Rotorman's Blog

Linguales Sterben: Die Muttersprache heißt
deshalb so, weil der Vater nix zu melden hat

Titel

Der 21. Februar gilt seit dem Jahr 2000 weltweit als „Internationaler Tag der Muttersprache“. Hat sich die UNESCO ausgedacht, um damit auf das globale Sprachsterben aufmerksam zu machen.

Von Jürgen Heimann

Am Dienstag dieser Woche  hatte Mutti das erste und letzte Wort. Aber nicht nur Angela, die ja den ganzen Tag redet, ohne dabei etwas Substantielles zu sagen. Der 21. Februar gilt als hoher Feiertag all jener, die nicht zwingend auf ein gepflegtes Hochdeutsch abonniert sind. Wie beispielsweise die Württemberger, die ihre artikulativen Defizite sogar zum Slogan einer Sympathiekampagne für ihr Spätzle-Ländle gemacht hatten  – um den dialektal stärker geprägten Süden gegen den Norden abzugrenzen: “Wir können alles außer Hochdeutsch”, verkündeten sie stolz. Ex-Ministerpräsident Günter Oettinger, der sich heute als für Haushalt und Personal zuständiger EU-Kommissar durch Brüssel stottert, kann darüber hinaus auch kein Englisch. Außer selbigem gibt es weltweit noch rund 6.000 weitere Sprachen und Dialekte. Knapp die Hälfte davon sind vom Aussterben bedroht. Deshalb hat die UNESCO diesen 21.2. bereits anno 2000 zum “Internationalen Tag der Muttersprache” deklariert – weil Sprache halt auch von Identität stiftender Relevanz und Ausdruck kultureller Vielfalt ist.  

Die sprachliche Vielfalt auf unserem Planeten verdanken wir ja nicht zuletzt den Turmbauern von Babel. Weil die zu hoch hinaus wollten, hatte der liebe Gott eigens für sie die Multilingualität erfunden. Steht zumindest so im Alten Testament. Plötzlich laberten alle in verschiedenen Sprachen und Dialekten durcheinander. Keiner verstand den anderen mehr, weshalb ein zielorientierter Weiterbau des frühzeitlichen Wolkenkratzers auch nicht möglich war. In unserer Firma sprechen die meisten zwar Deutsch, aber uns geht es ähnlich. Wir kommen auch nicht voran.

Sächsische Jungfrauen und andere Katastrophen

Die Sprachen der Welt

Weltweit gibt es derzeit noch 6.000 Sprachen und Dialekte. Aber es werden immer weniger. Lingustische Zukunftsforscher befürchten, dass irgendwann nur noch Sächsisch gesprochen wird. Für das Wort “Jungfrau” gibt es dann zwischen Sidney, Peking, Moskau und den Osterinseln nur noch einen gebräuchlichen Ausdruck: “Ä wäng äng”.

Während die Welt zusammenwächst, nimmt die Sprachenvielfalt stetig ab. 10.000 vor Christi Geburt war das babylonische Stimmengewirr wohl am größten. Es gab 20.000 verschiedene Sprachen. Im Jahr 2100 werden es Prognosen zufolge nur noch 3.000 sein. Damit kommt der verbale Tod auf Raten aber nicht zum Stillstand. Am Ende dieser Entwicklung sprechen alle mit einer Zunge. Wenn es ganz schlecht läuft, überlebt nur das Sächsische. Und das ist ein echtes Katastrophenszenario. Dann gebe es, “ätänschen please”, beispielsweise für das Wort “Jungfrau” zwischen Sidney, Peking, Moskau und den Osterinseln nur noch einen gebräuchlichen Ausdruck: “Ä wäng äng”.Und die Besatzung des bei Crimmitschau gelandeten Ufos verkündet: „Mir komm ni von driem, mir sin von obm hergeguddscht”.

Weltsprachen-Charts: Deutsch nur auf Platz 10

Heute schwätzen die meisten sowieso Englisch. 1,5 Milliarden sind es weltweit. 375 Millionen davon gelten als  Muttersprachler. Chinesisch (1,1 Milliarden) und Hindi (650 Milllionen) folgen auf den Plätzen.  Deutsch können 185 Millionen Menschen weltweit. Das reicht gerade mal für Platz 10 auf der Hit-Liste der Globalsprachen. Womit wir immerhin die Japaner und die Koreaner abgehängt haben. Ganz früher, long, long time ago, waren Aramäisch, Griechisch, Latein, Sanskrit und Pali am weitesten verbreitet.

