Rotorman's Blog

Leuchten in der Hochzeitsnacht: Verliebte Käfer,
die ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen

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Leuchtspur: Langzeitbelichtung eines Glühwürmchen-Tanzes im Wald. Foto: s.kunka/Pixelio.de

Von Jürgen Heimann

Eigentlich ist ihre Hochzeitsnacht ja schon vorbei. Die wird zumeist um den Johannistag herum gefeiert. Und der fällt kalendermäßig immer auf den 24. Juni. In der Nacht davor, der Johannisnacht, knipsen die Sumsemänner und -frauen wie von einer Zeitschaltuhr gesteuert  die Lampen an, um ihr Licht nicht länger unter den Scheffel zu stellen. Generationen von Gedichteschreibern haben diesen illuminierenden, romantischen Zauber schon poetisch verklärt. Bei Tageslicht betrachtet würden die unscheinbaren schwarz-braunen Insekten keinen vom Hocker hauen. Es sind Geschöpfe, die erst in der Dunkelheit so richtig  aufblühen. Wir reden von Glühwürmchen, die aber nicht als Würmer, sondern als Käfer daher kommen, als Glühkäfer. Lateinischer Name: Lampyridae. Da steckt ja offenbar schon der Wortstamm Lampe drinne.  

Weil sie die Scheinwerfer vorzugsweise in der Nacht zum 24.6. anknipsen, um ihrem Gspusi heim zu leichten, werden sie auch Johanniskäfer oder Johanniswürmchen genannt. Die Spätzünder unter ihnen wandeln bis in den Juli hinein auf Freiersfüßen, vornehmlich in lauen Nächten. Um den richtigen Partner zu finden, strahlen sie. Das Prinzip ist mit dem menschlichen Balzverhalten vergleichbar, insbesondere dem der Damenwelt. Während sich unsere Ladies mitunter besonders sorgfältig schminken, um dem Menne zu gefallen, drückt sich diese Absicht bei den Käferinnen in besonders intensivem Leuchten aus, das das der Männchen deutlich überstrahlt. Und dann nimmt das (Un-)Glück seinen Lauf oder Flug. Das Weibchen, das am hellsten leuchtet, lockt die meisten Freier an. Diese betreiben in etwa zwei Metern Höhe intensive Luftaufklärung und lassen sich dann zielgenau auf die ihnen an Köpergrößer deutlich überlegenere Dame ihrer Wahl fallen. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Und der letzte macht das Licht aus!

Paarung großer Leuchtkäfer

Bei Tageslicht betrachtet, sind die „Glow-Worms“ ziemlich unscheinbar und machen nicht viel her. Dieses Foto zeigt einen kleinen Leuchtkäfer, der in lauen Sommernächten für romantische Lichtspiele sorgt. Foto: Gartengnom.net

An diesem Prozedere lässt sich selbst in stockdunkler Nacht erkennen, wer wem hier auf den Leim zu gehen droht. Denn: Fliegen können bei dieser Spezies nur die Männeken. Und das auch nur solche der Art des sogenannten “Kleinen Leuchtkäfers”. Mit denen haben wir es auch zu tun, wenn die Nacht mal wieder (fast) zum Tage wird. Daneben gibt es hierzulande noch zwei weitere Arten: den Großen- und den Kurzflügel-Leuchtkäfer. Beide können wir vernachlässigen, weil deren Flirts sich eher im Verborgenen abspielen. Auch “brennen” die Machos bei letzteren nur ganz dezent.

Lichtsignale mit rhythmischem Muster

Die unmittelbar am Techtelmechtel Beteiligten erkennen sich an dem rhythmischen Muster der Lichtsignale. Die Weibchen blinken anders als die Männchen. Die Frequenz ist die gleiche, Signallänge und Rhythmus aber sind unterschiedlich. Wie diese Kommunikation abläuft,  zeigt dieses Video in englischer Sprach sehr anschaulich:

Bei vornehmlich in den Tropen vorkommenden Vertretern erfüllt das Leuchten noch einen anderen Zweck. Es geht um Fressen und (Nicht-)Gefressen-Werden. Hungrigen Kröten beispielsweise wird dadurch zu erkennen gegeben, dass der von diesen ins Auge gefasste Appetithappen ungenießbar ist. Andererseits lassen sich so im Gegenzug aber auch potentielle Beutetiere in die Falle locken.

