Rotorman's Blog

Von Pils, Pilzen, Jägern und Sammlern
Zwischen „Mushroom-Junkies“ und Genießern

Pilz oder Pils-klein

Pils oder Pilz: Das ist hier die Frage. Beim Biertrinken kann man/frau meist nicht viel falsch machen – beim Schwammerl-Sammeln und -essen schon…. Fotos: Klaus Stevers/Ute Michels/pixelio.de

Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist der Homo sapiens ja auf die Rolle des Jägers und Sammlers fixiert. Wobei mir Sammler noch allemal lieber sind als Jäger. Aber beide Rollen füllt  das gefährlichste zweibeinige Raubtier dieses Planeten auch in der Neuzeit aus, auch wenn sich das heuer vielleicht in etwas abgewandelten Ausprägungen und Erscheinungsweisen zeigt. Jagdtrieb und Sammlertrieb sind miteinander verwandt, quasi die verschiedenen Seiten ein und derselben Medaille. Weil sie sich beide in der wilden Entschlossenheit manifestieren, Beute zu machen bzw. nicht selbst Gesätes zu ernten –  in welcher Form und Gestalt auch immer. Und das lässt sich in diesen Tagen wieder in unseren Wäldern anschaulich und Erkenntnis-bereichernd beobachten. Derzeit sind es die Pilz-Fahnder, deren große Stunde schlägt. Ab und an ist es auch ihre letzte…Herbstzeit ist Pilz-Zeit. Und das Objekt der Begierde muss ja nicht per se mit einem “S” am Ende geschrieben werden  Auch ein “Z” als Abschlusskonsonant kann durchaus gustatorische Reize verheißen. Davon abgesehen gilt: Im Wald sind ja deshalb so viele Pilse, weil die Tannen-zapfen… Aber ich gebe zu: Ein Krombacher von einem Licher unterscheiden kann ich auch nicht, zumindest dann nicht, wenn die gelbliche Plörre in einem neutralen Glas schäumt. Das gilt für den Steinpilz und den auch “Bitterling” genannten „Gemeinen Gallenröhrling“ ebenso.  Die schäumen zwar nicht, sehen aber ebenfalls (fast) gleich aus. Und die Wirkung mag mitunter auch gleich ausfallen. Besagter Röhrling ist zwar nicht wirklich giftig, aber die Folgen ähneln in etwa denen von zehn Glas auf Ex konsumierten Bitburgern. Man fühlt sich spätestens am nächsten Morgen so richtig  Scheiße… .Aber im Falle der röhrenden Galle besteht dennoch kaum Gefahr. Der Pilz ist von Natur aus so bitter, das kein Mensch mit einigermaßen intakten Geschmacksnerven ein zweites Mal hineinbeißen würde.

Russisches Pilz-Roulette und Koma-Saufen

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Der Grüne Knollenblätterpilz wird hin und wieder mit Wald- und Wiesen-Champignons verwechselt. Ein nicht selten tödlicher Irrtum. Man weiß sich dann aber in illustrer Gesellschaft mit Kaiser Karl VI oder dem römischen Kaiser Claudius. Die haben den Verzehr auch mit dem Leben bezahlt. © CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Das kann auch passieren, wenn der Sammler statt eines Perlpilzes einen ähnlich dreinschauenden Pantherpilz erwischt. Letzterer enthält Nervengift. Die Folgen: ein Gefühl der Trunkenheit, erhebliche Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, mitunter sogar Bewusstlosigkeit. Kennen wir ja aus eigener Erfahrung. Wie bei zu viel Pils-Konsum. Und der, wenn auch nicht allein, kann bei übermäßigem Verzehr ebenfalls ein tödliches Ende nehmen. Siehe Koma-Saufen.. Womit bewiesen wäre: Pilze und Pilse ähneln sich nicht nur in Schreibweise und Phonetik. Sie pflegen über die einzelligen Bier-, Wein- und Hefepilze auch verwandtschaftliche Beziehungen.Und sie können beide –  das Brauprodukt hier, die geheimnisvollen eukaryotische Kreatur dort –  erhebliche Negativ-Folgen zeitigen.

