Rotorman's Blog

Blattschuss! Der Zweig im Maul des erlegten
Opfers als postmortale Vers(h)öhnungsgeste

Kombi

Jägerromantik: Der Waidmann als Bewahrer und Retter der Schöpfung. Screenshots aus dem offiziellen Filmtrailer “Auf der Jagd – Wem gehört die Natur”.

Von Jürgen Heimann

Die Botschaft des Films ist klar: Jäger sind als Regulativ und Korrektiv in Wald und Feld unersetzlich. Ohne sie geht die Natur den Bach runter. Und wem diese, also die Natur, gehört, macht schon der in eine rhetorische Frage gekleidete Titel deutlich. Dem Wild schon mal nicht. Und Otto Normalverbraucher auch nicht. Dass der Deutsche Jagdverband die mit viel PR-Aufwand gepushte Doku auf seiner Webseite als “wirklichkeitsnah und unvoreingenommen” feiert und sogar Kinokarten verlost, wundert nicht. Da finden die bewaffneten Heger endlich einmal die Würdigung, die ihnen gesamtgesellschaftlich in den vergangenen Jahren zusehends versagt wird. 

“Auf der Jagd – Wem gehört die Natur” ist, auch wenn auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen, letztlich eine aufwändig inszenierte Propagandasendung, die eine Zunft verklärt, die sich ihrem Wesen nach längst überholt hat und nicht mehr in die Zeit passt. Doch die Message, dass es den wackeren Jägersmann (und die -frau) zwingend braucht und sich eine gewisse Ordnung in freier Wildbahn nur mit der Flinte herstellen und aufrecht erhalten lässt, ist geschickt verpackt. In epischen und, zugegeben, fantastischen, teils meditativ angelegten Naturbildern.  Hier geht es zum offiziellen Filmtrailer:

Der Jäger als Wohltäter und Gutmensch

Da erstrahlt der tapfere, von den Strahlen der Abendsonne vergoldete und mit einem universellen wildbiologischen Wissen gesegnete “Heger” als  Wohltäter, guter Mensch und Tierfreund. Doch die Fundamente dieses aus Selbstlosigkeit und aufopferungsvollem Engagement gezimmerten potemkinschen Tugenddorfs sind brüchig.

Ein klein wenig erinnert das alles an Leni Riefenstahl. Die umstrittene Filmemacherin wurde ja auch als “kreative Ästhetin” gefeiert, nutzte ihr Talent aber letztlich dafür, eine  menschen- und schöpfungsverachtende Ideologie zu transportieren bzw. ihr zu huldigen. Nun mag man Alice Agneskirchner, die Regisseurin des aktuellen Machwerkes, nicht mit der Schöpferin solch zweifelhafter Epen wie “Sieg des Glaubens” oder “Triumph des Willens” vergleichen können, weder in handwerklich-kreativer noch in ideologischer Hinsicht. Aber in der Wahl der stilistischen Mittel ähneln sich die beiden Frauen schon. Die Frage sei gestattet,  warum sich eine dekorierte Filmschaffende der Moderne, die ja in ihrer Karriere schon viele durchaus respektable und interessante Werke vorgelegt hat, derart prostituiert.

Als “Embedded Journalist” auf der Pirsch

Dabei waren die pirschenden Protagonisten anfänglich skeptisch gewesen, sich bei ihrem „edlen Waidwerk“ begleiten und auf die Finger sehen zu lassen. Diese Bedenken erwiesen sich als völlig unbegründet. Zu Beginn des Irak-Krieges 2003 kam der Begriff “Embedded Journalist” in Mode. Als solche bezeichnete man zivile Reporter, die kontrolliert über das, was sie zu sehen bekamen (und das war ja  nicht alles) berichteten. Der Begriff wird inzwischen auch außerhalb militärischer Zusammenhänge benutzt, um Journalisten zu charakterisieren, die sich den vorgegebenen politischen Strukturen und Erwartungen anpassen und zum Sprachrohr bestimmter Interessengruppen machen lassen. Davon gibt es mittlerweile leider ziemlich viele. Vielleicht muss man sich genau so das Zustandekommen des im 4k-Ultra-HD-Format gehaltenen  Filmes und die ihm zu Grunde liegende Art und Weise der Zusammenarbeit vorstellen.

