Rotorman's Blog

Uff! Weihnachtsfeier mit den Kollegen
Keiner hat Lust, aber (fast) alle machen mit

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Bringen wir es hinter uns! Keiner hat Lust, aber (fast) alle gehen hin. Emotionale Gemengelage zwischen Depression, Missmut, Verbitterung und aufgesetzter Fröhlichkeit. Foto: S. Hofschlaeger/Pixelio.de

Von Jürgen Heimann

Es ist wieder so weit. Alle Jahre wieder. Die innerbetriebliche Abteilungs-Weihnachtsfeier steht an. Letztes Jahr hatte ich an diesem Termin bedauerlicherweise meine Urgroßtante schwägerlicherseits zu Grabe tragen müssen. Davor war der Erbonkel plötzlich und unerwartet verstorben. Und vor drei Jahren hatte, wie es der Zufall wollte, mein lieber Nachbar das Besteck abgegeben. Der triftigen Gründe, die leidige Pflichtveranstaltung zu schwänzen, also genug. Aber diese auffällige Häufung von Todesfällen ausgerechnet immer dann, wenn der Chefe einen auf Kumpel machen und mit den Seinen einen trinken will, ist auf Dauer verdächtig. Damit kommt man nicht unbegrenzt durch.  

Gut, die Zeiten sind hart und die Sterblichkeitsrate hoch. Aber irgendwann werden solche pass- und zeitgenauen finalen Abgänge verdächtig. Also bleibt wohl nix anderes übrig, als diesmal in den sauren Apfel zu beißen. Wobei die Aussicht, mit den Kollegen auch noch einen wertvollen und ansonsten freien Abend verbringen zu müssen, die Stimmungskurve schon mit mehrwöchiger Vorlaufzeit in den Keller rauschen lässt. Die, die Kollegen, gehen einem ja schon das ganze Jahr über Tag für Tag tierisch auf den Senkel. Aber was tut man nicht alles fürs gute, harmonische Betriebsklima im Sinne einer ausgewogenen “Work-Life-Balance”. Und das geht den anderen ja auch so. Keiner hat Lust, aber alle machen mit.

Bei uns haben solche Veranstaltungen Event-Charakter. Da ist mächtig was los. Zwanglose Freude, Ausgelassenheit und Begeisterung auf Knopfdruck, wie es sich für eine solche adventliche After-Würg-Party gehört. Wir treffen uns in einem Restaurant in der Nähe. Das muss nicht erste Wahl sein, hat aber meist gastronomische Preise. Hauptsache aber, da war noch was frei. Denn auf die Idee zu einem solchen vorweihnachtlichen Beisammensein sind auch schon andere gekommen. Dann bestellt sich jeder ein nach Ziege untenrum schmeckendes Schnitzel, wahlweise mit Pommes oder ohne, schlingt es mit einigen Bierchen verdünnt hinunter, lacht zwischen zwei zähen Bissen über die Anekdote, die man schon zehnmal gehört hat, und freut sich über den flauschigen Teppich der Harmonie, der sich wärmend-kuschelig über allem ausbreitet.

Wir schließen die Augen und sehen dann weiter

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Tema-Building: Wir feiern uns selbst. In der Firma gibt’s zwar inzwischen „5 S“, aber Shōchū und Sake stehen nicht auf der Getränkekarte. Foto: Q.pictures/Pixelio.de

Das Ganze wird ja auch von der Geschäftsleitung gesponsert. Zehn Euro gibt sie pro Nase dazu.  Gut, die Hamburg-Mannheimer hatte sich seinerzeit kreativer und spendabler gezeigt, als sie, die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter anerkennend, diese nach Budapest einlud – nicht nur zum Essen. Aber man kann nicht alles haben. Wir begnügen uns damit, uns verbal gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und uns in der Illusion zu sonnen, ein gut aufeinander eingespieltes Team zu sein. Im Grunde hofft aber jeder inständig, oder zumindest fast jeder, die Party möge bald vorbei sein und nicht allzu lange dauern. Hier gilt: Augen zu und durch. Wir schließen selbige und sehen dann weiter. Die Minuten kriechen auf blutenden Füßen daher. Da war es auf der Trauerfeier im vergangenen Jahr wesentlich schöner und abwechslungsreicher.

