Rotorman's Blog

Bodymaß-Index und Hungerleider: Täglich
sterben 24.000 Menschen durch Zwangsdiät

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Dicke Bäuche, Waschbrettbäuche, leere Bäuche. Die Sorgen und Probleme der Menschen sind, je nachdem wo sie leben, doch ziemlich unterschiedlich. Und Gedanken um die schlanke Linie macht man sich in Nigeria, Somalia, im Jemen und im Südsudan eher selten. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Wieder mal Hungersnot in Afrika? Schrecklich! Die armen Menschen.Und wir blättern (oder zappen) weiter. An solche Meldungen hat sich die Welt längst gewöhnt. Sie bereiten eigentlich keinem mehr schlaflose Nächte. Und wenn man trotzdem mal kein Auge zukriegt, liegt das eher am Völlegefühl im Bauch. Den haben wir uns am Abend zuvor zu später Stunde allen guten Vorsätzen zum Trotz doch noch mal richtig vollgeschlagen. Ist ja auch nicht unser Problem, wenn die da unten wieder mal nix zu beißen haben. Die Bimbos kriegen es einfach nicht auf die Reihe. Obwohl wir uns jedes Jahr Millionen hart verdienter Groschen vom Munde absparen und zu Weihnachten in die Klingelbeutel von “Brot für die Welt”, “Misereor” oder der Welthungerhilfe stopfen. Das sollte doch eigentlich reichen. Tut es auch. Dahingehend, dass es unser Gewissen beruhigt bzw. betäubt….

Aktuell haben in Nigeria, Somalia, Südsudan und Jemen mal wieder 1,4 Millionen Kinder kaum etwas oder gar nichts zu kauen. Wegen Mangelernährung sehen sie dem sicheren Hungertod ins Auge. Für diese Kids läuft die Zeit ab. Das vermeldet UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Und ruft die Weltgemeinschaft (wieder einmal) zu schnellerer Hilfe auf. Die Botschaft hören wir wohl…. Aber: Da müssen die halt jetzt durch. Ist ja eigentlich auch nichts Besonderes. Den Leuten andernorts geht es nämlich auch nicht besser. Tagtäglich verrecken irgendwo auf diesem Planeten immer irgendwelche Hungerleider. 24.000. Jeden Tag. Das würde Bonn, wo ja sowieso nix los ist, das Genick brechen. Die Stadt wäre innerhalb von zwei Wochen komplett ausgerottet. Und? Regt sich da jemand drüber auf? Ist doch eine überschaubare Zahl. Irgendwer muss ja schließlich den Preis für den Wohlstand, der dem überwiegenden Teil der Weltbevölkerung vergönnt ist, bezahlen. Deshalb: Heiliger St. Florian….!

795 Millionen haben nix oder kaum etwas zu kauen

Earth

Küchenmeister Schmalhans hat weite Teile unseres blauen Planeten fest im Griff. Dass der Mensch den Hunger nicht in selbigen bekommt, ist ein Armutszeugnis. Das kostet jeden Tag 24.000 Betroffene das Leben Die Ursachen sind vielschichtig und liegen nicht nur in Klimawandel bedingten Naturkatastrophen und bewaffneten Konflikten begründet. Vor allem die von den reichen Ländern geschaffenen und verbissen verteidigten Welthandelsstrukturen haben einen großen Anteil daran. Foto: Pixabay

7,5 Milliarden Menschen leben auf dem blauen Globus und wollen satt werden. Die meisten tun es ja auch. Nur 795 Millionen von ihnen haben laut Welthunger-Index 2016 halt das Pech, abends mit knurrendem Magen unter die Decke  kriechen zu müssen, so sie eine haben. Das sind gerade mal 10,6 Prozent. Also eine zu vernachlässigende Größe. Marginale Kollateralschäden unseres Reichtums. Gut, der ist nicht ganz gerecht verteilt. Aber wo, bitteschön, herrscht heuer schon Gerechtigkeit?