Zu klären wäre zunächst einmal, warum es überhaupt Muttersprache heißt. Und nicht Vater-Sprache. Das liegt vermutlich daran, dass der Hausherr, der ja nur so heißt, daheim nix zu melden hat und kaum zu Wort kommt. Er redet dann höchstens im Schlaf. Unter Ethnolinguisten ist folgende Definition beliebt: Muttersprache sei die Sprache, die wir von frühester Kindheit an ohne Unterricht lernen. Bei den einen funktioniert das mehr, bei anderen weniger gut.

Deutsche Spesen in Papua-Neuguinea

In Papua-Neuguinea herrscht dahingehend übrigens die größte Vielfalt. Dort gibt es 800 (!!) verschiedene Idiome. Unter anderem auch das “Unserdeutsch”. Aber das beherrschen auf der nach Grönland zweitgrößten Insel der Erde nur noch knapp hundert Exoten. Wenn sie nicht von Kannibalen verspeist werden, erledigt sich dieser Slang früher oder später auf natürliche biologische Weise. Das “Unserdeutsch” rührt noch aus jenen Zeiten während des 1. Weltkriegs her, als Neuguinea eine deutsche Kolonie war. Das war die Zeit, als Willi, unser Kaiser, das von Geibels Emanuel geprägte Schlagwort von den deutschen Spesen, an denen die Welt genesen sollte, aufgriff.

Mau-Mau mit Odin und Wotan in Walhall

Die Sprachen der Welt-2

Die Sprachen der Welt:
Weder an den deutschen Spesen, noch an der deutschen Sprache wird die Welt genesen. Die Germanski-Language steht auf der globalen Hitliste nur an 10. Stelle. 185 Millionen Menschen beherrschen sie mehr oder weniger sicher. Quelle: www.weltsprachen.net

Seit der rechtsgescheitelte Braunauer mit dem Chaplin-Bärtchen in Walhall mit Odin und Wotan Mau-Mau  spielt, ist auch die erste Strophe des Deutschlandliedes obsolet. Lassen wir also das Singen, reden wir lieber. So gibt es deutsche Worte und Redewendungen, um die uns (angeblich) die ganze Welt beneidet. Wenn sie das schon nicht tut, dann fehlt in den Wortschätzen der anderen aber zumindest eine unmittelbare Entsprechung. Schadenfreude, Zechpreller, Ohrwurm, Weltschmerz, Torschlusspanik, Zugzwang und Fremdschämen gehören dazu. Der gebildete Ami würde, um letzteres zu umschreiben, folgendermaßen formulieren: “The feeling you get when someone doesn’t realize how embarrassing he is“. Also, das Gefühl, wenn jemand  (wie mein Arbeitskollege) nicht merkt, wie peinlich er ist. Kurz, knackig und bündig geht aber anders.

Das -Märchen von Schneeflittchen auf Döner-Germanisch

TafelIn Germanien sind sieben Sprachen als Minderheitensprachen anerkannt: Dänisch (Jütländisch), Nordfriesisch, Plattdeutsch (Niederdeutsch), Romanes, Saterfriesisch, Sorbisch und Wendisch. Alle sind im UNESCO-Weltatlas der bedrohten Sprachen rot markiert und gelten als gefährdet. “Ernst bedroht” sind Nordfriesisch und Saterfriesisch. Das versteht in Oberbayern keine Sau. Andernorts auch nicht. Dafür sind Kanak, Döner-Germanisch und “Früstückstürkisch für Anfünger” auf der verbalen Überholspur: “Habe voll krass Deutschkurs gemacht für nur 5 Geld, und hat sich voll gebracht”. Doch bitte keine voreiligen Schlussfolgerungen. Dieses auch als Ethnolekt bezeichnete Kauderwelsch bedroht unsere Sprache keineswegs, es bereichert sie. Man erkennt das sehr schön an dem berühmten Märchen der Grimm-Brothers vom Schneeflittchen auf den sieben Hügeln. Das klingt dann in der zeitgemäßeren Variante so: “Es war ma krasse, geile Tuss, dem hatte Stiefkind. Das hat immer in sein Spiegel geguckt un den angelabert: Spiegel, Spiegel an Wand, wer, sag an, is dem geilste Tuss in Land”? Welche Poesie, welche atmosphärische Dichte, was für ein Spannungsbogen! Da kommt das biedere Original von Jacob und Wilhelm nicht mit.

Aber man tut den richtigen Kanaken, von denen sich bei uns aber nur ganz wenige aufhalten, Unrecht, wenn man sie dafür in die Geiselhaft des Wortes “Kanak-Sprak” nimmt. Kanaken nennen sich die polynesisch-melanesischen Ureinwohner von Französisch-Kaledonien voller Stolz selbst. Und sie haben durchaus eine differenzierte Kultur entwickelt. Ins Deutsche übersetzt heißt “kanak” nichts  anderes als “Mensch”.