Wo Verwechslunsgefahren lauern und wie man sie umgeht, erkärt Pilzexperte Peter Karsch in diesem kurzen Video:
Zu Risiken und Nebenwirkungen fressen Sie die Packungsbeilage oder befragen Sie die Deutsche Gesellschaft für Mykologie. Hielt ich bislang irrtümlich für eine Außenstelle des Fremdenverkehrsbüros der Kykladen-Perle Mykonos. Aber tatsächlich sitzen bei der DGfM in Karlsruhe die klügsten Pikzköpfe und -sachverständigen der Republik. Ja, und dann, wenn auch keineswegs nur auf Karlsruhe beschränkt, gibt es ja noch die Fuß- Haut- und Nagelpilze, die Aspergillosen oder Candidosen. Aber das ist wieder eine ganz andere Baustelle…

Vorsicht vor den Doppelgängern!

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass fast jeder essbarere „Mushroom“, wie der Engländer dazu zu sagen pflegt, auch ein giftiges bis hochgiftiges Pendant, einen Doppelhänger hat. So sieht der „Grüne Knollenblätterpilz“, der es ja besonders in sich hat, dem herkömmlichen Champignon zum Verwechseln ähnlich – zumindest für ungeübte und ungetrübte Augen. Dieses Miststück, wir reden jetzt nicht vom Wiesen-, Wald- oder Anischampignon, ist für 90 Prozent aller Vergiftungen mit Todesfolgen verantwortlich. Schon 60 Gramm dieses „Grünen Giftwulstlings“ reichen aus, um einem erwachsenen Genießer die Leber zu zerstören und den Garaus zu machen. Kinder und Jugendliche geben sich mit geringeren Dosen zufrieden. Kaiser Karl VI könnte ein Lied davon singen, der römische Kaiser Claudius auch….

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In diesen Wochen schlägt wieder die große Stunde der Pilzsammler. Deren Beute kann ja nicht weg laufen. Foto: Lutz Kadner/pixelio.de

„Spitzbuckliger Raukopf“ (auch „Orangfarbener Schleierling“ genannt) – nicht zu verwechseln mit der Schleie (Tinca tinca), einem beliebten Speisefisch – ist auch so ein übler Vertreter. Seine Spezialität: Tödliches Nierenversagen beim Konsumenten. Er kann schon mal mit dem seltenen, nach Lokomotive stinkenden „Rhabarberfüßigen Raukopf“ verwechselt werden. Was aber  keinen großen Unterschied macht. Denn der ist ebenfalls hochgradig toxisch.

Der direkte Weg in die Leichenhalle

Pfifferlinge (Eierschwammerl) werden schon mal von nicht ganz so pfiffigen Sammlern mit Magen- und Darmbeschwerden hervorrufendenn „Falschen Pfifferlingen“ verwechselt, „Märzschnecklinge“ mit dem „Ziegelroten Risspilz“, „Milde Kiefernzapfenrüblinge“ mit ihren bitteren Vettern. Letztere beiden sind nur durch Geschmacksprobe zu unterscheiden. Wohl bekomm’s! Der „Spitzbuckelige“ und der „Orangefuchsige“ haben zwar keine Doubles, können aber für den, der sich an ihnen labt, ebenfalls in der Leichenhalle enden. Sie sind die mit Abstand gefährlichsten Giftpilze in Europa und schädigen die Nieren irreparabel. Der Tod tritt erst mit einiger Zeitverzögerung von mehreren Tagen durch Versagen dieser wichtigen Organe ein. Das dann aber der verdorbenen Currywurst aus der grenzwertigen Pommes-Bude unseres Vertrauens in den Bräter schieben zu wollen, wäre allzu durchsichtig. Wenngleich: Es hat schon Fälle gegeben, dass die Ursache der Wirkung folgt. Dann nämlich, wenn der trauernde Imbiss-Standbetreiber auf dem Friedhof tränenreich dem Sarg hinterher trabt…. Ist aber eher die Ausnahme.

Verlässliche Zahlen, wie viele Pilz- und Pilsfreunde aufgrund ihrer entsprechenden gourmettechnischen und durststillenden Präferenzen Jahr für Jahr durch den Jordan schwimmen bzw. über selbigen gehen, gibt es indes nicht. Zwischen 20 und 25 Menschen sollen, wurde mal kolportiert, durchschnittlich per anno Pilz-Vergiftungen erliegen. Das Portal pilzfreunde.de gibt die Zahl der Opfer mit 100 an – bezogen allerdings auf den Gesamtzeitraum von 1980 bis 2004. Zum Vergleich: 14 551 Menschen starben laut Statistischem Bundesamt allein 2012 durch übermäßigen Alkoholkonsum. Die Zahl der im Straßenverkehr tödlich verletzten Personen betrug lediglich ein Viertel davon. Zehn Menschen verglühten, weil vom Blitz getroffen, 250 wurden durch solche naturelle Funkenentladungen, auch als „Elektrometeore“ gefürchtet, zum Teil schwer verletzt. Aber das nur nebenbei. Tatsache aber ist: Gegen Fehler bei der Pilzwahl schützt auch kein Faradaysch‘er Käfig…