Gourmet-Freuden im Speckgürtel der Sahel-Zone

Die sich jetzt erneut im Armenhaus Schwarzafrikas abzeichnende Katastrophe ist ja, nebenbei bemerkt, so außergewöhnlich auch wieder nicht. Da gab es schon schlimmere. 2011 beispielsweise. Damals drohte Küchenmeister Schmalhans 11,5 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Eritrea mit Nahrungsentzug. Was natürlich völlig überraschend kam. Ein paar von den Hungerhaken haben das bedauerlicherweise auch nicht überlebt. Aber inzwischen ist längst wieder Savannengras über die Sache gewachsen. 1984/85 hatten im Sahelzonen-Speckgürtel rund 3 Millionen Abgemagerte ihre irdische Existenz hinter sich gelassen. Das waren doch ganz andere Dimensionen. Und was die von EU-Kommissar Günter Oettinger-Pils als Schlitzaugen titulierten Chinesen erst durchgemacht haben! Zwischen 15 und 43 Millionen Gelbe blieben zwischen 1959 und 1962 während des olympiareifen, von Mao inszenierten “Großen Sprungs nach vorne” auf der Strecke – oder waren erst gar nicht aus den Startlöchern gekommen. Bis heute der größte Diät-GAU der Geschichte. Dagegen ist das, was sich jetzt wieder in Afrika abzeichnet, doch ein Klacks. Die sollen hier mal nicht so rum jammern.

Quantensprünge auf dem apokalyptisches Reitturnier

Bayern

Weltweit 795 Millionen Menschen leiden Hunger und sind unterernährt. Diese Herren gehören nicht dazu. Foto: Pixabay

Dass es überhaupt Menschen gibt, deren Teller leer bleiben, ist eine Bankrotterklärung für unsere gesamte Spezies. Wir überlisten Raum und Zeit, erschaffen künstliches Leben, lassen den technischen Fortschritt in Quantensprüngen hüpfen, aber den Welthunger kriegt der Homo Sapiens trotz aller Anstrengungen nicht in den Griff. Versucht er zwar ständig, das aber mehr oder weniger halbherzig. Das Datum, an dem das Ziel erreicht sein soll, wird mit schöner und stoischer Regelmäßigkeit weiter nach hinten geschoben. Aktuell gilt 2030 als Vorgabe. Wie sagte doch gleich der Blinde? “Ich sähe es gerne“! Der Hunger war noch im Mittelalter neben Pestilenz, Krieg und Tod als einer der vier apokalyptischen Reiter gesetzt und gefürchtet. Die aufrechten Vier sitzen immer noch im Sattel. Wobei lediglich Kollege Pest etwas schwächelt. Aber die drei anderen haben die Zügel nach wie vor fest in der Hand.

Unsere Eltern bzw. Großeltern haben noch erfahren, was es heißt, richtig Kohldampf schieben zu müssen. Stichwort Hungerwinter 1946/47. Da kam alles zusammen, um den Fastenspaß komplett zu machen. Zerstörung, Missernten, arktische Kälte, Rohstoffmangel, Wohnraumknappheit, Reparationsforderungen der Siegermächte, Seuchen. Selbst bis aufs Skelett abgemagerte Ratten galten damals als von Gott geschenktes Festmahl. Maden ersetzten den Speck, in dem sich häuslich einzurichten ihnen nicht möglich war, weil es keinen gab. Zehn Millionen Flüchtlinge drängten zusätzlich an die nicht vorhandenen Fleischtröge.Tausende überlebten nicht.

Heilfasten gegen die drohende Übervölkerung

2015 Global Hunger Index

Der Welthunger-Index veranschaulicht, wo es ernährungstechnisch klemmt. In den orange gefärbten Ländern ist die Situation am besorgniserregendsten. In den Industriestaaten (weiß) herrscht dahingehend zwar offiziell keine Not, doch auch hier schieben Millionen Kohldampf. In den USA ebenso wie in Deutschland.

Nachfolgende Generationen vermochten und vermögen das Ausmaß dieses Zwangs-Heilfastens nur schwer nach zu vollziehen. Für uns Yuppies der Moderne ist der Tag ja schon  gelaufen, wenn, weil wir verpennt haben, das Frühstück ausfällt und es den Cafe-to-Go nebst Donut erst verspätet unterwegs gibt. Wir holen die uns entgangenen Gaumenfreuden dann spätestens zu Mittag in der Werkskantine nach und hauen uns zwischendurch noch einen leckeren Energieriegel rein. Während unsere besseren Hälften nach dem morgendlichen Gewichtscheck auf der Waage jedem verlorenen Gramm Körpergewicht einen Namen geben. Und bevor wieder mal die digitale Warnanzeige „Bitte nicht in Gruppen drauftreten“ aufblinkt, schluckt Frauchen vorsorglich ein paar Kapseln Phentramin, Supprex, Detonate, F-Burn, Nutri, SlimBurn Forte, Reductol oder Orlistat. Vom Verkauf entsprechender Appetithemmer und –zügler lebt eine ganze Industrie, und das nicht schlecht. Im Sudan oder im Tschad wären das allerdings Ladenhüter. Den Leuten dort ist auch der Bodymaß-Index völlig schnuppe.