Online-Übersetzer und eine „ehrlich-entbehrliche“ FDP

Das längste deutsche Wort hat übrigens 67 Buchstaben: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung. Wer versucht, sich das vom Online-Übersetzer ins Englische transferieren zu lassen, riskiert einen PC-Crash. Nach mehrmaligen, jeweils von einem Bluescreen unterbrochenen Versuchen kommt dann ” Authorization for the transfer of land transport authority” dabei heraus. Das sind acht Wörter. Uns reicht eins. Mit den Übersetzungstools im Internet ist das sowieso so eine Sache. Die schwächeln mitunter erheblich. Das Motto der aktuellen UNESCO-Motherspeech-Campaign lautet: “Towards Sustainable Futures through Multilingual Education”. Da hat mir der frühere Slogan der FDP deutlich besser gefallen: “Unentbehrlich ehrlich”. Das hat so eine leicht kabarettistische Note. Die Blau-Gelben verstehen zumindest etwas von Satire und können sich auch mal selbst auf die Schippe nehmen. Trotzdem: “ehrlich entbehrlich” hätte es besser umschrieben.

Wir lernen Karbadinisch, Dari und Bambara

Um dieses “Sustainable-Futures”-Gefasel zu begreifen, muss man schon mal ganz emsig im Vokabelheft blättern. Oder halt, wie gesagt, etwas herumsurfen. Der Promt-Translator bot folgende Lösung an: “Zu nachhaltigen Terminwaren durch die mehrsprachige Ausbildung”. Für den Anfang nicht schlecht. Aber knapp vorbei. Hier zählt der gute Wille. “Revers” spuckte eine “Aufrechtzuerhaltende Zunft” aus, für “World-Lingo” führt der Weg “in Richtung zur stützbaren Zukunft”. Wenigstens war hier nicht von Stützstrümpfen die Rede. Korrekt übersetzt muss es heißen: “In (oder für) eine nachhaltige Zukunft durch mehrsprachige Bildung”. Behauptet zumindest die Fleischereifachverkäuferin in der Wurstwerkstatt unseres Vertrauens. Die muss es wissen. Sie hat früher in der multilingualen Krabbelgruppe der Waldorfschule halbtags als Aushilfsputze im Heizungskeller gejobbt. Ändert aber nix daran, dass das Motto in unseren Ohren etwas sperrig klingt. Die Weltkulturerbe-Bewahrer wollen uns damit auch nur zu verstehen geben, dass Mehrsprachigkeit automatisch auch ein Beitrag zu Toleranz und interkultureller Verständigung ist bzw. sein kann. Also Leute, lernt Karbadinisch, Dari, Bambara, Yukatekisch und Azeri, so lange es das noch gibt.

„Besser, als wie man denkt“: Aphasiker-Talk bei RTL

Kommunikation

Die Welt rückt zusammen, aber die Sprachvielfalt, die während des Turmbaues zu Babel ihren Höhepunkt erreichte, nimmt ab. Damals hatte der liebe Gott die Multilingualität erfunden. Es gab einmal 20.000 verschiedene Dialekte und Sprachen. Im Jahre 2100 werden es nur noch 3.000 sein

Um noch mal auf die eigene Muttersprache zurück zu kommen. Manche Kirmesbesucher saufen ja bis zum Verlust der selbigen. Aber sie, die Sprache,  ist dann am nächsten Morgen meist wieder da. Anfänglich vielleicht noch etwas rudimentär, aber das gibt sich mit fortschreitender Rekonvaleszenz. Andere brauchen gar kein Bier, um sich in den grammatikalischen und stilistischen Fallstricken zu verzetteln. Was sehr gut frühnachmittags bei den Aphasiker-Treffen im privaten Bildungsfernsehen von RTL und Co. zu beobachten ist. Aber auch bei einem großen Textil-Discounter aus Bönen ist man da auf der Höhe der sprachlichen Zeit: “KiK ist besser, als wie man denkt”. Besser “als so wie die” sind wir aber auch nicht, wenn wir im Hallenbad schwimmen tun, eben mal nach Aldi fahren und uns an der Pommesbude “Einmal mit ohne Mayonnaise ” bestellen. Was nicht gut für ihr ist, aber schlecht für ihm.

Gewisse Zweifel an der Einschätzung des Schriftstellers Ernst Moritz (1769 – 1860)  sind deshalb angebracht. Der hatte in einer schwachen Stunde folgendes notiert: „Die deutsche Sprache ist nach allgemeinem Einverständnis eine der wichtigsten der Welt, tief und schwer an Sinn und Geist, in ihren Gestalten und Bildungen unendlich frei und beweglich, in ihren Färbungen und Beleuchtungen der inneren und äußeren Welt vielseitig und mannigfaltig. Sie hat Ton, Akzent, Musik. Sie hat einen Reichtum, den man wirklich unerschöpflich nennen kann (…)”.

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