Rotorman's Blog

Keine Zeit, sagte die Zeit, und hastete
mit ihrem Zahn von Minute zu Minute

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It’s Tea-Time! Zeit für einen Special Earl Grey. Foto: Tom Skotarczyk

Die Uhr tickt unaufhaltsam, und ab und zu auch nicht ganz richtig. „Time Waits for No One” hatte Jagger-Mick, der Stones-Frontmann mit dem ADHS-Syndrom, bereits 1974 erkannt und beklagt. Dass da was dran ist, offenbart sich spätestens beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Da hat der Zahn der Zeit üble Reliefs in die Backen gemeißelt, während Tausende von Krähen ihre Fußabdrücke unter den Augen hinterlassen haben. Bei Mick noch mehr als bei mir. Bei Shakespeare klingt das natürlich etwas geschliffener: „Die Zeit schlägt Falten in die reinste Stirn, entstellt die schöne Wahrheit der Natur und prägt auf alles der Vernichtung Spur“. Uff. Das muss man sich mal auf der Unterlippe zergehen lassen. Ja, es geht unaufhaltsam bergab, mit jedem Tag.
Das Interesse an den schwarz umrandeten Artikeln auf der letzten Seite der Tageszeitung steigt, die Maden binden sich bereits die Servietten um, sobald man mit dem Rollator am Friedhof vorbei kommt, während die Stimme aus dem Navi  „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ säuselt. Inschrift auf einem der dortigen, schon etwas verwitterten Grabsteine: „Seine Zeit kam, obwohl er sein Leben lang versuchte, sie totzuschlagen“. Dabei hatte sie ihm doch bestimmt gar nichts getan. Der Dentist meines Vertrauens hingegen pflegt bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit  zu sagen: „Der Zahn der Zeit nagt an jedem Stein, nur nicht am Zahnstein“. Hahha!

Zähe Minuten kriechen auf blutenden Füßen

Man sollte sie immer im Auge behalten, die Zeit. Sonst läuft sie davon. Foto: Roo Couture

Es gibt Situationen, da kriechen die zähen Minuten auf blutenden Füßen daher, um dann an anderer Stelle wieder in den Turbogang zu kuppeln. Über das Wesen der Zeit haben sich schon Generationen von Philosophen, Naturwissenschaftlern und Tresenstehern die klug-benebelten Hirne zermürbt, aber dabei, abgesehen von einigen schlauen Sprüchen, nix Vernünftiges gebacken bekommen. Die meisten Menschen haben sowieso keine Zeit, obwohl der Tag für alle 24 Stunden hat. Anders ausgedrückt: Alle haben gleich viel Zeit; aber die wenigsten genügend. Raymond Walden sagt: „Zeit hat der Mensch. Wichtigtuer haben keine!“Dabei hatte ja schon der römische Philosoph, Politiker und Schriftsteller Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr – 65 n. Chr.) erkannt:  „Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist die viele, die wir nicht nützen“.  Arthur Schopenhauer drückt das so aus: „Gewöhnliche Menschen denken nur daran, wie sie ihre Zeit verbringen. Ein intelligenter Mensch versucht sie zu nützen“.

Und zu allem Übel kommt ja auch noch die Relativitätstheorie ins Spiel. Die besagt nichts anderes als: Man muss nur schnell genug sein, damit der Wecker langsamer tickt. Einsteins komplexes Theorem hat mir unser schlauer Bofrost-Mann mal am Beispiel eines Motorradfahrers erklärt: Je schneller, desto weniger alt. Und wenn ich dann mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs bin und die Scheinwerfer ausschalte, was dann? Wusste er auch nicht. Gute Frage, nächste Frage. Höchste Zeit, sich mal kritisch mit selbiger, also der Zeit, auseinander zu setzen. Gehe ich mit ihr oder ist sie reif? Komme ich zur rechten?  Arbeitet sie gegen oder für mich? Ist meine etwa schon gekommen? Heilt sie meine Wunden, und wenn ja  auch alle? Ist sie Geld, wie Benjamin Franklin darlegte, oder nagt ihr Zahn an mir? Und was ist mir ihrem Puls? Bin ich da dicht dran? Gerät sie aus den Angeln? Also die Zeit. Ist sie im Wandel, angemessen, erfüllt  oder schon (zur Unzeit) gekommen? Bin ich aus ihr gefallen? Steht sie still? Ist sie noch gemäß? Verstreicht sie? Oder ist sie los? Bekomme ich welche geschenkt? Raubt sie etwa? Ist sie im Verzug? Aus den Fugen? Steht sie in Blüte? Kommt sie zur Un?

Goethe und das Mountainbike

Time_is_Money_by_BestDay

Für viele ist Zeit auch Geld. Fast unsere gesamte Wirtschaft basiert auf dieser einst von Benjamin Franklins formulierten Erkenntnis. Doch es heißt an anderer Stelle: Lieber langsam wachsen als schnell untergehen. Foto: Bestday

„Kommt Zeit, kommt Rad“, hat der olle Goethe einst behauptet. Der Ausspruch ist, bis auf das „D“ am Ende des Rad(t)s,  tatsächlich von ihm. Aber er stimmt nicht. Spätestens, nachdem ich mir als kleiner Bub an drei Weihnachtsfesten hintereinander vergeblich ein Bike gewünscht hatte,  keimten zarte Zweifel an der Stichhaltigkeit dieser These auf. Da lag Lottis Lover arg daneben. Ich bekam kein Rad.
„Jede gute alte Zeit war mal eine schlechte neue Zeit“, hat der Aphoristiker Hellmut Walters herausgefunden. Das trifft es schon eher. Und Nobelpreisträger John Steinbeck lag auch nicht daneben, als er feststellte, die meiste Zeit  verliere man damit, dass man Zeit gewinnen wolle.

