Rotorman's Blog

Chicken-Run-Aus: Nach Hamster-Mumps und
Sittich-Tripper Vorbeugehaft für’s Federvieh

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Sperrbezirk

Die Open-Air-Saison für’s Geflügel ist bis auf weiteres vorbei. Seit November vergangenen Jahres besteht in weiten Teilen Deutschlands eine strikte Stallpflicht. Millionen Federviecher sind in Vorbeugehaft.

Von Jürgen Heimann

Nach Hamster-Mumps, Dackeldemenz, Wellensittich-Tripper, Rinder-Schizophrenie  und Schweine-Bronchitis war es mal wieder an der Zeit für eine weitere tierische Seuche: die Vogelgrippe. Die, auch als Hühnerpest bezeichnet, ist zwar jetzt so neu auch wieder nicht, aber ungemein kreativ und innovativ, wie ihre aktuelle, auf dem H5N8-Erreger basierende Update-Variante zeigt. Und die versetzt den ganzen Kontinent in helle Aufregung. Der tückische Virus hat sich schon in 26 europäischen Ländern breit gemacht. Wobei der Expansionsdrang dieser vom Robert-Koch-Institut als aggressiv eingestuften Spielart der “Aviäre-Influenza” ungebrochen scheint. Irgendwelche blöden Wildvögel auf der Durchreise, vermutlich wieder mal solche aus Zentralrussland, Sibirien und der Mongolei, haben sie eingeschleppt und ihre hiesigen Kollegen damit angesteckt. Die fallen nun schlapp und Schüttelfrost-gepeinigt wie die Fliegen vom Himmel. Meistens suchen sie sich als Landezone ein Hausgeflügelgehege aus – um die letzten Momente auf Erden im Kreise der Verwandtschaft zu verbringen. Weil sich das aber nicht geziemt und zudem gegen alle Regeln der Luftverkehrsordnung verstößt, wurden diese umzäunten Landebahnen inzwischen gesperrt und deren rechtmäßige Bewohner zu striktem Stubenarrest verdonnert…

Somit hat sich das mit dem “Chicken-Run” erst mal erledigt. Millionen Federviecher stehen sich seit November vergangenen Jahres in ihren teils doch sehr beengten Quartieren gegenseitig auf Krallen und Hühneraugen und scharren verzweifelt mit den Füßen. Sie lachen nicht mehr, wie es Hühner zu tun pflegen, haben den Lagerkoller und gehen im wahrsten Sinne des Wortes die Wände hoch. Oder picken halt aus Verzweiflung den Putz von selbigen. Alternativ darf es auch das Federkleid der Nachbarin sein. Ihr Leben ist wie die nach ihnen benannte Hühnerleiter: Kurz und beschissen.

Wildvögel und Luftsportler unter Generalverdacht

Die deutschen Behörden, gründlich und effizient, wie sie nun mal sind, ziehen alle Präventiv-Register, um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Das Krisenmanagement greift. Dazu gehört neben der bundesweiten und inzwischen allenfalls punktuell aufgeweichten “Aufstallpflicht” auch das prophylaktische Keulen hunderttausender von Hühnern, Enten und Puten, in deren Umfeld ein entsprechender Krankheitsverdachtsfall aufgetreten sein könnte. Für die eigene Volksgesundheit müssen schließlich Opfer gebracht werden. Das sehen die Betroffenen, also jene, die es unmittelbar und mit endgültiger Konsequenz ausbaden müssen, jedoch etwas anders. Darüber hinaus steht nach wie vor alles, was am Himmel kreucht und fleucht, per se unter Generalverdacht. Ausgenommen Segelflugzeuge, Ultraleichtflugzeuge und mit Einschränkung Fallschirmspringer. Unter Vorbehalt deshalb, weil letztere mitunter verhaltensauffällig sind und durch laute Schreie und scheinbar unkontrollierte Bewegungen die Blicke jener, die genau hinschauen können, auf sich ziehen.

In der Kerkerhaft keine Lust auf Sex

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Das war mal. Die Lust auf Sex ist den Gefiederten in der Kerkerhaft gehörig vergangen. Da läuft nur noch wenig. Bald geht es ihnen wie den Männergesangvereinen: Sie haben Nachwuchssorgen. Foto: Pixabay

