Rotorman's Blog

„Babsi“ und die Agrar-Lobby: Ministerin eckt
mit Bauernregeln an und zieht den Schwanz ein

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Da soll noch einmal einer sagen, unsere Beamten wären nicht kreativ. Im Bundesumweltministerium haben die Jungs gereimt auf Glyphosat komm‘ raus. Und neue Bauernregeln kreiert. Worüber die Agrarier aber nicht sonderlich amüsiert sind.

Von Jürgen Heimann

Da hat sich die Babsi wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Zumindest sieht das ihr agrar-lobbyistischer Kabinettskollege Christian Schmidt so. Aber nicht nur der. Der CSU-Mann war früher mal Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Heute verteidigt er als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft die Interessen und den mehr oder weniger guten Ruf der Bauern. Und die sieht der 60-Jährige jetzt auf übelste Weise verunglimpft. Und zwar durch seine Kollegin Barbara Hendricks. Die SPD-Frau residiert mal in Bonn, mal in Berlin und hat 1200 Bedienstete unter Waffen. Sie zeichnet seit 2013 in Merkels Regierungskoalition als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit verantwortlich. Als solche hat die gebürtige Klevenerin schon manchen Sturm überstanden. Dass sie sich jetzt von einem vergleichsweise lauen Lüftchen aus dem Trott pusten lässt und einknickt, erstaunt….

Gut, Reimen ist nicht jedermanns Sache. Die ihre auch nicht. Aber einen gewissen originellen Charme kann man dem lyrischen Output aus der Berliner Stresemannstraße nicht absprechen. An Versmaß, Syntax , Assonanz und Rhythmik müssen wir zwar noch etwas feilen, aber für den Anfang nicht schlecht. Goethe und die Schillerlocke konnten das zwar besser, aber sie mussten sich ja auch nicht mit den Auswüchsen und weitreichenden Folgen einer industriell geprägten Landwirtschaft herumschlagen. Der geht es erst einmal um Ertrag. Umwelt-, Naturschutz und Tierwohl folgen auf den hinteren Plätzen. Was schwerwiegende Konsequenzen für unser Öko-System hat. Selbiges wird auf Dauer, falls kein Umdenken einsetzt, zu Tode ge(land)wirtschaftet.

Der Bauer, Herr Lauer und dessen Frau

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Auf den deutschen Äckern, Feldern und Wiesen werden jährlich 40.000 Tonnen an Giften versprüht. Zur Ertragssteigerung und zur Bekämpfung von Schädlingen. Des Bauern hochtoxische Helferlein gelangen ins Grundwasser und landen über die Nahrung auf unseren Tellern. Foto: Dieter Schütz/Pixelio

Diese unbestreitbare Tatsache hatte die Ministerin unter dem Motto „Gut zur Umwelt. Gesund für alle“ poetisch thematisiert bzw. thematisieren lassen, um für einen Erhalt der Artenvielfalt und eine umweltfreundliche Agrarwirtschaft zu werben. Dabei heraus kamen ein paar flotte und eingängige, an die Schollenbesteller, Rübenheger und Mäster adressierte Verhaltens-Tipps. Entsprechende Bauernregeln, die Erkenntnisse, Erfahrungen, Wetterprognosen und Zustandsbeschreibungen beinhalten, gibt es ja seit Jahrhunderten. Jene aus der Hendrick’schen Versschmiede folgten zwar dem gängigen Schema, waren inhaltlich aber etwas anders gestrickt und an eine Botschaft geknüpft. Nicht wie beispielsweise “Liegt der Bauer auf der Lauer, ist Herr Lauer ziemlich sauer” oder “Hat die Magd ‘nen wunden Po, lag die Egge unterm Stroh”. Zwischen den ministeriellen Strophen schimmerte schon ein ernsthaftes Ansinnen durch. Aber wenn man/frau dann reimt “Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein”, geht das entschieden zu weit. Gilt auch für „Gibt`s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur”! Auch bei dem etwas holprigeren Bleibt das Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern“, hört der Spaß auf. Da verstehen Schmidt und seine humor-resistente Klientel nämlich keinen mehr. Vielleicht, weil da ein Finger in eine offene Wunde gedrückt wurde?

Online-Petion gegen das „Bauer-Bashing“

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Traumpaare sehen anders aus. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks liegt mit dem Deutschen Bauernverband über Kreuz. Der bajuwarische Agrar-Häuptling Walter Heidl fordert ihren Rücktritt.

Und so schrieb der empörte Kartoffel-Minister einen geharnischten Brief an seine “Liebe Frau Kollegin”. Die Depeschen diverser Landesbauernverbände und ihrer hochtourig schimpfenden und mit virtuellen Mistgabeln drohenden Funktionäre waren weniger eloquent im Ton und von noch größerer aufgebrachter Bestimmtheit. Da war von einer “Schmutzkampagne” die Rede und von “Bauern-Bashing”. Der bajuwarische Ober-Landmann Walter Heidl forderte gar den Rücktritt der Ministerin. Und prompt wurde auch eine Online-Petition gestartet: “Gegen das staatliche Mobbing des landwirtschaftlichen Berufsstands”. Hat inzwischen schon 11.508 Unterzeichner gefunden. Tenor der Kritik: Hier würde der respektable Berufszweig der Agrarökonomen verunglimpft, beleidigt und diffamiert. Was getan oder beabsichtigt zu haben die Umweltministerin nach wie vor vehement bestreitet.