Lieber Freizeit als Hochzeit

Der Begriff Zeit ist sowohl negativ, als auch positiv besetzt. Zu ersterer Kategorie zählen sicherlich die Zeitarbeit, die Zeitumstellung, der Zeitdruck, die Zeiterfassung, die zu leistende Arbeitszeit, die Bild-Zeit(ung) und die Hochzeit. Wobei sich bei letzterer erst mit erheblichem zeitlichem Verzug herausstellt, dass das etwas blöd gelaufen war. Und dann ist es meist zu spät. Und dann wäre da ja auch noch „DIE  ZEIT“. Für die gibt’s ob ihres undhandlichen Formats ebenfalls Abzüge in der B-Note. Beim Zeitgeist und der fünften Jahreszeit bin ich mir nicht sicher. Kommt in die Schublade „Sowohl als auch“ zur späteren Wiedervorlage.
Ganz symphatisch wirken auf mich die Auszeit, die Urlaubszeit, die Erntezeit, die Freizeit und die Gleitzeit. Aber auch der Mahlzeit, dem Zeitvertreib, der Ruhezeit, der Schonzeit, der Altersteilzeit, der Blütezeit und der Paarungszeit kann ich einiges abgewinnen. Die Öffnungszeit mag ich ebenfalls, soweit es um meine Stammkneipe geht. Bei der Laufzeit ist es abhängig davon, wie lange das Auto durchhält oder wie langfristig der Kredit bemessen ist.
„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“. Mit dieser fiesen Begründung hatte der Chef der Berliner Zeit-ung im Mai 2001 gleich 30 Redakteuren den Stuhl vor die Tür gesetzt. Genutzt hat es Deutschlands ältestem Regionalblatt nicht. Die Auflage ist seitdem um weitere 80.000 Exemplare gefallen. Die BZ hat ihre beste Zeit hinter sich und die Ihrige verschlafen, was im Übrigen auch für die meisten anderen Printprodukte vergleichbarer Art in Deutschland gilt. Weil:  „Die Zeit ist eine Schneiderin, die auf Änderungen spezialisiert ist“ (Faith Baldwin, US-amerikanische Schriftstellerin). Das sind die Verleger nun mal weniger.

Putin im Sandkasten

Und was sagt der Iwan? „Im Garten der Zeit wächst die Blume des Trostes!“ (altes russisches Sprichwort).  Wie beruhigend! Maxim Gorkij, auch ein Vodka poetischer Russki, der lebte, als Putin noch als gedachtes, konspiratives Wasserstoffatom auf der Krim im Sandkasten spielte, hat sich da schon differenzierter geäußert: „Die Zeit vergeht, immer schneller werden ihre eiligen, kleinen Schritte. Wie goldene Stäubchen im roten Strahl der Sonne, so flimmern in der Zeit die Menschen auf und verschwinden wieder“.

In Urzeiten gab es noch keine Uhrzeiten

The_Time_Traveler_by_xetobyte

Die meisten Menschen kuschen vor ihr oder lassen sich von ihr treiben. Die daraus erwachsene operative Hektik kann einem schon auf den Zeiger gehen. Foto: Xetobyxte

„Du hast doch Zeit!“ Das klingt  mittlerweile ja schon fast wie ein Vorwurf, dem sich der moderne, eloquente, Stress-geplagte aber nichtsdestotrotz –resistente Manager von heute keineswegs aussetzen will. Aus diesem Grund wurde eigens für ihn das Zeitmanagement erfunden, und das liegt voll im Trend der Zeit. Aber weil all die Chiefs und Head-of’s damit überfordert sind,  besorgt das  für sie die „Front Office Managerin“ (früher Sekretärin, Tippse oder Daktylographin) bzw. Frau Executive Assistant. Die Boss-Matratze hat die vielen Termine des Ihren im Blick und unter Kontrolle, sonst würde der sich ja zwischen all den Kick-Off-Meetings (Meeting = Viele gehen rein, wenig kommt raus), Daily-Management-Prozessen, One-Pagern, Rolling Forecast-Konferenzen und Optimierungs-Würgshops unter Lean-Gesichtspunkten hoffnungslos verzetteln. Und sie übersehen bei all ihrer operativen Hektik einen wesentlichen Punkt:  (Nur) „Wer über seine Zeit bestimmen kann, hat das meiste erreicht.“ (Klaus Ender). Drum merke: Zeitdruck ist, wenn die Uhr den Kopf verdreht.  Zeitplanung bedeutet, dass der Kopf die Uhr verdreht.  Davon mal ganz abgesehen: In den Urzeiten gab es auch noch keine Uhrzeiten.

Nur nicht hetzen lassen! Langsamkeit als Erfolgstherapie. Im Schneckentempo geht`s voran,ein Jeder läuft so gut er kann, doch auch die Schnecke, sie kommt weiter, mit viel Gelassenheit und heiter. Foto: Dietrich Schneider/pixelio.de

„Keine Zeit“, sagte die Zeit und hastete von Minute zu Minute….. Man kann sie zwar stoppen, aber nicht aufhalten. Aber sie lässt sich durch stundenlanges Warten (etwa auf ein Bier oder eine Frau) beträchtlich verlängern. Ach du liebe Zeit! Bliebe noch zu klären, ob es sich bei ihr um die Koordinierte Weltzeit (UTC) oder die Westeuropäische Zeit (Greenwich Mean Time), also die mittlere Sonnenzeit am Nullmeridian, handelt. Aber das hat auch noch Zeit. Höchste Zeit für ein Bierchen!

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