Rotorman's Blog

Gesellschaft für bedrohte Sprachen
erforscht den Hirzenhainer Dialekt

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen (GBS) hat Hirzenhain entdeckt und vor Ort versucht, die Geheimnisse des hiesigen Dialektes zu erkunden. Dabeistand den im Auftrag der UNESCO recherchierenden Sprachforschern unter anderem auch Wolfgang Hermann Rede und Antwort.

Von Jürgen Heimann

„Wais mer mol doi Schlerrerfass, ob do noch moin Wettstoa passt!“ Für ungeübte Ohren hört es sich an wie eine krude Mischung aus Sanskrit, Suaheli, Dari und Döner-Germanisch. Wobei jeder zweite Vokal durch einen Konsonanten ersetzt wird, während die Betonung der einzelnen Silben, soweit vorhanden, je nach Wetterlage und Tagesform variiert. Mit anderen Worten: Der Außenstehende versteht nur Bahnhof. Wir reden hier von keiner Geheimsprache, sondern von Hirzenhainer Platt. Das immerhin den Vorteil bietet, dass man sich damit noch in den entferntesten Winkeln dieses Planeten etwas zu Trinken bestellen kann: „Veier Beijer“. Die Order checkt sogar der begriffsstutzigste Strandkaschemmen-Wirt im Westen Neu-Guineas oder dessen Kellner-Kollege im australischen Outback.

IMG-20180822-WA0001Mehr als besagte vier Bier muss freilich der Etymologe Hugo Friedrich Ernst Moritz (1769 – 1860) intus gehabt haben, als er schrieb: „Der Hirzenhainer Dialekt ist zwar schlicht strukturiert, aber ungemein kontrastreich und in seiner artikulativen Variationsbreite von nachgerade ironischer Doppelbödigkeit. Der Dialekt Hirzenhains ist schwer an Sinn und Geist, in seinem Gestalten, seinen nuancenreichen  Bildungen, Färbungen und Beleuchtungen aber unendlich frei und beweglich. Er hat Ton, Akzent und Musik und ist von einem unerschöpflichen phonetischen Reichtum“. Prost!

Die Gesellschaft für bedrohte Sprachen (GBS) ist im Auftrag der UNESCO den dialektischen Dingen und sprachlichen Verwerfungen vor Ort auf den Grund gegangen. Deren Fachreferent für phonetische Abnormitäten, Dr. rer.phil Harry Hirsch, hat sich im Segelfliegerdorf umgeschaut und im Rahmen seiner Recherchen auch mit dem Lokal-Linguisten Wolfgang Hermann unterhalten. Das Interview  ist in der jüngsten Verbands-Zeitschrift “Dummschwätzer” erschienen. Folgend mit freundlicher Genehmigung  des Verlags  Auszüge des daraus.

Wolfgang Hermann über die sprachlichen Fallstricke des Hihai-Idioms

WOLFGANG HERMANN: Hinner Hannes Henneshaus hinge honnert Hemmer raus, honnert Hemmer hinge raus hinner Hannes Hennes Haus!”

HARRY HIRSCH: Wie bitte?

WOLFGANG HERMANN: Naut. Aich ho nur laut gedoicht. Des es moin Konfirmationsspruch gewese. Domols wor uis koan oanner engefann.

HARRY HIRSCH:  A ja. Meiner war kürzer :-) Herr Hermann, Sie hatten seinerzeit in der Schule als zweite Fremdsprache Hochdeutsch gewählt. Was ist Ihre Muttersprache?

WOLFGANG HERMANN: Platt!

HARRY HIRSCH: Wie kommt das?

WOLFGANG HERMANN: Wos?

HARRY HIRSCH: Warum sind Sie erschöpft, also platt?

WOLFGANG HERMANN: Naa, aich moan Hirzehoaner Platt. Moddersproche haaßt des owwer ach nur deshalb, weil der Babbe dohaom naut z‘ soa hat.