Der bundesweite Poetry-Slam wurde abgeblasen

Dennoch zog Hendricks den (nicht vorhandenen) Schwanz ein, trat den Rückzug an  und blies den bundesweiten Poetry-Slam ab. Die mit viel Tam-Tam gestartete Aktion, die u.a. Plakatierungen in über 70 Städten vorsah, wurde gestoppt, Poster und Ansichtskarten eingestampft. Still und leise. Die Motive stehen allerdings nach wie vor zum Download auf der Kampagnen-Webseite des Ministeriums bereit. Aus Gründen der Transparenz, wie es heißt. Und zwar hier:

Dichterkrieg im Internet: Mägde mit Hummeln im Hintern

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Noch’n Gedicht. Gereimte Appelle für einen schonenderen Umgang mit Natur und Tier. Aber die Verse kommen nicht bei allen gut an.

Unterdessen ist ein richtiger Dichter-Krieg im Internet entbrannt. Die Gegenseite hat verbal aufgerüstet, das Imperium schlägt zurück. Motto: Reim‘ dich, oder ich fress‘ dich! Nicht immer ist das Ergebnis bestechend. Aber das war es bei den inkriminierten Versen aus dem Hause Hendricks ja auch nicht durchgehend: Unser Bauer, der ist sauer, erfüllt mit Wut und tiefer Trauer, rennt den Kopf sich an der Mauer! Tataaa! Narhallamarsch…..  Aber der ist auch nicht besser: „Ärgern uns Minister sehr, wählt zuletzt kein Schwein sie mehr“. Klare Ansage. Das lassen wir noch mal gerade so durchgehen, ebenso: „Reimt die Frau Ministerin, schimpft der Bauer vor sich hin“. Ich kann mir nicht helfen, der hier gefällt mir deutlich besser: „Hat die Magd im Hintern Hummeln, darf der Bauer vorne fummeln”! Wenn er sich da aber mal nicht täuscht…. Das wäre ja sexuelle Nötigung von abhängig Beschäftigten.

Toxisches Russisch-Roulette: Wenn Farmer die Umwelt vergiften

Der Grundkonflikt ist aber mit der Kampagnen-Einstellung  nicht aus der Welt. Die Kernproblematik bleibt unberührt und bestehen. Die durch die Landwirtschaft verursachten Umweltbelastungen sind unbestreitbar, und sie sind enorm. Beim Schutz biologischer Vielfalt und dem der Tiere gibt es immense Defizite. Während der Strukturwandel ungebremst weiter geht. Heute sind deutschlandweit noch knapp 670.000 Menschen in 288.000 landwirtschaftlichen Betrieben am melken, pflügen, sähen und ausmisten. Das sind 1,6 Prozent aller Erwerbstätigen. Aber es werden weniger. Auch in dieser Branche beflügelt der harte Wettbewerb den Konzentrationsprozess.

Verunglückte Agrarpolitik und verlöschende Stall-Lampen

In immer mehr kleineren Höfen gehen die Stalllichter aus, wodurch weite Teile des ländlichen Raumes an Bedeutung verlieren. Das ist auch die Folge einer verunglückten Agrarpolitik. Die dafür Verantwortlichen sitzen nicht nur in Berlin und Bonn, sondern auch in Brüssel. Trotz milliardenschwerer Subventionen gelingt es nicht, den Menschen auf dem (Acker-)Land unternehmerische Perspektiven zu geben, daselbst Arbeitsplätze zu sichern oder neue zu generieren. Und zwar solche, von denen die Leute im Einklang mit einer gesunden Umwelt auch existieren können. Doch die Kohle versickert und der schleichende Exitus eines Jahrtausende alten Erwerbzweiges geht weiter: Liegt der Bauer tot im Zimmer, lebt er nimmer!

Aber auch die unter erheblichem Preisdruck stehenden Akteure am Anfang der Produktionskette müssen sich nachsagen lassen, nicht immer zu aller Wohl, dem eigenen wie dem der Mitmenschen und Mitgeschöpfe, zu agieren. Was sie an toxischen Massenvernichtungspulvern raushauen, um ihre  Erträge zu sichern und zu steigern sowie um Schädlinge, die diese (vermeintlich) schmälern, zu bekämpfen, geht auf keine Kuhhaut. Und diese Leute sind meist die ersten, die applaudieren, wenn Jäger wieder mal zur Fuchshatz blasen und Dutzende dieser Tiere umbringen. Stattdessen sollten sie lieber die grünberockten Zweibeiner des Feldes verweisen und vom Acker jagen.