Plötzlich gar nix zu futtern, oder auf Dauer zu wenig

Wie viele Feinschmecker damals vor 70 Jahren in Trümmer-Deutschland an Unterernährung verendeten, darüber existieren keine belastbaren Zahlen. Man munkelt, dass es aber schon mehrere Hunderttausend waren. In der Sowjetunion brachen zeitgleich etwa zwei Millionen Leidensgenossen unter der Last der gleichen Symptome tot zusammen. Das ist Geschichte. Vorbei, aber nicht vergessen. Und sie wiederholt sich ja unter anderen Vorzeichen in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Es sind nicht die akuten, mehr oder weniger sporadisch grassierenden Hungersnöte, die die meisten Opfer fordern. In 90 Prozent aller Fälle gilt chronische Unterernährung als Auslöser dafür, dass Menschen die Nahrungsaufnahme irgendwann für immer und ewig verweigern. Das ist ein schleichender Prozess, der bei dem einen früher, bei dem anderen etwas später zum finalen und vorhersehbaren  Ergebnis führt. Wer über Monate oder Jahre nur unzureichend  Futter bekommt, dessen zunehmend schwächelnde körperliche Konstitution fordert irgendwann ihren Preis. Und der ist tödlich.

Viele Ursachen mit gleicher Wirkung

Vögel_Evi Angela Daub_pixelio.de

Weltweit gibt es genügend Nahrung, um alle Mäuler stopfen zu können. Dummerweise sind die Lebensmittel nicht immer dort, wo sie gebraucht werden. Oder halt unerschwinglich. Andererseits werden laut der Welternährungsorganisation FAO pro Jahr 1,3 Milliarden Tonnen an Essbarem weggeworfen und/oder vernichtet. Foto: Evi Angela Daub/pixelio.de

Die Ursachen dafür, dass Millionen Menschen heute (wieder oder immer noch) nix zu kauen haben, sind vielschichtig. Welche davon in welcher Reihenfolge greifen, hängt (auch) vom politischen Standpunkt und der Interessenlage des Betrachters ab. Aber irgendwie und überall läuft das alles letztlich auf menschliches Versagen hinaus. Dazu zählen durchaus auch klimawandelbedingte Naturkatastrophen und bewaffnete Konflikte. Oder da ist ein adipöser permanent klammer nordkoreanischer, von seinem großen Nachbarn protegierter und in Saus und Braus lebender mörderischer Gernegroß, der die letzten Groschen in von eigenem Größenwahn diktierte Atomwaffenprogramme steckt anstatt in die Versorgung der am Hungertuch nagenden und von ihm geknechteten Bevölkerung. Die internationale Gemeinschaft muss  dann durch angestrengte Reis-Hilfslieferungen versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Suppe für alle, nur nicht dort, wo sie gebraucht wird

Generell gilt: Es ist Suppe für alle da. Aber halt nicht immer dort, wo man sie gerne löffeln würde. Der Hund, der in verschiedenen Gegenden ja auch auf den Tisch kommt, liegt in mangelnder Effizienz, fehlender Nachhaltigkeit und Ungerechtigkeit beim Anbau und der Verteilung von Nahrungsmitteln begraben. Und wird in der Pfanne verrückt. Die Strukturen des Welthandels benachteiligen die Dritte-Welt-Länder zudem extrem. Weshalb es auch kein Wunder ist, dass die oft auf keinen grünen Zweig (mehr) kommen. Von den Auswirkungen des neuen globalen Staats-, Konzern- und Geldeliten-Monopoly, des sogenannten “Land-Grabbings”, wollen wir gar nicht reden. Das ist wieder eine andere Geschichte. Gilt ebenfalls für Finanzwetten auf Agrarrohstoffe und Spekulationsgeschäfte mit Ackerland. Damit verdienen auch honorige deutsche Banken und Versicherungskonzerne Unsummen. Es stört die Aktionäre kaum, dass u.a. auch deshalb alle sechs Sekunden irgendwo auf der Welt ein Kind sterben muss.

