Rotorman's Blog

Von Workaholics im Bikini, heuchlerischen
Ameisen und dem Reiz des Müßiggangs

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Collage

Immer im Dienst – für den Chef, die Firma und die eigene Karriere. Arbeitssüchtige beziehen ihr Selbstwertgefühl aus der Dauer der im Job verbrachten Zeit.
Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Fast hätte ich ihn verpasst, den “Tag des Workaholics”. Der war vergangene Woche, am 5. Juli. Und ausgerechnet an diesem höchsten Feiertag der beruflichen Leistungsträger streikte der Wecker. Was eine Verlängerung des sowieso immer viel zu kurzen nächtlichen Schönheitsschlafes um zwei Stunden zur Folge hatte. Und danach war es eh egal. Sich jetzt noch ins Büro zu quälen, hätte wenig Sinn gemacht. Eine Einstellung, die im krassen Gegensatz zur Lebensauffassung all jener taffen Schaffer und Pflichtbewussten steht, die Überstunden sammeln wie andere Leute Briefmarken und/oder Schuldscheine.  Warum sie das tun? Darüber nachzudenken wäre an diesem 5.7. Gelegenheit gewesen. Gut, zeitgleich wurde mit von Region zu Region unterschiedlicher Intensität und Ausprägung auch der “Tag des Bikinis” gefeiert. Von seiner inhaltlichen Thematik ein wesentlich erquicklicherer Anlass. An diesem Tag vor 71 Jahren hatte der gelernte  Maschinenbau-Ingenieur und Nebenerwerbs-Designer Louis Reard auf einer Modenschau in Paris  erstmals das bis dahin knappste Badetextil aller Zeiten vorgestellt. Damals ein Skandal, heute mitunter auch. Zumindest dann, wenn grenzwertig proportionierte, überdimensionierte Figuren drin stecken. Und am 16. August ist dann der “Tag der Bratwurst”. Da freue ich mich jetzt schon drauf. Meine Kollegin, eine diplomierte Veganerin, weniger. Aber das ist ein anderes Thema.

Das Damoklesschwert über den Köpfen der Faulen

Tag des Bikinis

Am 5. Juli war der “Tag des Bikinis”. Thematisch ein deutlich angenehmerer Anlass als er zeitgleich begangene “Tag der Workaholics”. Foto: Pixabay

Passend zum Workakolic-Feiertag hatte sich die NRW-FDP für eine Reform des Arbeitszeitgesetzes ausgesprochen und für längere Arbeitstage und kürzere Pausen plädiert. Die Pünktchenpartei, die es nach jahrelanger Abstinenz mit Ach und Krach wieder in die Landesregierung geschafft hat, versteht sich ja sowie als Speerspitze ambitionierter beruflicher High-Performer. Und ihre  Forderung, der zufolge sich Leistung (wieder) lohnen muss, schwebt ja nicht erst seit Spaß-Guido, Gott hab’ ihn selig, wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Faulen. Nur dann, wenn sich die Hamsterräder in den Fabriken und Büros noch schneller drehen, kann es mit und in unserem Land wieder aufwärts gehen. Und mit den Menschen darin, also denen in besagten Rädern. Das darf man nicht vergessen.

Workaholics sind per Definition Personen, die unter dem (krankhaften) Zwang stehen, immer arbeiten zu müssen – auch um damit unangenehmen Situationen auszuweichen oder Konflikte zu vermeiden. Mithin ist das auch eine Flucht vor Sorgen, Einsamkeit oder innerer Leere. Behaupten zumindest einige Psychologen. Persönliches Wohlbefinden und Selbstwertgefühl sind für die Betroffenen an die Länge der im Job verbrachten Zeit gekoppelt. Diesem Gedanken werden alle Lebensbereiche untergeordnet und bestimmen auch das private Handeln. Müßiggang ist aller Laster Anfang, Nichtstun des Teufels. Mit pädagogisch zweifelhaften Indoktrinationen dieser Art  sind Generationen aufgewachsen. So etwas lässt sich nicht einfach abschütteln.

Action und blinder Aktionismus

Frau

Etwa 500.00 Deutsche leiden unter krankhafter Arbeitssucht und gehören in eine Therapie. Behaupten zumindest Fachleute. Viele verwechseln einen ausgefüllten Terminkalender mit einem ausgefüllten Leben. Foto: Pixabay

Viele verwechseln einen ausgefüllten Terminkalender mit einem ausgefüllten Leben. Wobei die Maxime gilt: “Arbeite viel und rede darüber!” Schon Robert Lembke hatte festgestellt: “Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist”. Danach gefragt, wie es einem denn so gehe, lautet die Standardfloskel dann meist auch “viel zu tun”. Wobei Produktivität und Effizienz erst mal zweitrangig sind. Action bzw. blinder Aktivismus sind wichtiger.