Ach ja: Ein Freund von mir ist im vergangenen Jahr zu einer Geldbuße verdonnert worden, weil er Waidmänner  als “Wald-Nazis” tituliert hatte. Am vergangenen Wochenende durfte AfD-Rechtsaußen Björn Höcke auf dem Landesjägertag in Thüringen sprechen.  Originalzitat: „Ich danke allen Jägern für ihren unersetzbaren Beitrag zum Naturschutz und zur Brauchtumspflege!“ Aber das nur am Rande.

Trophäen-Fetischismus und der Segen Gottes

Microsoft Word - Auf der Jagd_Schulmaterial finale Fassung

Kirchgang: Gottes Segen für ein flächendeckendes Gemetzel. Jäger während einer ihrer obskuren Hubertusmessen. Der “heilige Hubsi” dreht sich im Grab herum. Foto: Broadview Pictures

Dass mit dem die abendländische Tradition festigenden Brimborium und den obskuren, damit einhergehenden Ritualen ist auch so eine Sache. Reden wir gar nicht von dem unseligen Trophäen-Fetischismus oder den bigotten Hubertusmessen in vielen unserer dann mit Tierleichen geschmückten Kirchen. Der „heilige Hubsi“  (655 – 727) wird ja von den Jagenden scham- und skrupellos  vereinnahmt und als Schutzpatron vermarktet,  obwohl die Intention des früheren Bischofs von Maastricht das krasse Gegenteil von dem war, was diese „grünen Abiturienten“ von heute (und gestern) verkörpern. Aber das Kunststück, ein flächendeckendes Gemetzel in der Tierwelt als Schöpfungsbewahrung zu verkaufen und sich dafür auch noch  Gottes Segen zu holen, muss man erst mal fertigbringen.

Warum Jäger den von ihnen getöteten Tieren einen Tannenzweig ins Maul stecken, erklärt Frau Agneskirchner in einem Interview mit der Berliner “taz” so: “Der Zweig im Äser” (die Frau hat das Jäger-Idiom schon voll drauf) “ist eine Ehrerweisung. Der Moment der Tötung ist etwas Besonderes, ein Moment der Entscheidung. Der Jäger tunkt zudem einen Zweig in die Einschusswunde und steckt sich den an den Hut. Dieses Ritual dient dem Jäger dazu, mit der Tötung abzuschließen. Und das betont das Gemeinsame von Jäger und Gejagtem”. Wow!! Von wie vielen Fliegenpilzen die Frau, während sie mit den von ihr bewunderten Zweibeinern durch das Dickicht gerobbt ist, wohl genascht hat?

Durch den Weichzeichner gejagt

Müssen einige gewesen sein, denn: Die Grausamkeit der euphemistisch als “Waidwerk” verharmlosten Blutorgien damit relativieren (oder entschuldigen) zu wollen, dass die Menschen ja schließlich auch nichts dabei fänden, Fleisch von in den industriellen Mastanstalten gequälten Tieren zu essen, ist schon ziemlich kühn und kann eigentlich keinem klaren Geist entsprungen sein. Zumindest nicht einem, dem an Objektivität gelegen ist. Aber darum, also um eine objektive, aus kritischer Distanz heraus erstellte sachliche (und schonungslose) Zeichnung dessen, was tagtäglich in den deutschen Revieren geschieht, geht es ja auch nicht. Da läuft der Weichzeichnungsfilter heiß. Man habe weder verharmlosen noch “unnötig” dramatisieren wollen, heißt es. Dem Zuschauer bleiben zwar auch der Anblick verletzter Tiere, Tötungsszenen und das Ausweiden der Opfer nicht erspart, doch alles in kleinen, verdaulichen Häppchen. Die Brutalität der als Hege verkauften Massaker wird weitestgehend ausgeblendet.