Belastbare Zahlen, wie viele Schnatter- und Krähtiere genau in den vergangenen Monaten vorbeugend exekutiert worden sind, gibt es nicht. Die entsprechenden Verluste auszugleichen wird ihnen aber schwerlich aus eigener Kraft gelingen. Oder zumindest nur schleppend. Denn: Unsere kasernierten Eierproduzenten zeigen in Kerkerhaft wenig Neigung zum Sex. Ist bei Menschen ja mitunter auch so. Da nutzt auch gutes Zureden der Züchter nix, oder das Einspielen stimulierender Geflügel-Pornos. Die Fortpflanzungsrate fällt in den Keller. Und dann geht es den Hühnern wie den Männergesangvereinen: Sie bekommen extreme Nachwuchssorgen. Statt im Ensemble wird dann künftig nur noch als Solist gekräht. Angesichts der aktuellen Krise gilt bis zum Beweis des Gegenteils  außerdem: Der schönste Hahn ist immer noch der Zapfhahn. Und sollte dessen tierisches Pendant einmal indisponiert sein, was ja auch bei uns humanoiden Jungs durchaus mal vorkommen kann, haben er und sein Harem die A-Karte gezogen. Dann wetzt der Scharfrichter die Messer.“ Ist der Hahn erkältet heiser, kräht er morgens etwas leiser“. Diese Verhaltenheit in der vokalen Artikulation bliebe in normalen Zeiten folgenlos. Aktuell kann sie aber das Todesurteil bedeuten. Ein beängstigendes  Szenario. Auf die menschliche Spezies übertragen: Gehe ich mit einem von gelbem oder grünem Auswurf begleiteten Husten zum Doc, überweist der mich sofort ins Krematorium.

Demnächst steigt Udo Lindenberg auf Ouzo um

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Der Hühnerstall als Hochsicherheitstrakt. Für Unbefugte Betreten verboten. So soll verhindert werden, dass der H5N8-Erreger rein- bzw. herauskommt. Grafik: Pixabay/Artemtation

Die Züchter sind, wie ihre gackernden und schnatternden Lieben, über die derzeitige Situation “not amused”. Und sie sehen ihre Federn davon fliegen. Die Schau- und Ausstellungssaison 2017 dürfte mangels Masse schon jetzt gehalten sein. Und in den Geschäften gibt es auch so gute wie keine Gagas aus Freilandhaltung mehr zu kaufen. Zumindest aus europäischer nicht. Eben weil sich die Viecher im christlichen Abendland draußen im Freien nicht mehr bewegen bzw. aufhalten dürfen. Deswegen können sie daselbst openair auch nicht auswerfen. Das spart andererseits Stempelkissentinte für die Nummern 0 und 1 auf den Schalen. Wäre aber auch für Eierleger aus Papua-Neuguinea oder von den Galapagos-Inseln die Chance, das hierzulande vorherrschende herumeiernde Marktkartell aufzubrechen. Irgendwann wird dann aber auch Eierlikör so unerschwinglich teuer, dass selbst ein Udo Lindenberg zum Ouzo greift.

klein-Vogelgrippe

Scheiß-Grippe! Die Symptome ähneln sich. Wie Menschen klagen auch Hühner über Heiserkeit, Unwohlsein, Schüttelfrost und Gliederschmerzen.

Nun sind bislang keine Fälle bekannt, in denen eine Infektion durch rohe Eier oder Rohwursterzeugnisse aus Geflügelfleisch nachgewiesen werden konnte. Dennoch gelten für die Produktion verschärfte Bedingungen. Durfte früher jeder legasthenische Vollpfosten so viele Krüper, Lakenfelder, Niederrheiner, Vogtländer und Bielefelder um sich versammeln wie er wollte, muss er heuer zumindest rudimentäre Kenntnisse der simplen Grundrechenarten vorweisen. Das fängt schon bei der Bestandserhebung an. Geflügelhalter, die über zehn oder mehr Tiere verfügen, sind verpflichtet, werktäglich die Zahl der gelegten Eier penibel zu notieren. Samstags und sonntags hingegen können die Legemaschinen so viel raushauen wie sie wollen. Das interessiert keine Sau. Gilt auch für die Zahl der verendeten Federpicker. Auch hier greift die Wochenend-Ausnahmeregel.

 Seit Januar haben auch die Hühner eine Fünf-Tage-Woche

Betriebsgelände

Rette sich wer kann! Die Hühnerpest hat Europa fest im Griff.

Hintergrund: Inzwischen gilt auch für Geflügel des produzierenden Gewerbes offiziell die Fünf-Tage-Woche. Dieses Zugeständnis hatte deren Gewerkschaft, die „IG Dotter und Eiweiß“, dem Arbeitgeberverband, der Bundesvereinigung “Kikeriki”, in langen und zähen Verhandlungsrunden abgerungen. Das manteltarifvertragliche Regelwerk ist seit 1. Januar 2017 in Kraft. Es besagt unter anderem, dass außerhalb der Regelwochenarbeitszeit generierte Eier als freiwillige Leistungen anzusehen sind und dem Stundenkonto des Huhns  gut geschrieben werden. Sie tauchen nicht in der offiziellen Wertschöpfungsstatistik auf.