Beobachten kann das jeder in seinem eigenen Umfeld. Mein Kollege Stephan, der mir gegenüber sitzt, ist so ein Ausbund an wild entschlossener Strebsamkeit, ein Turbo-Worker, ein Vorbild. Morgens der erste, abends der letzte. Er ist aufrichtig empört, wenn andere nach acht Stunden ihr Ranzerl packen. Den Begriff “Work-Life-Balance” hält er für eine modische Floskel und Erfindung arbeitsscheuer Asis. Eine Ausrede, mit der lediglich Faulheit kaschiert und geadelt werden solle.

Triebtäter, die nichts gebacken bekommen

Tafel

Der österreichische Aphoristiker Ernst Ferstl hat die vermeintlichen Leistungsträger und High-Performer durchschaut. “Hinter der Maske der Power-Schaffer verbirgt sich oft krankhafte Arbeitssucht”. Foto: Pixabay

Stephan selbst ist wichtig. Eine Schlüsselfigur, von der das Funktionieren und der wirtschaftliche Erfolg des gesamten Unternehmens abhängen. Ein Triebtäter, der genau besehen jedoch nichts gebacken bekommt. Das aber dann mit großem Tam-Tam. Weil er irgendwann mal ein Zitat von Lessing aufgeschnappt und es sich auch tatsächlich behalten hat: Laut Gotthold Ephraim darf sich nämlich jeder seines Fleißes rühmen. Und das tut der Kollege denn auch ausgiebig. Dem hielt der 1975 verstorbene Journalist und Schriftsteller Peter Bamm entgegen: “Tätig ist man immer mit einem gewissen Lärm, Wirken geht in der Stille vor sich”.

Stephan trägt nicht von ungefähr den Spitznamen “Ameise”. Ein Insekt, über das der spanische Philosoph Miguel de Unamuno y Yugo  (1864 – 1936) gesagt hat, es sei eines der heuchlerischsten Tiere, die es gibt: “Sie (die Ameise)  tut nichts anderes, als dass sie spazieren geht, und doch will sie uns aufbinden, dass sie arbeite”. Während der deutsche Schriftsteller Johann Gottwerth  Müller (1743 – 1828) in einem lichten Augenblick festgestellt hat, dass zwecklose Arbeit nicht weniger töricht sei als zügelloser Genuss, bringt es der österreichische Aphoristiker Ernst Ferstl auf den Punkt: “Hinter der unglaublichen Tüchtigkeit mancher Leute versteckt sich eine maskierte Süchtigkeit”.

Beruflicher Aufstieg durch gebückte Haltung

Abgeschlafft

Während man Alkoholiker in die Suchtklinik schickt, werden Arbeitsjunkies befördert. Aber auch sie erreichen hohe Stellungen nur durch gebückte Haltung, brennen dann aber nach einer gewissen Hochphase schneller aus. Foto: Pixabay

Womit wir wieder bei den Workaholics wären. Während man Alkoholiker in die Suchtklinik schickt, werden Arbeitsjunkies befördert. Aber auch sie erreichen hohe Stellungen nur durch gebückte Haltung, brennen dann aber nach einer gewissen Hochphase schneller aus. Nicht selten fehlt es ihnen an Effizienz. Zu viel Kraft und Energie fließen in einen unnötigen Perfektionismus. Wer arbeitssüchtig ist, kann in der Regel schwer delegieren, hält sich selten an Arbeitsaufteilungen, zieht alles an sich – und setzt andere unter Druck. Insofern tun Personalchefs sich und der Firma keinen Gefallen, wenn sie solche Typen favorisieren.

500.000 therapiebedürftige Arbeits-Junkies

Süchtige Menschen gelten als willensschwach, beim Arbeitssüchtigen ist das oft anders: Wer viel schafft, wird als Leistungsträger gefeiert. Arbeitssucht, von deren verschärfter Form etwa 500.000 Menschen in Deutschland betroffen sein sollen, gilt als eine “saubere” Sucht, wird belohnt und ist medizinisch nicht als eigenständige Krankheit anerkannt. Der Diagnosekatalog der Ärzte kennt das Wort nicht. Die Japse hingegen nehmen das Thema ernster. Im Lande Nippon gibt es bereits 350 Behandlungszentren, in denen Betroffene, die sich den “Karōshi” genannten Malocher-Virus eingefangen haben, therapiert werden. Bei uns finden sich vereinzelt die “Anonymen Workaholics”,  nach dem Vorbild der anonymen Schluckspechte organisierte Selbsthilfegruppen. Um nicht einmal bei einer solchen zu landen, halte ich es fortan mit Dr. Gregory House: “Arbeite klug, nicht hart”.  Oder  besser noch mit  dem französischen Literaturnobelpreisträger Anatole France: “Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich”.

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Arbeit, weiß der Volksmund, macht das Leben süß. Der deutsche Schriftsteller Johann Gottwerth Müller (1743 – 1828) wusste es besser: “Zwecklose Arbeit nicht weniger töricht sei als zügelloser Genuss”. Foto: Pixabay

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