Widerwilliges Schießen unter Zwang

Natürlich wollen Jäger gar nicht (so viel) schießen, wie sie es tun, heißt es an anderer Stelle. Sie tun das eigentlich nur widerwillig und werden dazu gezwungen! Von den Behörden. Denn: Wer die vorgegebenen Abschussquoten nicht erfülle, verliere sein Revier. Wenn das so ist…  Jäger würden auch nicht um des Tötens willen töten. Das ist auch wieder so eine böswillige Unterstellung einer  fanatisierten Tierschutzbrut.  Immerhin: Beim Abschuss hätten sie (also die Jäger) aber das Gefühl, etwas geschafft zu haben. “Das ist der Genuss, dass endlich etwas gelungen ist”. Brauchen wir jetzt nicht weiter zu kommentieren.

Und dann dieses Schreckensszenario. Was wäre wenn? Wenn beispielsweise nicht, wie üblich, bundesweit jährlich mehr als eine Million Rehe abgeknallt würden? Dann breiten sich natürlich Seuchen aus und die Wälder werden ratzekahl gefressen. Die alte Leier. Und die Wildschweine übernehmen die Herrschaft, die Füchse rotten andere Arten aus, die Zivilisation gerät aus den Fugen…. Es geht hier also nicht um ein exquisites Freizeitvergnügen, das Ausleben eines Destruktionstriebes und /oder Lustbefriedigung. Letztlich tun die Waidleute ja nichts anderes, als eine auch von der Agrarindustrie dominierte und vom Menschen geschaffene “Kulturlandschaft” vor dem Untergang zu bewahren und den Wald zu retten. Und den Menschen gleich mit. Das ist doch immerhin etwas.

Vier Millionen Wildtiere starben für die gute Sache

Regie


Aha-Effekte mit Weichzeichner: Regisseurin Alice Agneskirchner und Kameramann Johannes Imdahl. Foto: Broadview Pictures

Diesem hehren Ziel folgend wurden in der Jagdsaison 2017/2918 laut offizieller „Streckenliste“ über 4 Millionen Wildtiere zur Strecke gebracht – und  geopfert. Darunter 1,2 Millionen Rehe, 453.913 Wildtauben, 435.700 Füchse, 212.452 Feldhasen, 93.331 Wildgänse und 134.098 Waschbären. Sie starben für eine gute Sache den Heldentod. Dass der vielleicht völlig sinnlos war,  wird auch nicht nur ansatzweise hinterfragt. Genau wie alle wildbiologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse, die den gängigen Thesen widersprechen, ausgeblendet werden.

Um den Schein zu wahren, kommen neben Jägern in dem Film trotzdem auch andere zu Wort, Waldbesitzer, Landwirte, Wildbiologen, Behördenvertreter, unbewaffnete Naturfreunde und, ja, das auch, Tierschützer. Was letztere einzuwenden haben, geht in der atmosphärisch dichten Flut der Bilder unter, erscheint nichtig angesichts der Größe der Gesamtaufgabe, der sich die hochgerüstete Trachtengruppe in Wahrnehmung ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung stellen muss.

 Ein Logenplatz auf dem Hochsitz

Es kommt immer darauf an, wie man/frau so etwas illustriert, steuert und lenkt. Das lernt man schon im ersten Jahr an der Filmhochschule. Und die passende Musik – im aktuellen Fall stammt sie von Gert Wilden Jr.  – gehört selbstverständlich ebenfalls zu den unverzichtbaren,  der Dramaturgie dienenden und die Kernbotschaft verstärkenden Elementen. Auszug aus dem Pressetext: „Der Film baut zunächst über die Bild- und Tonebene, über stimmungsvolle und zum Teil geheimnisvoll wirkende Bilder, untermalt mit Geräuschen und Musik (die nicht unbedingt etwas Gutes verheißen), einen emotionalen Bezug zu den Zuschauern auf: Dunst, Dämmerung bzw. Zwielicht, Abendstimmung, geheimnisvolle Wolkenschwaden, die durch die Landschaft ziehen…“. Und weiter: „Die Kameraführung erlaubt es stellenweise, die subjektive Perspektive eines Jägers einzunehmen: Die Zuschauer sitzen quasi mit einem Jäger auf dem Hochstand, teilen fast seinen Blick durch das

