum Erlebnis. Expert-Klein bietet die Dinger als „Beamer“ an. Auch der Begriff „Kommtzurück“ für Bumerang hat sich nie wirklich durchsetzen können.

Viele der heute zum allgemeinen Sprachgebrauch gehörenden Importe sind aus unserem Wortschatz nicht weg zu denken, weil sie nicht nur kurz und treffend sind, sondern auch von allen auf Anhieb verstanden werden: Die Bar und der Flop gehören ebenso dazu wie der Flirt, der Test, der Partner, der Tipp, der Lift, der Hit, der Clown und die Party. Seit der Fußball-WM 2006 ist auch der (markenrechtlich geschützte) Begriff “Public Viewing” gebräuchlich, der inzwischen sogar Einzug in den Duden gehalten hat und dort als “Gemeinsames Sichansehen von auf Großbildleinwänden (im Freien) live übertragenen (Sport-)Veranstaltungen” definiert wird.  Das Geschehen wird von einem “Wandbildmacher” (Beamer) auf die Leinwand projiziert. Und das Publikum, die “Zuschauhörer”, freut sich….

Im Englischen bedeutet der Begriff “Public Viewing” freilich etwas ganz anderes: Leichenschau. Trifft’s aber mitunter auch. Nicht wenige unserer hochbezahlten Fußballer haben ja das Bewegungsprofil von Toten. “Rudelgucken” lautet die deutsche Entsprechung für „Public Viewing“, die ebenfalls immer mehr Freunde findet und etwas salopper rüber kommt – ungeachtet (oder trotz) der Assoziation mit „Rudelbumsen“ für Gruppensex. By the way: „Sex“ ist ein kurzes, prägnantes und griffiges Wort. Dagegen hat der langatmige Geschlechtsverkehr keine Chance.

Vorsicht ist stets bei wörtlichen Übersetzungen moderner Ausdrücke geboten. Da könne man zu Microsoft ja gleich auch “Winzigweich” sagen, den Joystick als “Luststock” benutzen, im “Gesichtsbuch” (Facebook) blättern, die neueste Version des “Zwischennetz-Erforschers” (Internet-Explorer) installieren und sich die Gehörgänge mit “Felsenmusik” (Rockmusik) zu dröhnen. Andererseits sind der Phantasie und Kreativität keinerlei Grenzen gesetzt, wenn es um rigorose Eindeutschungen geht. Apropos Kreativität: Warum sagen wir nicht gleich “Ideesamkeit” dazu?

Ein Quickie mit dem Kerbtierkundler

Ein “Quickie” wäre dieser Logik zufolge ein “Schnellbeischlaf” und der Container würde zum “Be-inhalter”. Und was, bitte schön, haben wir unter einer “Auszieh-Vorstellung” zu verstehen? Klarer Fall: eine Striptease-Show. Entsprechend müsste dann der korrekte Begriff für “Tabledance-Bar” auch “Tischtanz-Kneipe” lauten. Insektizide sind im Grunde genommen nichts anderes als “Kleintiermeuchler”, Entomologen (Insektenforscher) wären somit Kerbtierkundler. Und den Physiker könnten wir dann auch gleich einen “Entstehungsgesetzler” nennen. Entsprechend wäre ein Biologe ein “Lebenserkunder”. Retortenbabys heißen künftig “Gefäßkinder”, während der “Duftnebel” das Deo-Spray ersetzt. Aber die Asche des lieben Verstorbenen in einem “Leichtentopf” statt in einer Urne zu bestatten,  das würde dann doch wirklich zu weit führen. Und mitunter haben wir auch mal Fieber, aber doch kein “Zitterweh”.

Kreisgeld für den Notenfuchtler

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Sie machten aus der Adresse die Anschrift und aus dem Paterre das Erdgeschoss: Die Sprach- und Orthographie-Reformer Philipp von Zesen (links) und Joachim Heinrich Campe (rechts).

Und mal ehrlich: “Holzklingklang” hört sich doch hundertmal  besser als Xylophon an. Und statt von Scherzkeksen zu kosten, könnten wir doch auch “Lachgebäck” naschen. Und gehen dann zur „Haarschneiderin“ statt zur Frisörin. Die ist mit einem “Notenfuchtler” (Dirigenten) verheiratet und hat eine “Erlaubigung” (Lizenz)  für ihr Gewerbe. Die Dame, übrigens eine überzeugte “Friedhalterin” (Pazifistin), hört während der Arbeit im Radio immer den “Schlageraufmarsch” (Hitparade) und nimmt ihn auf “Hörband” (Kassette) auf. Nebenbei telefoniert sie per “Handfernsprecher” (Handy) mit ihrem Mann, was die „Gefahrung“, also das Risiko beinhaltet, dass sie abgelenkt wird und mich ins Ohrläppchen schnippelt. Während sie föhnt, halte ich via Spiegel “Blicksicht” (Blickkontakt). Als Entlohnung für ihre Bemühungen zücke ich natürlich den Geldbeutel und nicht das Portemonnaie, in dem sich statt Guthaben noch „Dabeihaben“ befindet, und lege ihr Kreisgeld statt Münzen auf den Frisiertisch.

Dummfug auf dem Tastenbrett

Mein monolingual (einsprachig) aufgewachsener Nachbar, von Beruf „Verbrechenslehrer“ (Kriminologe), treibt  es auf die Spitze, wenn er auf dem „Tastenbrett“ (Keyboard) klimpert, die „Bürgerei“ (Politik) für ein schmutziges Geschäft hält, am Heizungsthermostat nicht die Temperatur, sondern die „Kaltwärme“ regelt und sonntags zum „Schmetterball“ (Tennis) geht. Für ihn sind Kathedralen auch eher „Gottesburgen“, iPods „Klangschachteln“ und Pagoden „Tannentürme“.  Und der Bumerang  heißt bei ihm „Kommtzurück“. Dass der Mann sich in seinem Karnickelzucht-Club nicht engagiert, sondern sich „einbringt“ und die Vereinschronik nicht illustriert, sondern „bebildert“, lasse ich ihm ja noch durchgehen. Aber muss er einen Virus deshalb gleich „Krankling“, eine Epidemie „Verkrankung“  und Terroristen als „Anschläger“ bezeichnen? Das hätten selbst von Zesen und Campe  nicht „übernullig“, also positiv gefunden und stattdessen als „Dummfug“ (Blödsinn) bezeichnet.

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