Ein Fuchs spart dem Landwirt pro Jahr über 4.000 Euro

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Die Idylle trügt. Unsere Getreidefelder sind Gifthalden. Mäusen, die sich hier bedienen, geht es mit chemischen Keulen an den pelzigen Kragen. Daran verrecken auch Füchse, Katzen Greifvögel, Feldhamster, Hund und Igel. Aber schon ein einziger Reineke kann den Nagerbestand jährlich um 7.500 Stück dezimieren. Trotzdem wird er verfolgt. Und die Landleute decken sich lieber beim Raiffeisen-Dealer mit toxischen Gegenmitteln ein. Foto: Andreas Hermsdorf/Pixelio.de

Ein ausgewachsener Reinecke vertilgt zwischen 20 und 30 Nager am Tag. Niedrig angesetzt im Jahr etwa 7.500 Stück. Unterstellt, eine Maus würde nur 10 Gramm Getreide pro Tag fressen, würden 7.500 Mäuse pro Jahr mehr als 27 Tonnen verputzen. Vermutlich ist der Schaden jedoch um ein Vielfaches größer, weil niemand weiß,  wie viele Getreideähren die Viehcher sonst noch anknabbern und dann fallen lassen. Deshalb sollte jeder Farmer dankbar sein, wenn ein Fuchs auf seinem Land lebt oder dort vielleicht sogar seine Jungen aufzieht. Bei einem aktuellen Weizenpreis von 156,21 Euro pro Tonne spart ein einziger Foxi ihm 4217,67 EUR im Jahr. Aber was macht der wackere Landmann? Besorgt sich, nachdem Chlorphacinon ja auf dem Index steht, im Raiffeisenshop jede Menge Brumolin ultra, Ratron, Segetan oder andere Rotentizide. Die bewirken, dass der gefräßige flinke Feind, nachdem er gespeist hat, innerlich verblutet. Dummerweise kommen hier und da aber auch schon mal Hunde, Katzen, Füchse, Feldhamster, Igel und Greifvögel damit in Berührung  – und somit zu Tode. Womit sich die Zahl der tierischen Mäusevernichter weiter reduziert. Was aber nicht weiter tragisch ist, da es beim genossenschaftlich organisierten Bauerndealer oder im gut sortierten Versandhandel genügend Nachschub gibt.  Bei Abnahme von drei 1-kg-Eimern gibt eine mechanische Mausefalle gratis dazu.

Baden in einem Meer von Gülle und Pestiziden

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Arme Sau: Millionen Rüsseltiere vegetieren unter beengten Verhältnissen dahin. Auch darauf wollte das Umweltministerium aufmerksam machen: Steht die Wutz auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.Foto Markus Walti/Pixelio.de

Die Schollen ertrinken in Pestiziden. Jahr für Jahr werden in Deutschland mehr als 40.000 Tonnen Gifte auf den Feldern versprüht. Weltweit sind es 2,5 Millionen Tonnen: Insektizide, Fungizide, Herbizide. Von dem Güllemeer und den “normalen” Düngemitteln ganz zu schweigen. Die Chemieindustrie kann gut davon leben und entwickelt immer neuere und noch wirksamere Keulen. Gift für mehr Wachstum. Mischt der Bauer Gift zur Butter, ist sie (nicht nur) für die Schwiegermutter. Die Stoffe versickern im Boden, gelangen ins Grundwasser und die Nahrungsmittel und landen dann früher oder später auf unserem Teller. Ein Teufelskreislauf.

Glyphosat sorgt für Idioten auf dem Acker und in der Politik

Allein 6.000 Tonnen des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat regnen jährlich auf deutsche Äcker, Felder und Wiesen. Der Einsatz dieses Giftes hat sich seit 1999 verdoppelt. Untersuchungen der Universitäten Gießen und Göttingen zufolge werden etwa 39 Prozent der deutschen Landwirtschaftsflächen damit beglückt. Allein in Deutschland sind 95 glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel im Handel: Die Forderung nach einem EU-weiten Verbot bleibt bis heute ein frommer Wunsch. Dafür sind zu viele wirtschaftliche Interessen damit ver- und daran geknüpft. Weltweit verdienen sich 91 Chemieunternehmen mit der Herstellung eine goldene Nase. Glyphosat hilft Obst- und Weinbauern gegen den Unkrautwuchs, hält Raps- und Winterweizenfelder wildwuchsfrei, wird aber beispielsweise auch von der Berliner Stadtreinigung verteilt. Ebenso von unserer Bahn (“Senk ju vor träwelling”) zur Säuberung der Gleisanlagen.

Gegenreim-Kombi

Das Imperium schlägt zurück. Reim‘ dich, oder ich fress‘ dich!

Das Zeug steht im Verdacht, krebserregend zu sein, und soll sogar das menschliche Erbgut schädigen. Und wir wundern uns, dass es immer mehr Idioten gibt, nicht nur in der Politik und in der Landwirtschaft.

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Ein Kommentar

  1. Die letzten zwei Sätze könnten von mir stammen. Als ehemalige Bio-Mutterkuhhalterin habe ich das schon vor 10 Jahren so ähnlich gesagt. Hilft aber nichts – weil das Hirn der Adressaten schon so vom Glyphosat geschädigt ist, dass sie das nicht mehr verstehen können.

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