Soziologisch betrachtet stärken solche Feste die Gemeinschaft innerhalb des Unternehmens bzw. der Abteilung. Oder sollten es zumindest. Zumal ausnahmslos alle Mitarbeiter (auch die weniger beliebten, die sowieso in der Überzahl sind) zum netten, dem “Teambuilding” dienenden Beisammensein eingeladen sind. Vorübergehend von den beruflichen, einengenden Zwängen des tristen Büroalltages befreit, sind sie aber noch unausstehlicher als sonst, verwechseln das aber mit aufgesetzter Lockerheit, die burschikos zur Schau getragen wird. Der Vorgesetzte (“Wir ziehen doch alle an einem Boot”) hält das, was er für eine flammende Rede hält, lässt die Ereignisse, Leistungen und Höhepunkte des sich dem Ende zu neigenden Jahres Revue passieren. Spontaneität, sagt er immer, will gut überlegt sein. Er spornt an, motiviert, lobt, spart aber mit allzu deutlicher Kritik. Und dann heißt es “hoch die Tassen”. Trinken wir uns die Schatten, die auf unseren Seelen lasten, von letzteren.

Zwischen Sushi, Kaizen, Seiketsu und 5 S

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Solches wird leider bei unserer Weihnachtsfeier nicht geboten. Da fehlt es sowohl dem Barkeeper als auch der weiblichen Fraktion der Belegschaft an Potential. Foto: Pixabay

Themen, die sich um die Arbeit drehen, sind in Folge eigentlich verpönt. Aber sie lassen sich nicht ganz umschiffen. “5 S” ist ein großes. So was gibt es jetzt auch bei uns. Haben die Japse erfunden und bedeutet so viel wie “Wandel zum Besseren”. Aber das wäre das erste Mal, dass sich bei uns etwas ins Positive dreht. Bei uns klappt nämlich normalerweise nichts, von den Türen mal abgesehen. Bei “5 S” gibt es fünf wesentliche Elemente, und die lesen sich wie die Speisekarte in einem von Seiko-Uhren gesponserten Sushi-Restaurant: Seiri, Seiton, Seiso, Seiketsu, Shitsuke. Bei letzterem könnte es sich aber auch um ein hochwirksames Dope handeln, wie es nur auf den Terrassenfeldern der Tsukushi-Ebene angebaut wird. Shōchū und Sake hingegen haben sie in dieser Auflistung leider vergessen. Aber dann hätte es ja auch “7 S” heißen müssen. Diese  kryptischen Bezeichnungen stehen allerdings nicht für geschmacks-verwirrte Variationen eines Traditionsgerichtes, das im Wesentlichen aus verklebtem Reis und rohem in Fahrradschläuchen gepressten toten Fisch besteht und so schmeckt wie rechtsdrehender, kaltgepresster Spüliauflauf mit Fachabitur.

Dahinter verbergen sich Schlagworte, die, ins Deutsche übersetzt, für unser global operierendes Unternehmen trotzdem Fremdwörter sind und bleiben: Prozessorientierung, Kundenorientierung, Qualitätsorientierung, Kritikorientierung und Standardisierung. Damit würden wir absolutes Neuland betreten. Und Orientierung gibt es hier bei uns schon mal gerade gar nicht.

Wandel zum Besseren: Aus der Tretmühle in die Klapsmühle

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Sollbruchstelle mit dem Liebreiz einer Magenschleimhautentzündung. Inge hübscht sich für die Feier auf. Grafik: Stefan Bayer/Pixelio.de

Schon seit Jahren geht unsere Geschäftsführung mit dieser Philosophie schwanger und trächtig. Millionen sind in diesem Loch versickert, das mittlerweile von einer personell üppig ausgestatteten Stabsstelle bewacht wird. Es gab unzählige Würgshops und Seminare dazu, in denen die Mitarbeiter auf die neue Ideologie eingeschworen und in deren Verlauf meterlange Tapeten an die Wände gepappt und mit kryptischen Zeichen und Wörtern beschriftet wurden. Ich kann mich noch gut und gerne daran erinnern, vor allem an die attraktive blonde Referentin mit dem aufreizenden Gang und dem betörenden Eau de Cologne.

Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Vieles hat sich seitdem in unserem Arbeitsalltag verbessert. Aus der Tretmühle von einst wurde die Klapsmühle von heute. An die Stelle von geistiger Windstille trat operative Hektik. Wir haben “Clean-Desks”, die Abläufe sind strukturiert und effizient. Und unser Büro ist schlank geworden, was man von Helga (“Rede nicht von Schönheit, wenn deine Schminke mehr wiegt als dein Gehirn”!), der selbst ernannten Office-Hübschen, nicht behaupten kann. Ihr Spitzname lautet übrigens “Luftballon”: Bunt gefärbt, innen hohl und aufgeblasen.

Kaffee aus dem Reißwolf

Wir praktizieren “Kanban” und huldigen den Pull-Prinzipien. Und jeder weiß jetzt zudem, wo was steht und was wo zu finden ist. Um den Locher herum sind bunte Streifen geklebt. Da, exakt in diese vorgegebene Begrenzung,  gehört er hin, nirgends sonst. Und über dem unscheinbaren weißen Reißwolf in der Ecke prangt neuerdings ein Schild, das verkündet, um was es sich handelt: um einen Aktenvernichter. Für die ganz Blöden markiert ein dicker schwarzer Pfeil den exakten Standort der komplexen Gerätschaft. Nicht, dass man/frau das Teil am Ende  noch mit einer Kaffeemaschine verwechselt.

Und die Schubladen in den Rollcontainern unter den Schreibtischen sind jetzt auch einheitlich gekennzeichnet. Die oberste ist mit einem Klebeschild “Oben” versehen, an der mittleren steht “Mitte” drauf. Was das unterste Schubfach anbelangt, müssen wir raten. Aber solche Herausforderungen halten ja geistig flexibel.

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„5 S“ ist bei uns ein ganz großes Thema. Wir haben die Wahl zwischen Seiri, Seiton, Seiso, Seiketsu, Shitsuke, Shōchū, Sake und Sushi. Foto: Pixabay

Ein sogenanntes und an exponierter Stelle angebrachtes großflächiges “5-S-Board” verrät, was wir sind, wer wir sind, warum wir sind und wo genau wir sind. Die exakte Position ist mit einem dicken Kreuz auf dem Lageplan gekennzeichnet. Wir wissen zwar nicht, wohin wir wollen, dafür sind wir aber schneller da. Außerdem findet sich an dieser aufschlussreichen Info-Tafel noch ein wöchentlich zu aktualisierender Reinigungsplan. Eine Fotoserie  “Vorher – Nachher” zeigt die 5-S-Erfolge der jüngsten Zeit auf. Darauf können wir stolz sein.

Nach dem fünften „Willie“ mit der Blumenvase „per Du“

Die Runde ist komplett. Eine emotionale Gemengelage zwischen Depression, Missmut, Verbitterung und aufgesetzter Fröhlichkeit. Da bekommt der Begriff “Scheiterhaufen” eine ganz neue Bedeutungsebene. Peter, ein überkorrekter, ansonsten zur Pedanterie neigender Kollege, ist nach dem fünften “Willie” so weit, dass er der vor ihm auf dem Tisch stehenden Blumenvase das “Du” anbietet. Es ist bestimmt nicht immer ganz leicht, er zu sein, aber irgendjemand muss den Job ja machen. Vollidiot sagt man ja nicht mehr. Heute heißt das “kognitiv suboptimiert”. Stefan (“Wer kriecht, kann nicht fallen”) outet sich als verwegener Briefmarkenfreund. Früher hat er Flaschenpost gesammelt, dieses Hobby dann aber aufgegeben,  nachdem er nie eine Flasche mit einem Brief drin gefunden hatte. Er zeichnet in der Firma für die SAP-gestützte Bestellerfassung von Kunststoff-Ersatzteilen verantwortlich, ist allerdings nur mono-tasking-fähig. Das heißt: Der Mann kann immer nur eine Sache, und die eben nicht gleichzeitig – und auch nicht richtig.

Inge, eine ästhetische Sollbruchstelle mit dem Liebreiz einer Magenschleimhautentzündung, ist optisch eine Mischung aus Dagmar Berghoff und Bernd dem Brot. Mit einem solchen Aussehen würde ich lachend in eine Kreissäge laufen. Seit ich ihr geraten habe, sich abzuschminken und ihr Gesicht wieder auf Werkseinstellung zurück zu setzen, kann die Frau mich nicht mehr leiden. Sie kommt frustriert vom erfolglosen Männerfang auf der Damentoilette zurück und wäre dabei fast über ihr eigenes Jochbein gestolpert. Wer opfert sich? Ich nicht! Armin auch nicht. Der ist nämlich “homesexuell” und treibt es nur zu Hause. Für ihn wäre es schon ein erotisches Abenteuer, bei “Rot” über die Straße zu gehen.