Dann schon lieber ein paar Bierchen zuviel

Ja, und da gibt es ja noch die „Mushroom-Junkies“, die vor allem die psychoaktiven Pilze im Visier haben und auf grenzwertige Räusche aus sind. Die fressen beispielsweise auch Fliegenpilze roh oder kochen sich einen Sud daraus, braten sie in Öl oder legen diese grenzwertigen Appetithappen zusätzlich in Alkohol ein. Und jagen in Folge dann zwischen fünf und sechs Stunden lang auf Wolke 7 durch den sturmgepeitschten Himmel, der den Tag in ihrem rotierenden Schädel zur Nacht macht.  Diese Bekloppten scheuen ja auch nicht vor dem Verzehr von Stechäpfeln oder Engelstrompeten zurück. Ein recht riskantes Vergnügen. Dann schon lieber ein paar Bierchen zu viel….

Da tun sich wahre Abgründe auf!!! Vermintes Terrain. Ein ganz gefährliches Pflaster.Und eine Wissenschaft für sich. Davon mal ganz abgesehen: Bei der Lagerung und der Zubereitung kann man/frau auch noch ‘ne Menge falsch machen – mit dann verhängnisvollen Konsequenzen.

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Schön anzusehen, aber giftig. Der Verzehr von Fliegenpilzen kann Bauchschmerzen, Durchfall, Übelkeit, Schwitzen und übermäßigen Speichelfluss hervorrufen. Junkies, auf der Suche nack Kick und Rausch, kochen sich schon mal einen Sud daraus. © CCO Public Domain/Meiskbar

Insofern haben diejenigen Fungi-Freunde, die die toxischen, virulenten Exemplare mit traumhaft-tödlich-finaler Sicherheit von den genießbaren unterscheiden und sie anschließend lecker und bekömmlich zubereiten können, meine ungeteilte Bewunderung. Gut, ab und an gibt es immer mal einen Betriebsunfall. Aber auch in diesem Metier gilt: No risk, no fun! Unter Pilzsammlern findet man allerdings nur wenige Generalisten. Die Mehrheit hat sich auf das Zusammensuchen einiger weniger Arten spezialisiert, von denen sie meinen glauben zu können, diese aus dem Eff-Eff zu kennen und sich zutrauen, die verhängnisvolle Spreu sehr wohl vom leckeren Weizen (nicht Weizenbier) zu trennen vermögen. Safety first!!!

Mamas Parasol-Schnitzel sind besser als jedes Schweinesteak

Selbst als passionierter Karnivore (Asche auf mein Haupt!) kann ich so einer raffiniert kreierten Pilzspezialität ‘ne Menge abgewinnen. Für einen von Mama so unvergleichlich panierten, gebratenen und mit dem Champignon verschwägerten Parasol-Riesenschirm lasse ich jedes Steak in der Pfanne links liegen. Soll es da doch ruhig verkokeln! Da geht nix drüber. Auch nicht über meiner Mutters Steinpilz-Capacciao. Vorausgesetzt, der Rohstoff kommt nicht aus Fernost. Da hat die Stiftung Warentest nämlich schon 2009 nachgewiesen, dass Dickröhringe made in China hochgradig mit Nikotin angereichert waren, warum und wie auch immer. Da könnte ich mir vom Mom ja gleich eine Schachtel Marlboro braten lassen. Oder wie wär’s mit einem frittierten Päckchen Gauloises, anschließend garniert mit einer pikanten Sauce Béarnaise?

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Für einen panierten und raffiniert zubereiteten Parasol lassen selbst passionierte Karnivore jedes Steak in der Pfanne links liegen. Foto: Rosel Eckstien/pixelio.de

Lassen wir die Glimmstengel mal aus der Pfanne. So ein diffuses, mulmiges Rest-Gefühl bleibt immer. Irgendwie haftet Pilzessen so einen Hauch von Russischem Roulette an. Die Japaner treiben dieses gefährliche Spiel ja mit ihrem Kugelfisch. Von diesem niedlichen Kerlchen, Fugo genannt, ist nur das Muskelfleisch essbar. Der Rest fällt unter die Genfer Kriegswaffen-Konvention. Da darf der Koch, der ja, bevor man ihn mit dem Tranchiermesser überhaupt in die Nähe des Geschuppten lässt, erst eine zweijährige Spezialausbildung durchlaufen muss, kein Tröpfchen Pils intus haben, geschweige den Sake. Damit er aus Versehen nicht etwas von den übrigen hochgiftigen Körperteilen des angelandeten Meeresbewohners abschnippelt.