Weibahen Großer Leuchtkäfer

Licht aus, Spot an! Die Scheinwerfer der Leuchtkäfer befinden sich den Unterseiten der letzten drei Hinterleibssegmente. Dieses Foto zeigt das Weibchen eines Großen Leuchtkäfers. Diese Art ist nicht flugfähig. Foto: Wofl-commonswiki, CC BY-SA 2.0 de

Weltweit gibt es übrigens rund 2.000 verschiedene Leuchtkäfer-Arten. Von der Antarktis mal abgesehen krabbeln und fliegen sie auf allen Kontinenten herum. Mancherorts sehen die Menschen in ihnen auch  die ewig lebenden Seelen Verstorbener. Die Vorstellung, dass Onkel Karl, Gott hab’ ihn selig, einem abends auf der Terrasse um den Kopf herumsurrt, dann schon etwas Gruseliges.

Hohe Energieeffizenz

Gut, diese von den Engländern „Firefly“ genannten Käfer sind nicht unbedingt die Hellsten. Eine Kerze beispielsweise scheint tausendmal intensiver. Dafür ist das Glühwürmchen dabei aber einzigartig effizient und wandelt chemische Energie nahezu verlustfrei in (kaltes) Licht um. Thomas Edison hätte es darum beneidet. Die Tierchen scheinen und leuchten aus sich selbst heraus, und das mit einer unglaublichen ökonomischen Wirksamkeit. Während eine konbentionelle Glühbirne nur fünf Prozent der Energie zum Leuchten nutzt und den Rest als Wärme abgibt, ist es bei diesen Käfern genau umgekehrt. Kein anderes an Land lebendes Tier kann das. So was hat auch noch kein Ingenieur dieser Welt hinbekommen. Der liebe Gott schon.

Nach der Paarung verlöscht das Lebenslicht

Das Ganze wird durch einen ziemlich komplizierten biochemischen Prozess bewerkstelligt, bei dem eine “Luciferin” genannte Carbonsäure durch ein Enzym (“Luciferase”) zersetzt wird. Genau habe ich das zwar nicht verstanden, aber es funktioniert offenbar prima. Seinen Namen leitet dieses ominöse “Luciferin” aus den lateinischen Wörtern  “lux” (Licht) und “ferre” (tragen, bringen) ab. Lässt sich also durchaus mit “Lichtbringer-Stoff” übersetzen. Da die Viecher ja “kaltes” Licht produzieren, kann man sich auch nicht verbrennen, sollte einem  unbeteiligten Beobachter einmal einer dieser liebesblinden Herumschwirrer irrtümlich auf der Backe landen, statt auf der Auserwählten.

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Die Ampel steht auf grün. Die Dame wartet. Foto: s.kunka/Pixelio.de

Wenn die „Glow-Worms“  ihre an den Unterseiten der letzten drei Hinterleibssegmente installierte Festbeleuchtung anknipsen, ist es für sie auf der biologischen Uhr schon fünf vor Zwölf. Ihr glänzendes Dasein währt nur kurz. Bald nach der Paarung verlöscht das Lebenslicht. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt ein Glühkäfer als Larve. Drei Jahre dauert dieses Entwicklungsstadium, während dem die künftigen Leuchten einen gewaltigen Appetit entwickeln. Glühwürmchen ernähren sich von Nackt- und Gehäuseschnecken, die sie mit einem Giftbiss überwältigen. Irgendwann verpuppt sich das Würmchen und verbringt eine Woche im Puppenstadium, bevor es dann zwischen Juni und Juli in seinen leuchtenden Lebensabschnitt eintritt. Dann frisst es gar nichts mehr, zehrt von seinen Fettreserven und lebt von der (einmaligen) Liebe.

Die Bestände nehmen ab

Diese Insekten stehen zwar (noch) nicht auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, ihr Bestand nimmt jedoch ab. Was, bedingt durch die Intensivierung der Landwirtschaft, auch am schwindenden Lebensraum liegt. Für sie erschwerend hinzu kommt die zunehmende “Lichtverschmutzung”. Hell beleuchtete Stadtparks zum Beispiel sind kein Ort, an dem eine Glühwürmchen-Dame auf ein erfolgreiches Rendezvous hoffen darf. Die Männchen scheuen das helle Licht wie der Teufel das Weihwasser. Und auch die Larven bevorzugen Dunkelheit. Erfreuen wir uns also an den fliegenden Funzeln, so lange es sie noch gibt.

 

 

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