Rotorman's Blog

Verpackungskünstler, die die Motten
kriegen: Wer spinnt hier eigentlich rum?

| Keine Kommentare

Motte-1

Hier hat jemand rumgesponnen: Die Raupen der Gespinstmotte gelten als Verpackungskünstler. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Christo, der Verpackungskünstler, hätte es zu seinen Lebzeiten nicht besser machen können. Der Bulgare pflegte, als er noch unter uns weilte, ja auch alles einzuwickeln, was bei Drei nicht auf dem Baum war. Den Reichstag in Berlin beispielsweise. So etwas kann eine kleine Raupe noch viel besser. Die heißt zwar nicht Nimmersatt wie ihre kleine prominente Bilderbuch-Schwester, ist es aber.  

Der Appetit der gelb-grünen Viecher mit den schwarzen Köpfen, aus denen später mal Gespinstmotten werden, kennt keine Grenzen. Das zum Leidwesen vieler Gartenfreunde, an deren sommergrünen Laubgewächsen sich die hungrigen Kriecher schadlos halten. Sie sind verantwortlich für kahl gefressene Bäume und Sträucher. Dass sie derzeit wieder herumspinnen, ist nicht zu übersehen. Ein Naturschauspiel.

Ein feines Netz wie aus Zuckerwatte

Der Ort der Tafelfreuden ist überzogen mit einem kunstvollen, hauchfein geknüpften silbrig glänzenden Netz aus weißen Fäden. Bei den schwarzen Punkten darauf handelt es sich um Kotkügelchen. Das Ganze sieht aus wie Feenspeichel. Von weitem entsteht der Eindruck, als hätte jemand das Gebüsch mit Zuckerwatte und Puderzucker dekoriert.

Und wenn sich der Schleier dann mal lüftet, sind die Äste, die bis dato darunter verborgen waren, meist ratzekahl. Dabei werden Traubenkirschen bevorzugt. Aber es dürfen auch schon mal die Zweige von Weißdornsträuchern, Pappeln, Pfaffenhütchen oder Weiden sein. Die von Apfel- und Pflaumenbäumen natürlich auch. Spätestens da hört für den ambitionierten und um seine Ernte fürchtenden Gartenfreund der Spaß auf. Und er schwingt die chemische Keule. Was aber auch nix (mehr) bringt, weil es dann sowieso zu spät ist.

Raupe-2

Gefräßig und kreativ: Der Appetit der gelb-grünen Viecher mit den schwarzen Köpfen ist enorm. Die Raupen Nimmersatt verfügen im Mundbereich über Drüsen, die bei jeder Vorwärtsbewegung einen Seidenfaden produzieren. Foto: Pixabay:

Ist das Netz einmal gespannt, lassen sich die ungebetenen Gäste kaum mehr vertreiben – oder haben sich bereits die Bäuche vollgeschlagen. Da ist es besser, zeitiger ein Auge drauf zu werfen und die Raupen rechtzeitig einzusammeln. In einem frühzeitigen Stadium der Gespinstbildung reicht schon das Entfernen mit der Gartenschere.

Andererseits überstehen die meisten Gewächse eine entsprechende Heimsuchung unbeschadet, regenerieren sich schnell und treiben, spätestens mit dem Johannistrieb um den 26. Juni herum, wieder aus. Kernobstbäume hingegen können ertragsmäßig in Folge schon mal etwas schwächeln, sind aber spätestens im Jahr darauf wieder fit.

Insektengift ist kontraprosduktiv

Der Einsatz von Insektengiften macht (deshalb) keinen Sinn, weil diese erstens gefährlich für die Umwelt sind, und zweitens die natürlichen Feinde des Gegners gleich mit eliminieren. Dazu zählen beispielsweise Schlupfwespen, Raubwanzen sowie 80 weitere verschiedene Insekten, einige Parasitenarten inklusive. Das sind biologische Waffen, die dauerhaft eine ungehemmte Ausbreitung der Gespinstmotten verhindern. Auch für Kohlmeisen sind die ein Leckerbissen.