Und unser lieber Nachbar auch…

Und wenn wir uns zu Hause bei und mit von Papa gesammelten Pilzen nicht ganz sicher sind, bringen wir dem Nachbarn einen Teil der Ausbeute. Zeigt der am nächsten Tag noch keine Verhaltensauffälligkeiten, dürfen wir gewiss sein, uns im grünen Bereich zu befinden. Das ist jetzt aber nicht als politische Positionierung zu verstehen. Ein solcher Sicherheitscheck ist andererseits auch mühselig und zeitraubend. Wenn, dann will man ja gleich was löffeln und nicht erst warten, bis der dankbare Kollege von vis-à-vis (un-)freiwillig den Vorkoster gemimt hat. Wartet man zu hingegen zu lange mit dem Verspeisen, kann das auch in die Hose gehen oder auf den Magen schlagen.

Die DGfM (Kürzelerklärung siehe oben) warnt denn auch, dass die meisten Pilzvergiftungen durch den Verzehr von zu lange gelagerten bzw. zu alten „Früchten“ auftreten würden. Auch der Genuss von rohen und ungenügend gedünsteten Pilzen könne schwere Folgen nach sich ziehen. Gilt für Herbsttrompeten, Frühlings-Posaunen –  nee, Quatsch, die gibt’s gar nicht, kleines Späßchen –  aber auch für Schopftintlinge, Hallimasch, Narhallamarsch und Stockschwämmchen.

Bei manchen Arten, die früher ausdrücklich als Speise-Pilz galten, wird mittlerweile vom Verzehr abgeraten. (Unsere Vorfahren habe da offenbar doch noch einiges mehr wegstecken können). Ein Beispiel dafür ist der Grünling, dessen vermehrter Konsum Muskelschädigungen hervorrufen kann. Vom exzessiven Pilsstemmen in der Dreiviertelliter-Klasse bekommt man wenigstens nur Muskelkater im Arm oder einen Kater am nächsten Morgen.

Angesiedeltet zwischen Pflanze und Tier

Apropos „Früchte“: Ist natürlich irreführend, die Dinger so zu bezeichnen. Pilze hat man wegen ihrer Sesshaftigkeit lange dem pflanzlichen Spektrum zugeordnet. Tatsächlich werden sie heute aber aufgrund ihrer physiologischen und genetischen Eigenschaften in einem eigenen, speziell für sie verorteten Reich angesiedelt und gelten enger mit Tieren als mit Pflanzen verwandt. Und sie haben, ob nun vom Menschen genieß- bzw. vertilgbar oder nicht, einen hohen Stellenwert im Naturgefüge, sind von herausragender ökologischer Bedeutung. Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa 80 bis 90 Prozent aller Pflanzen in ihrem Wachstum von Pilzen gefördert werden. Das ist doch auch schon mal was! Da kann man ihnen gewisse Nebenwirkungen durchaus durchgehen lassen.

Höchst- und Schmerzgrenzen

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Es gibt Schmerz- und Höchstgrenzen: Um den Pilzbestand in den Wäldern zu schützen und dem gewerblicher Handel damit einen Strich durch die Rechnung zu machen, dürfen Privatpersonen pro Tag nur ein Kilogramm für den Eigenbedarf „ernten“. Foto: Jarmoluk/Pixabay

Vielleicht darf man/frau sich auch deshalb nicht ungebremst an den „Schwämmen“ schadlos halten. Da gibt es bestimmte Höchstmengen, die jedem Sammler im Wald zugestanden werden. Die sind in Deutschland je nach Bundesland unterschiedlich und betragen in den meisten Fällen ein Kilo pro Person und Tag für den Eigenbedarf. Durch diese Regelung soll der Pilzbestand in den Wäldern geschützt und ein gewerblicher Handel mit im Wald gesammelten Pilzen verhindert werden. Wer unberechtigt kiloweise Pilze aus dem Wald schleppt und dabei erwischt wird, riskiert – so aktuelle Urteile – ein saftiges Bußgeld von bis zu 5.000 Euro. Glücklicherweise ist mein alter Herr bislang immer durch die Überwachungs- und Kontrollmaschen geschlüpft. Sonst hätte er schon längst Privatinsolvenz anmelden müssen…. Aber wir alle leben immer noch. Da kann er also nicht allzu viel falsch gemacht haben.

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