Zielfernrohr. Damit werden die Zuschauer nicht nur zu Zeugen, sondern zu Mit- oder Nacherlebenden, wird die Distanz zum Geschehen durch filmische Mittel ein Stück weit aufgehoben“. Jetzt kommen wir der Sache doch schon näher. Wir lernen verstehen, was den dem Höhepunkt zustrebenden Mann (oder die Frau) auf dem Hochsitz antreibt.

Zwischen Suggestion und Manipulation

Schule

Die Produktionsfirma spendiert interessierten Schulen großzügig Gratis-Lernpakete zur inhaltlichen Vertiefung und Nachbereitung des Films. Die Jugendlichen sollen erfahren, warum das Trommelfeuer im Forst alternativlos ist.

Ein geschickt eingesetztes Suggestions-Instrumentarium  als manipulatives Stilmittel der Volksaufklärung. Da ziehen Frau Agneskirchner und ihr (brillanter) Kameramann Johannes Imdahl alle Register, lassen andererseits aber jegliche kritische Distanz vermissen. So man eine solche in homöopathischen Dosen inmitten all der Stereotypen-Jonglage zu erkennen glaubt, wirkt sie aufgesetzt. Und da wir schon bei der Volksaufklärung sind: Die Produktionsfirma  „Broadview Pictures“ aus Köln spendiert interessierten Schulen großzügig Gratis-Lernpakete zur inhaltlichen Vertiefung und Nachbereitung der Thematik. Schließlich sollen auch Jugendliche (endlich) kapieren, warum das Trommelfeuer im Forst alternativlos ist. Und sie dürfen beim Ausfüllen des mitgelieferten Fragebogens den Satz „Ich finde jagen gut, weil.….“ vervollständigen.  Immerhin eröffnet man ihnen   auch die optionale Möglichkeit Gegenteiliges zu äußern. Aber erst an zweiter Stelle. Natürlich dürften die meisten die erste Option nutzen. Denn: „Wessen Brot (Wildfleisch)  ich ess‘, dessen Lied ich sing“. Und wer will sich schon nachsagen lassen, das Thema verfehlt zu haben…?

Auf die perfide Schnaps- und Jägermeister-Idee, bereits die Kleinsten zu indoktrinieren, ist der Deutsche Jagdverband schon vor vielen Jahren gekommen. Er lässt „pädagogisch besonders geschultes Personal“  in Kindergärten und Schulen missionieren – mit Duldung der Behörden.

Imagepflege statt Stigmatisierung

Sie wolle sich der Frage nähern, „wie ein ideales Zusammenleben zwischen Mensch und Tier im Wald“ aussehen kann, schreibt Alice Agneskirchner in der Einleitung. Die Betonung liegt da auch auf „Leben“. Die Antwort, worum es ihr, ihren Mäzenen und Gönnern (eigentlich) geht, bleibt die Regisseurin nicht schuldig:  der gängigen und einseitigen Stigmatisierung der Jägerschaft etwas entgegen zu setzen. Die wird ja offenbar, wenn man diese Aussage richtig deutet, zu Unrecht in die Buhmann- und Schmuddel-Ecke gestellt.  Da tut ein bisschen Imagepflege ganz gut.

Das Tun der Jäger, der unmittelbare, ultimative, irreversible Akt des millionenfachen Tötens, wird nicht hinterfragt. Stand auch so nicht im Lastenheft. Man muss sich nicht wundern. Leopold Hoesch, der Produzent des Films, ist zufällig selbst Jäger. Was aber, wie er betont, keinerlei Einfluss auf das Projekt gehabt hätte.  Ja, nee, ist klar. Andererseits beklagt der Mann, dass die Seinen (also die Jäger) in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr an Ansehen verloren hätten. Da muss man ja schließlich gegenhalten.

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