 Führungszeugnis, Herkunftsnachweis und Mutterpass

Natürlich besteht eine generelle Meldepflicht für Geflügel jedweder Art. Egal, ob es sich um profane Trut-, Suppen- und Sumpfhühner, Enten, Gänse, Fasane, Wachteln, Tauben, Hühneraugen, Perl- oder Rebhühner handelt, das Veterinäramt will lückenlos auf dem Laufenden gehalten werden und wissen, wo der Hahn die Eier kocht. Gilt auch für alle Zu- und Abgänge, ob die nun natürliche Ursachen hatten oder der Eigner etwas nachgeholfen hat. Einige besonders penible Sachbearbeiter bestehen sogar auf tagesaktueller elektronischer Übermittlung der biometrischen Daten. Handelt es sich um Exoten, Zugereiste oder Leiharbeiter aus Nicht-EU-Staaten, muss eine Duldungsbescheinigung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beigefügt werden. Polizeiliches Führungszeugnis, Stammbaum, Herkunftsnachweis, Mutterpass, eidesstattliche Tierarztversicherung über Vorerkrankungen und Auszug aus dem Verkehrszentralregister in Flensburg sind obligatorisch.

 Nur der Chef darf noch mit dem SUV durchs Gehege pesen

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Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Geflügelhalter sind gehalten, ihre kasernierten gackernden und schnatternden Lieblinge nur Schutzkleidung zu besuchen.

Aber das ist noch längst nicht das Ende der Hühnerstange. Die Pferche und Gehege werden auch zu verkehrsberuhigten Zonen. Herrschte hier früher Betrieb wie zur Rushhour am Frankfurter Kreuz, darf heuer nur noch der Chef und Eigentümer mit seinem SUV über das Betriebsgelände pesen.  Auf dessen sieben Quadratmeter großen Außenfläche hatte die Ehefrau vor der Fahrprüfung noch das Rückwärts-Einparken geübt. Betriebsfremde Automobilisten sind selbst in noch kleineren Gehegen off limits. Gilt aber auch für Fußgänger, die nicht zum Stall gehören. Letzterer muss natürlich abgeschlossen und verriegelt sein. Damit sich Unbefugte nicht aus Versehen hinein verirren. Speziell ausgebildete Security-Mitarbeiter externer und neutraler Wach und- Schließgesellschaften wachen im Rund-um-die-Uhr-Einsatz über die Einhaltung dieser Vorschrift.

Will der Zuhälter bei seinen gackernden Mädels nach dem Rechten sehen, gelten strengste Sicherheits- und Hygienevorschriften. Die stellen sogar die peniblen Verhaltensmaßregeln der Unikliniken locker in den Schatten. Obwohl in Deutschland jährlich 15.000 Menschen an den Folgen einer MRSA-Infektion krepieren, die sie sich in den Krankenhäusern eingefangen haben, und sich 800.000 weitere damit anstecken, sind die Vorgaben in den großen Heiltempeln deutlich moderater als jene, denen die Hühnerfreunde Folge leisten müssen.

 Nur mit desinfizierter Schutzkleidung in den Stall

Stop

Bis hier und nicht weiter. Wann die Besuchersperre aufgehoben wird, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Betriebseigene, desinfizierte Schutzkleidung, Spezialschuhwerk inklusive, Einweg-Overalls und Überziehstiefel gehören für die Freunde des gepflegten Federviehs inzwischen zur Standardgarderobe. Die Snobs unter ihnen halten zwei Komplettmonturen vor. Eine für Werktage, die andere als Sonntagsstaat. Vollständig bekleidet sehen die Dotter-Freaks dann aus wie ein Marsianer bei der Besteigung des Mount Everest. Natürlich müssen die Klamotten regelmäßig in die Reinigung, während die Einweg-Komponenten nach Gebrauch “unschädlich” in der vor fremdem Zugriff geschützten Restmülltonne zu entsorgen sind. Sanitäreinrichtungen mit Seife und Einmalhandtüchern zur intensiven Handwäsche vor, während und nach Betreten der Stallung sind zwingend vorzuhalten. Daneben sollen mit Rhodasept oder Chinoseptan getränkte Desinfektionsmatten bzw. -wannen an den Eingangsbereichen gewährleisten, dass keine Keime von draußen nach drinnen getragen werden, oder halt umgekehrt. Das Zeug ist unter H5N-Bakterien ziemlich gefürchtet, wird aber aufgrund seines leicht nussigen Buketts auch von Zweibeinern nicht verschmäht.

Chicken-Security

Es muss gewährleistet sein, dass sich kein Unbefugter aus Versehen in eine Geflügelfarm verirrt. Das hat in der Security-Branche ein Jobwunder ausgelöst.

Aber das ganze Prozedere schafft auch neue Arbeitsplätze. Weil das ein kleiner Hobby-Küken-Rancher allein nicht stemmen kann, braucht er neben mindestens zwei Werksschützern auch noch eine Sekretärin und einen zusätzlichen Außendienstmitarbeiter  – in Vollzeit.

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