Die fatalen Folgen des Agrardumpings

Appetitzügler

Etwas krank ist das schon. Während einerseits Millionen Dollars und Euros für Appetitzügler- und –hemmer ausgegeben werden, haben die Menschen in vielen Ländern der Erde nichts zu kauen. Denen ist ihr Bodymaß-Index völlig egal. Foto: Sigrid Rossmann/pixelio.de

Das sogenannte “Agrardumping” ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wenn auch nur eines unter vielen, wie und wo etwas gehörig schief läuft. Die Industrieländer propagieren einen freien Welthandel und drängen die Entwicklungsländer dazu, Importbeschränkungen aufzugeben und ihre einheimische Landwirtschaft nicht mit Subventionen zu unterstützen. Was sie selbst aber zu Hause recht massiv tun, indem sie durch großzügige Exportbeihilfen die Ausfuhr ihrer Produktionsüberschüsse in eben diese Regionen pushen. Die Waren werden dort somit zu künstlich verbilligten Preisen angeboten und konkurrieren mit der Landwirtschaft vor Ort. Einheimische Bauern verlieren als und in Folge ihre lokalen Absatzmärkte und müssen ihre Produktion einstellen. Dadurch können ganze Länder von Importen abhängig werden. So war Mexiko einst ein führender Produzent von Mais in Lateinamerika, muss jedoch heute fast die Hälfte seines Bedarfs aus den USA importieren.

In Trumpeltanien kauen 37 Millionen Cowboys auf den Nägeln

Apropos Amikanien: Selbst die große und stolze westliche Führungsmacht bekommt ihre Bürger nicht satt. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kauen 37 Millionen Cowboys an bzw. auf den Nägeln. Wahlweise auch auf dem Zahnfleisch. Mehr als jeder achte der nur auf den ersten Blick wohlgenährten Yankees läuft mit einem knurrenden Magen durch die Gegend. Die Regierung kennt aber keine Hungernden, sondern spricht stattdessen mit vornehmer Zurückhaltung von “Menschen mit sehr geringer Nahrungssicherheit”. Was aber aufs Gleiche hinausläuft. Dass 30 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung als fettleibig gelten, scheint da nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Aber mit der neuen blondierten Föhnlocke im “White House” wird in Trumpeltanien bestimmt alles besser.

 Im reichen Deutschland leben 2,5 Mio. Kinder in Armut

Wir Germanskis sollten, Angie hin, Schulz her, dahingehend aber auch kleine Brötchen backen und den Mund nicht zu voll nehmen. Warum wohl gibt es bei uns so viele Tafeln und Suppenküchen? In einem der reichsten Länder der Erde sind allein 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen, mehr als 500.000 würden sich über eine regelmäßige Mahlzeit sicher freuen – es muss ja nicht immer ein Big-Mac sein. Für sie kommt ein Besuch im unlängst erst mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Gourmet-Tempel “The Table” in Hamburgs Hafencity oder im Nobel-Restaurant des Vier-Jahreszeiten-Hotels auch nur gelegentlich in Frage.

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in der Tonne

Andererseits kloppt  jeder Bundesbürger pro Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel in die Tonne. Der überwiegende Teil davon ist noch genießbar. Das entspricht etwa zwei vollgepackten Einkaufswagen. Aufs ganze Land hochgerechnet ergibt das einen gewaltigen Berg von 6,7 Millionen Tonnen Essen, der auf dem Müll landet, aber eigentlich zu schade dafür ist. Andere Studien sprechen sogar von elf  bis 18 Millionen. Was in etwa einem Drittel des aktuellen deutschen Nahrungsmittelverbrauchs von 54,5 Millionen Tonnen entsprechen würde.

Armut-USA-Deutschland

Auch in den reichen Industrieländern gibt es viel Elend. In den USA haben 37 Millionen Cowboys nicht immer satt zu essen. Die Regierung spricht von „Menschen mit sehr geringer Nahrungssicherheit“. In Deutschland sind 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen, mehr als 500.000 würden sich über eine regelmäßige Mahlzeit freuen.