HARRY HIRSCH: Ach su, ähm, ach so. Selbstverfreilich. Die Dialekte unterscheiden sich ja von Dorf zu Dorf. Können Sie unseren Lesern den Unterschied zwischen der Hirzenhainer Ausdrucksweise und beispielsweise der der Eierhäuser und der Lixfelder erklären?

On, aun en een Omer

WOLFGANG HERMANN: Also, des lässt sich om beste mit Zoln erklärn. De Hirzehoaner sa „on Omer“, de Eiershäuser Dommbraddeler „aun Amer“ en de Lissfeller Blesse „een Emer“. Wos‘n Omer es, waaast dau?

Harry Hirsch: Ähm, nee.

WOLFGANG HERMANN: En Omer es e Moas. Wu mer de Menge mit messt. Mr saht jo aach, der sefft ommerwase Beijer. Mir häi  in  Hirzehoa zappe uis des, dey Lissfeller lorre sich des lange. Do is des Werrer ach schleacht, bei uis schlaicht. Owwer imgekiert. Bei den Lisfellern roads, bei uis roands. En de Eibächer ho gor koa Werrer.

HARRY HIRSCH: Verstanden. Unlängst haben wir ein kurzes Gespräch zwischen einem Hirzenhainer Ehepaar mittleren Alters belauschen können. Der Mann sagte: “Wais mer mol doi Schlerrerfass ob do noch moin Wettstoa passt!” Was meinte er damit?

WOLFGANG HERMANN: Des es Sauerei. Do soan aich naut dezou.

HARRY HIRSCH: Aber was haben wir uns denn jetzt tatsächlich unter einem “Schlerrerfass” vorzustellen?

WOLFGANG HERMANN:  Wos wast dau do, su domm zu free. Do kimmt der Wetzstoa nie!

HARRY HIRSCH: Also ist ein “Schlerrerfass“ mit einem “Solwerfass” weder verwandt, noch verschwägert?

WOLFGANG HERMANN: Es Solwerfass hast su, weil do des Flaasch denn gesolwert wert.

Vill Haa i dr Schauwer

Des erren mit vill Haah beloarener Laderwoa. Owe druff lait der Weesboam. Den säit mr hey ower nit, weil do de Fraa en des Maadche droff setze.

HARRY HIRSCH: Gut, in der Werbung für Kosmetik- und Körperpflege ist oft von “Shower Gel” die Rede. “Shower” ist doch jetzt  bestimmt der englische Ausdruck für das in Hirzenhain häufig genutzte Wort “Schauwer?”

WOLFGANG HERMANN: Naa, naa. En Schauwer es, wenn’s mo on Aeblick richtich roand, en do is mer fruuh, wenn’s Haa i der Schauwer es. ….

HARRY HIRSCH: Als ich neulich hier am lokalen Fritten-Point für mobile Gaumenfreuden (Pommes-Bude) gehalten habe, hat jemand zu mir gesagt: “Dau host owwer e koumische Schees”. Was sollte das heißen?

Des erre Schees, allerdings e gruuße Schees. Also ‚n Lastaudu. Des Bild es 1935 gemacht worrn. Vier dem Watz stieh der Kallinches Hermann en der Deis Willi.

WOLFGANG HERMANN: Wenn dau noch nerremo wast, worre e Schees es, do loss dr deu Schulgeld werre gewwe. E Schees err e Auduu!

HARRY HIRSCH: Also handelt es sich beim “Scheeselack” logischerweise um ein Produkt zur Oberflächenversiegelungen von Kraftfahrzeugen?

WOLFGANG HERMANN: Ach woas. Scheeselack schmiert mr off e Dung en nit offe Auduu.

HARRY HIRSCH: Um beim Thema Auto zu bleiben. Welches Fabrikat verbirgt sich hinter der Typenbezeichnung “Laderwoa”?

Weesboam en Kratzelabcher

ey ruiert Pabiebersch Hustje i der Woschkiche Quoatschehoink. Scheeslack es werrer wos annersch. Den mäicht mer vo Zuckerroiwe, nit aus Quoatsche. Zuckerroiwe ho ach koa Stoa.WOLFGANG HERMANN: Dau seist e Durmel. Merm Laderwoa holt mr Haa vo dr Wees en owwe druff kimmt dr Weesboam. 

