Rotorman's Blog

Unterstelle anderen nie ein Spatzenhirn,
es könnte ein großes Kompliment sein

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Rabenvögel

Rabenvögel zählen zu den intelligentesten Wesen des Tierreiches. Sie kommunizieren untereinander auch durch Blicke und Gesten, damit andere das, was sie sich mitzuteilen haben, nicht mitbekommen. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Achtung! Wer seinem Gegenüber ein Spatzenhirn unterstellt, tut Unrecht. Nicht nur dem Spatz. Möglicherweise auch dem Geschmähten, der vielleicht sogar noch doofer ist, als man es gewissen Sperlingsvögeln (irrtümlich) nachsagt. Die sind nämlich gar nicht blöd, sondern im Gegenteil ziemlich clever. Ihre zwar kleinen, aber äußerst effizient arbeitenden zerebralen Prozessoren befähigen sie zu erstaunlichen Leistungen. Wobei, wie man sieht, es hier nicht auf Größe ankommt. Quantität ist nicht immer und grundsätzlich mit Qualität gleichzusetzen.  

Entsprechend lassen Gefiederte so manchen Menschen(und affen) ziemlich alt aussehen, auch wenn dieser im Oberstübchen ein Vielfaches an (möglicherweise totem) Gewicht mit sich herumschleppt. Insofern ist auch der Spruch vom dummen Huhn, das auch mal ein Korn findet (oder einen trinkt), überholt. Und “blöde Gans” trifft es auch nicht immer. Über die “blöde Kuh” und den “dummen Esel” sollten wir bei Gelegenheit auch mal nachdenken.

Albert Einstein und die Huckebeins

Zu den Einsteins unter ihresgleichen zählen neben den Papageien die Krähen und ihre Anverwandten. Elstern beispielsweise. Oder Häher. Gut, die können einem die Relativitätstheorie jetzt auch nicht auf Anhieb plausibel erklären, aber: Es sind gefiederte Genies, die als Krone der (Vogel-)Schöpfung gelten. Sie sind zwar nicht in der Lage, mathematische Aufgaben zu lösen, aber Zwei und Zwei zusammenzählen können sie schon. Das kann mein Arbeitskollege nur bedingt. Die Piepmätze sind im Gegensatz zu diesem auch fähig, sich Werkzeuge herzustellen und sie zielorientiert einzusetzen, beispielsweise zur Futterbeschaffung. Es gibt inzwischen viele Dutzend Dokumentationen, die das anschaulich belegen.  Wie diese beispielsweise:

Die Vögel biegen sich Hölzchen und Drähte zurecht, um damit an einen schwer zugänglichen Appetithappen zu gelangen, der sonst ihrem Zugriff entzogen wäre. Sind an der Pommes-Bude hingegen die Plastikgäbelchen aus, muss mein Büromitbewohner passen und bestellt sich eine Bratwurst.

„Schwarze Geier“, die es voll drauf haben

Die „schwarzen Geier“ können zudem taktisch, strategisch und, ja auch das, abstrakt denken. Sie  verfügen über ein biographisches Gedächtnis, was sie in die Lage versetzt, sich zu erinnern. Die Tiere lernen dazu und sind an Problemlösungsstrategien ihrer Kollegen interessiert. Die besten Tricks schauen sie sich ab und ahmen sie nach. Das gilt übrigens auch für Kohlmeisen. Affen hingegen, unsere nächsten Verwandten im Tierreich, halten an ihren einmal erlernten Praktiken fest. Sie sind quasi beratungsresistent, was elegantere, effektivere Möglichkeiten und Strategien zur Zielerreichung angeht. Das kenne ich aus meinem Arbeitsumfeld.

Schwarm

Geballte Intelligenz; „Schwarze Geier“ sind zu erstaunlichen Leistungen fähig und können sogar strategisch, taktisch und abstrakt denken. Foto: Pixabay

Es gibt weltweit viele spannende Experimente, Forschungsprojekte und Beobachtungen, die belegen, zu was die Gefiederten fähig sind. Berühmt sind die Krähen von Tokio. Die lassen sich ihre Nüsse von Autos knacken, indem sie die hartummantelten Früchte an ampelgesteuerten Kreuzungen auf den Zebrastreifen deponieren. Hat der rollende Verkehr anschließend wieder Rot und ist zum Anhalten gezwungen, holen sich die Crows ihre Snacks seelenruhig ab. Sie wissen, dass ihnen dann keine Gefahr droht, überfahren zu werden.

Unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung

Dass die Huckebeins zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden können, belegt ein Beispiel aus dem Nord-Brandenburgischen. Dort attackierten Krähen herumfliegende Modellflugzeuge, weil diese ihren Brutgelegen zu nahe gekommen waren. Sehr schnell fanden die Tiere aber heraus, wer die eigentlichen „Übeltäter“ waren, und konzentrierten sich bei ihren Angriffen auf die Piloten, die die Flugzeuge mit ihren Funkfernbedienungen steuerten. Was schon einen gewissen IQ voraussetzt. Andererseits erklärt das aber auch, warum bestimmte Leute nix lieber tun, als diese fliegenden  (Intelligenz-)Bestien zu Zigtausenden vom Himmel zu schießen. Das hat jetzt nicht nur mit purer Mordlust zu tun, sondern dient auch dem Ziel, eine gedanklich weit überlegene Spezies auszuschalten. Waidmannsheil!