So kommt die von Nordrhein-Westfalen angestrengte Bundesrats-Initiative, gesetzliche Regelungen gegen den Wegwerfwahn zu schaffen, nicht von ungefähr. Darüber wird am 10. März zu beraten sein. Das laufe auf eine Kühlschrank- und Mülleimerpolizei hinaus, spottet die CDU. Was beweist, dass sie die Bedeutung des Problems voll erkannt hat. In Frankreich, Finnland und Italien gibt es solche Bestimmungen bereits. Bei den Franzmännern beispielsweise sind Supermärkte ab einer Größe von 400 Quadratmetern verpflichtet, unverkaufte Lebensmittel zu spenden. Was hierzulande ja bereits viele auf freiwilliger Basis tun. Bei Schwedens östlichen Nachbarn gelten diese Vorgaben auch für die Außer-Haus-Verpflegung, für Restaurants, Cafés und Krankenhäuser.

Weltweit, hat die Welternährungsorganisation FAO ermittelt, werden pro Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Nahrung weggeworfen und/oder vernichtet. Davon wiederum ernähren sich dann die Ratten, auf die wir, sollte es spachteltechnisch mal wieder eng werden, zurückgreifen können. Somit schließt sich der „Circle of Life“. Alles wird gut….

Fuchskeule, Bisam-Steak und Krähenbrust

Apropos Ratten. Die sollen angeblich gar nicht mal so schlecht schmecken. Behaupten zumindest die Gäste von Rob Hagenouw und Nicolle Schatborn aus der Dillenburger Partnerstadt Breda. Die beiden Experimental-Köche haben neben Krähenbrust, Taubenlende  und Fuchskeule auch diese pelzigen, als Schadnager diskriminierten Viecher im Angebot und zaubern daraus leckere Menüs. Selbige servieren sie nicht nur in ihrem eigenen Lokal, sondern ziehen mit dieser grenzwertigen, auf jeden Fall aber gewöhnungsbedürftigen kulinarischen Offerte auch über Land, um selbige bei größeren Veranstaltungen und Festivals  in der Fast-Food-Variante anzubieten. Allerdings: Bei dem Rohstoff handelt sich um Bisams, und die gehören ja aus zoologischer Sicht eigentlich zu den Wühlmäusen, nicht zu den Ratten. Der Begriff „Bisam-Ratte“ ist insofern irreführend. Trotzdem mögen die Goudas diese Tiere nicht besonders, weil sie die Dämme des von unzähligen Wasserstraßen und Kanälen durchzogenen Tulpen-Territoriums unterwandern. Sie werden deshalb zu Hunderttausenden gefangen bzw. geschossen. Die Kadaver landen dann im Müll. Hagenouw und Schatborn ersparen zumindest einigen der erlegten Opfern postmortal ein solch pietätloses Schicksal und hauen sie stattdessen in die Pfanne.

No Season

Kinder sind am stärksten von Hunger betroffen. Die Folge: 161 Millionen von ihnen unter fünf Jahren sind aufgrund von Mangelernährung unterentwickelt. 15 Prozent aller Neugeborenen kommen laut UNICEF bereits untergewichtig zur Welt. Foto: Pixabay/Welthungerhilfe/UNICEF

In der Sahel-Zone wäre dieses Geschäftsmodell allerdings zum Scheitern verurteilt. Bisam-„Ratten“ halten sich nämlich überwiegend im und am Wasser auf. Und entsprechende Feuchtgebiete sind zwischen Mali, Niger, dem Tschad und dem Sudan ja eher dünn gesät. Bezahlen könnten die Reduktions-Appetitler vor Ort den luxuriösen Schlemmer-Spaß sowieso nicht. Ein Kilo aus dieser dämmerungs- und nachtaktiven Spezies generiertes Filet-Fleisch kostet nämlich 25 Euro. Den Gegenwert in Reis investiert, und eine siebenköpfige Familie in Äthiopien könnte locker einen Monat über die Runden kommen. Mit dem Geld, das die Oktoberfest-Besucher der Zensi im Bräurosl-Zelt zuletzt für ein einziges Maß Bier in den Ausschnitt gestopft haben, nämlich pro Humpen 10.70 EUR, ließen sich die knurrenden Mägen immerhin für knapp 14 Tage zum Schweigen bringen. Zum Spendenkonto der Welthungerhilfe geht es hier.

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