HARRY HIRSCH: Weesboam? In Hirzenhain scheint es viele Holländer zu geben. Das klingt so ähnlich wie Van den Boom, Huisman und Weesekuiper….

WOLFGANG HERMANN:  Aich fasses nit. Dau seist e Durmeldeier. Mem Weesboam wird’s Haa offem Laderwoa festgebonne!

HARRY HIRSCH: ??? Wechseln wir (lieber) das Thema. Das englische Wort für brennen lautet “to burn”. Kommt daher die Hirzenhainer Bezeichnung “Burrn”?

WOLFGANG HERMANN:  Wasser im Burrn breut doch nit!

HARRY HIRSCH: Und was bitteschön ist jetzt ein “Kratzelabche”? Das hört sich so nach Juckreiz und Neurodermitis an. Könnte es sich um ein Werkzeug handeln, mit dem man sich in und an schwer zugänglichen Körperstellen kratzt?

WOLFGANG HERMANN:

Kratzelabche es doch dr Rest vom Deigg, der beim Backe im Bagges owerich blibb. Do komme vielleicht noch e poar Äppelstecker ni. En dess ho de Kenn domols gern gesse.

HARRY HIRSCH:  Die Leute hier sagen immer wieder „Aich ho gehuurt“. Ihr scheint ja recht locker mit diesem Thema umzugehen…

WOLFGANG HERMANN:  Na, des es nit des, wuno es sich ohiert. 

HARRY HIRSCH: Letzte Frage: Nach dem jüngsten Fliegerfest haben sich einige Besucher darüber beschwert, dass da kein “Trillis” mehr da gestanden hätte. Wir dachten bisher immer, die Dinger hießen Dixie oder Toi-Toi…

WOLFGANG HERMANN:  Na, dess seu doch ko Scheißheuser dau Bless. En Trillis es e Karrussell! En im doier nächste blöde Froe zuvier ze kumme,  e “Schnicks” err e Schaukel.

HARRY HIRSCH: Während eines von der Jugendabteilung  der Hirzenhainer VdK-Ortsgruppe veranstalteten bunten Nachmittags hatten Besucher an der Kuchentheke immer wieder nach einem “Käppche” Kaffee verlangt. Trinkt ihr den Koffeinsud hier aus Hüten und Mützen?

WOLFGANG HERMANN: Dau seist ach su e truiwes Käppche! Mer sschött doch de Kaffi nit i de Mutsch!

HARRY HIRSCH: Aber die Redensart „Der hot a Loch i der Kappe ” hat jetzt nix mit dem einem undichten “Kaffee-Käppchen” zu tun, oder?

WOLFGANG HERMANN:  Des nur, wenn der med dem Loch i der Kappe ach e nasse Kappe off hot. Außerdem bestelln mir hey nit so oft Kaffi, sonnern mostens Beijer. Des werd med Felsquellwasser aus‘m Happer Burrn gebraut.

En des es‘n Trillis. Naa, des soi sugoar zwa. Hau get‘s su woas beim Flierfest nammie. De Loi ho koa Zeit mi dofier, weil dei Beijer trunke murre.

HARRY HIRSCH: Letzte Frage

WOLFGANG HERMANN: Dey harre mir scho!

HARY HIRSCH: Bitte?

WOLFGANG HERMANN: Dey letzte Fro harre mir scho.

HARRY HIRSCH:  Ach so Gut.  Also die allerletzte Frage: Wenn ihr hier oben von “Blesse” redet,  meint Ihr damit sicherlich die fahle Gesichtshaut der Menschen. Immerhin scheint hier ja die Sonne auch nur selten.

WOLFGANG HERMANN:  E Bless es, wos de Kuie vierm Kopp ho, dass se koan Sunnestich kreie.

HARRY HIRSCH: Herr Hermann, mir bedanke uis bei Dir für doi uffschlussreiche Ausführunge. Bes demnächst emol werre.

 

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