Traubengespinnstmotte

Nach der Transformation: Eine Traubengespinstmotte. In Deutschland gibt es fünf verschiedene Arten. Charakteristisch für sie sind die feinen schwarzen Punkte, die in fünf Längsreihen auf der Flügeloberseite angeordnet sind. Foto: James Lindsey at Ecology of Commanster [CC BY-SA 2.5]

Dass diese Raupen und die sich aus ihnen entwickelnden Falter in den vergangenen Jahren vermehrt auftreten, könnte am schleichenden Klimawandel liegen. Muss aber nicht. Denn auch langeund kalte Winter beeinträchtigen diese Tiere in ihrer Entwicklung kaum. Dass sie die von ihnen befallenen Gehölze so phantasievoll einkleiden, hat einen ganz praktischen Grund. Das ist so eine Art Schutzschirm. Darunter verborgen ist die gefräßige Brut vor potentiellen Verfolgern sicher und außerdem vor Witterungseinflüssen wie Regen geschützt. Aber auch, siehe oben, vor Gift, das erst gar nicht bis zu ihr durchdringt.

Bei uns in Deutschland gibt es fünf (nur schwer voneinander zu unterscheidende) Arten. Dazu gehören die Traubenkirsch-, die Apfel- und die Schlehen-Gespinstmotte. Sie sind (auch im Raupenstadium) ungefährlich und haben beispielsweise mit dem Eichenprozessionsspinner, dessen Brennhaare beim Menschen Dermatitis auslösen können, nichts zu tun. Die in der Regel weißen Falter, die es auf eine Spannweite von 16 bis 25 Millimetern bringen können, erkennt man an den feinen schwarzen Punkten, die in fünf Längsreihen auf der Flügeloberseite angeordnet sind.

Motte-2

Irgendwie auch ein Naturschauspiel. In diesem Prozessstadium nutzt auch der Einsatz von Insektengift nix mehr. Die befallenen Sträucher und Bäume überstehen den Kahlfraß meist, regenerieren sich schnell und treiben wieder aus. Foto: Pixabay

Saison haben diese Wesen zwischen Anfang Juli und Ende August. Die Redensart, jemanden ein faules Ei ins Nest zu legen, könnte von ihrer Angewohnheit herrühren, eben diese nach der Paarung an die Winterknospen der auserwählten Wirtspflanze zu kleben. Die jungen Raupen überwintern unter den Knospenschuppen und werden dann mit deren Austreiben im Frühling aktiv – und gefräßig. Nicht verwechseln sollte man sie mit denen des  Buchsbaumzünslers. Einer sogenannten invasiven, aus Ostasien stammenden Schmetterlingsart. Nachgewiesen worden war sie in Deutschland erstmals 2006 und befällt, nomen est omen, insbesondere Buchsbaumgewächse, die bei entsprechendem Befall sogar absterben können. Die Raupen gelten als Forstschädlinge.

 Sicheres Versteck aus echter Seide

Die Gespinste entstehen, indem die Raupe bei jeder Vorwärtsbewegung mit ihren Drüsen im Mundbereich einen Seidenfaden webt. Dabei handelt es sich übrigens um echte Seide, vergleichbar der von Seiden- oder Maulbeerspinnern. Die Netze sind nicht nur für sich allein genommen Kunstwerke. Daraus lassen sich auch andere erzeugen. Vor allem Maler in Tirol hatten sich das filigrane Material Anfang des 18. Jahrhunderts zunutze gemacht. Es diente ihnen als “Leinwand” bzw. Untergrund.  Die “Seidenteppiche” wurden vorsichtig vom Baum gelöst, auf einen Rahmen gespannt und anschließend mit Milch verfestigt. Johann Burgmann, Georg Brunner und  Johann Wurzer waren die bekanntesten Künstler, die diese Technik einsetzten. Lieber von denen gemalt, als vom Leben gezeichnet…

Raubwanzen

Raubwanzen (links) und Schlupfwespen (rechts) gehören zu den natürlichen Feinden der Gespinstmotten-Raupen. Wer letzteren mit Pestiziden zu Leibe rückt, macht auch ihren Gegnernd en Garaus. Fotos: Pixabay

Print Friendly

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.