Blendgranaten im betrieblichen Munitionsdepot

Bettina, die Vorzimmerdame aus dem Facility-Dezernat, sieht aus wie die lebende Reklame für vollendete Totenstarre. Und dann erst diese Figur! Oben nix, unten nix und in der Mitte Durchzug. Sie hat sich für die Feier besonders chic gemacht und war extra beim Friseur. Der hatte aber wohl einen schlechten Tag. Das ist keine Frisur, sondern das sind Haare, die vor dem Gesicht davonlaufen. Einem Gesicht, dessen Lederanteil inzwischen den der Restgarderobe bei weitem übersteigt. Bei der Kollegin wirkt Beauty-Creme auch immer wie Seidenmalerei auf einem Kartoffelsack. Und sie hat gar keine Cellulite. Das sind Special Effects! Wird von Tag zu Tag häßlicher. Heute sieht sie schon aus wie  übermorgen. Die Frau sitzt am Tisch ganz hinten. Aus dieser Ecke hat man lange nix mehr gehört, und es riecht schon so verdächtig süßlich. Kein Verwesungsgeruch, Gott sei Dank, sondern nur der von oder nach Orangen, was der Struktur von Bettinas Haut geschuldet sein dürfte. Die Lady klagt auch immer über Kopfschmerzen. Vermutlich hat sie inside in Höhe des Präfontallappens aber nur eine wundgescheuerte Stelle.

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Wo gehobelt wird, fallen Späne. Eine Abteilungsfeier lässt sich nur mit vielen Vitaminen durchstehen. Foto: Kunstzirkus/Pixelio.de

Detlef (nit leerem Kopf nickt sich’s leichter!) hat Scheinheiligkeit im Endstadium. Er ist der lebende Beweis dafür, dass eine Null bestehende Probleme verzehnfachen kann, hat aber erkannt, dass sich Nullen, um etwas zu gelten, immer rechts halten müssen. Das traumatische Erlebnis seiner eigenen Geburt hat der Knabe bis heute nicht verarbeitet. Die hatten ihn damals dreimal hochgeworfen, aber nur zweimal aufgefangen. Dieter, unsere Sicherheitsf(l)achkraft, weiß natürlich, was er seinem Ruf, die einzige noch im betrieblichen Munitionsdepot verbliebene Blendgranate zu sein, schuldig ist. Er referiert ausgiebig darüber, was passieren kann, wenn man den abgebrochenen Minutenzeiger einer Uhr mit Sekundenkleber leimt. Vermutlich hat er vorher wieder ein Joint-Venture geraucht.

Schwebebahnen und männliche Magnete

Klaus-Robert, der Abteilungs-Philosoph, der zu nix fähig ist außer zu allem, will herausgefunden haben, dass Magnete grundsätzlich männlich seien. Wären sie weiblich, wüssten sie ja nicht, was sie anziehen sollten. Haha! Aber seine rhetorische in den stickigen Raum entlassene Frage, ob Pilze im Wald von den Tannen gezapft würden, ist auch nicht origineller. Das gilt ebenso für die Schwebebahn in Wuppertal, die ja Schwebebahn heiße, obwohl sie ja eigentlich hänge. Dieser stringenten Unlogik zufolge müssten wir bei einem Hängebusen ja auch eigentlich von Schwebebusen sprechen. Zu behaupten, dass seine Vergleiche hinken, wäre eine Beleidigung für jeden Schwerbehinderten.

Und so geht es dann Schlag auf Schlag weiter. Da muss man wirklich alle fünf Sinne beieinander haben, um das durchstehen zu können: Blödsinn, Schwachsinn, Stumpfsinn, Unsinn und Wahnsinn. Da mag selbst die Frage der feschen Bedienung, ob es noch etwas sein dürfe, wie ein Tautropfen in der intellektuellen Wüste der verbalen Beliebigkeit wirken. Und nächstes Jahr, gleiche Welle, gleiche Stelle, treffen wir uns wieder. Aber ohne mich. Ich bin verhindert. Meiner Großtante geht es gar nicht gut….

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