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Tauben werden oft unterschätzt und schon mal als „fliegende Ratten“ verunglimpft. Man kann den „Ruhrpott-Möwen“ sogar beibringen, sinnvolle Wortreihenfolgen von unsinnigen zu unterscheiden. Das gelingt noch nicht mal jedem Zeitungsreporter. Foto: Pixabay

Buschhäher legen sich, wie ihre Verwandten auch, vorausschauend Vorräte an, neigen daneben aber auch dazu, die Depots ihrer Artgenossen zu plündern, weil das bequemer ist. Die kalifornische Wissenschaftlerin Nicky Clayton, die das Verhalten dieser cleveren Fiederlinge im britischen Cambridge erforscht, hat nun folgendes beobachtet: Ein Häher vergrub seinen nahrhaften Schatz bewusst unter den Augen ihn beobachtender Artgenossen. Die wiederum taten so, als hätten sie nix gesehen, und flogen, um den Kollegen in Sicherheit zu wiegen, davon. Die Gelegenheit nutzte der Kamerad aber dann dazu, sein Futter flugs  an einer anderen Stelle zu  platzieren. Ab und an braucht es halt einen Dieb, um einen Dieb zu verstehen.

Komplexe geistige Leistungen

Dieses Verhalten ist das Ergebnis einer ausgesprochen komplexen geistigen Leistung, wie man sie bis vor einigen Jahren allenfalls Primaten oder Delfinen zugetraut hatte. Diese Vögel lernen nicht nur aus ihren Erfahrungen, sondern sind auch in der Lage, von sich auf andere zu schließen, die Perspektive zu wechseln und sich in die Futterkonkurrenz hinein zu versetzen. Vögel, die selbst schon mal gestohlen haben, stellen folgende Überlegung an: Wenn ich das beobachtet hätte, dann würde ich später zurückkommen und das Futter stehlen. Also sollte ich warten, bis der andere Vogel weg ist, und das Futter dann an einem Ort verstecken, von dem er wiederum nichts weiß.

Tauben haben zwar nicht annähernd so viel Grips, sind aber auch nicht auf den Kopf gefallen. Sie können sogar Zeichen orthographisch verarbeiten und lernen, sinnvolle Wörter von unsinnigen zu unterscheiden – wenn’s dafür als Belohnung was zu fressen gibt. Das haben Experimente an der Bochumer Ruhr-Universität gezeigt. Bei Zeitungs-Abonnenten ist es ja oft umgekehrt. Die zahlen noch für sinnfreie Aneinanderreihungen von Vokabeln.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Spiegel

Das eigene Spiegelbild als solches zu erkennen, vermögen nur ganz wenige Tiere. Neben Schimpansen, Orang-Utans, Elefanten und Delphinen können das, soweit bisher bekannt, nur Elstern. Dieser Kanarienvogel glaubt hingegen, er hätte es mit einem anderen Artgenossen zu tun. Foto: Pixabay

Andere Vogelarten, beispielsweise solche, die auf Fisch als Nahrung abonniert sind, streuen Brotkrumen auf die Wasseroberfläche, um auf diese Art ihre potentielle Beute anzulocken. Generell gilt für fast alle Tiere, dass sie, erblicken sie ihr Spiegelbild, darin jemand anderes, also einen fremden Artgenossen sehen. Elstern hingegen realisieren sehr schnell, dass es sich um ihr eigenes Abbild handelt. Das hat man bislang nur bei Schimpansen, Orang-Utans, Elefanten und Delphinen beobachtet.

Dohlen chiffrieren ihre Kommunikation

Bergdohle

Aussichtsplattform: Manche Bergdohlen haben mehr Grips im Kopf als der Mensch unter seiner Kappe. Foto: Pixabay

Die Fähigkeit, auf etwas zu zeigen bzw. andere durch Gesten auf etwas aufmerksam zu machen, gilt als grundlegende Voraussetzung für die Entstehung von Sprache. Menschenaffen beispielsweise zeigen nie auf etwas, es sei denn auf die Stelle am Rücken, an der sie gekratzt werden wollen. Vögel, insbesondere krähenartige, sind da schon deutlich weiter. Elstern weisen untereinander auf einen Feind hin, Raben machen sich gegenseitig durch entsprechende Gesten auf geeignetes Nistmaterial aufmerksam. Bei Dohlen ist die Kommunikation noch ausgeprägter und vielschichtiger. Auch sie informieren ihre Artgenossen mittels bestimmter Gesten. Ist die Information aber nur für den eigenen Partner bestimmt, erfolgt der Austausch verdeckt. Sie “sprechen” mit den Augen. Das ist so eine Art nonverbaler Geheimcode, der noch nicht entschlüsselt werden konnte.

Der Homo sapiens mag ein schlaues Kerlchen sein. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie mein Kollege tagtäglich beweist. Der Mensch inszeniert sich schon mal als Krone der Schöpfung, weil er sich allen anderen Kreaturen auf diesem Planeten entwicklungsgeschichtlich und evolutionsbiologisch um Lichtjahre voraus wähnt. Doch der Abstand ist kleiner als bis dato angenommen. Gilt vor allem für Tiere, auf die wir (zumeist) aufrecht gehenden Zweibeiner gestern noch herabgeschaut haben.

Intelligenz-2

Der Mensch glaubt bis heute, er sei das klügste Geschöpf auf diesem Planeten. Und schaut entsprechend hochnäsig auf vermeintlich niedere Lebensformen herab. Aber so groß sind die Unterschiede mitunter gar nicht.

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