Rotorman's Blog

Das neue staatliche Tierwohl-Label als
Luftnummer und Verbrauchertäuschung

Tierwohl

Zweifel sind angebracht, ob die neuen staatlichen Aufpapperl, die 2018 eingeführt werden sollen, tatsächlich zu einer Verbesserung der Situation in der Massentierhaltung führen. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Die einen nennen es eine „Luftnummer“, andere nehmen sogar das böse Wort „Verbrauchertäuschung“ in den Mund. Vielleicht ist es aber auch nur so eine Art Beruhigungspille. Papa Staat, und hier vor allem Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, die institutionalisierte Speerspitze der Tierschutzbewegung in Deutschland, sorgt sich (auf einmal) um das Wohl des gebeutelten Nutz- und Schlachtviehs. Damit’s dem künftig besser geht, hat der wackere CSU-Politiker nach jahrelangem Zögern ein neues „Gütesiegel“ entwickeln lassen: „Mehr Tierwohl“. Das ist mit der namensähnlichen und vor zwei Jahren von großen Handelsketten, der Ernährungs- und Schlachtindustrie geborenen „Initiative Tierwohl“ weder verwandt noch verschwägert, aber von seiner Wirkung her vermutlich genauso ineffizient. Mal ganz abgesehen davon, dass der wild wuchernde Zertifikatsdschungel dadurch noch undurchsichtiger wird.  

Nachdem dem Volk aufs Maul schauende Meinungsforschungsinstitute dem ansonsten eher der Agrarindustrie und deren Lobby zugeneigten Minister zugeflüstert hatten, dass die gängige Praxis der vielfach skandalösen Massentierhaltung immer mehr Konsumenten abschreckt und 88 Prozent sogar bereit seien, mehr Geld für Fleischprodukte zu löhnen, sofern diese aus verbesserter Tierhaltung stammten, sah sich der Bayer genötigt, ganz entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten in dieser Richtung Handlungskompetenz zu demonstrieren. Er betrat damit für ihn absolutes Neuland, vielleicht sogar vermintes Terrain. Was dabei herauskam, ist für viele nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Ein verwässertes Paket, das mit Stricken unverbindlicher Selbstverpflichtungen und Minimalstandards geschnürt worden ist. 70 Millionen Euro sind für die ersten Umsetzungsschritte veranschlagt. Das meiste davon geht wohl für das Marketing drauf. Ein entsprechender Gesetzentwurf für die Einführung des Labels soll noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden.

Zunächst geht es nur um Schweinefleisch

Schmidt

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt glaubt, auf dem richtigen Weg zu sein. Könnte aber auch sein, dass er sich auf dem Holzweg befindet. Foto: BMEL

In der ersten Realisierungsphase geht es zunächst nur um Schweinefleisch, das künftig von glücklicheren Rüsseltieren kommen soll. Das Geflügel muss vorerst noch auf bessere Zeiten warten. Wer als Erzeuger bestimmte und eher wachsweiche Kriterien in Punkto Haltung und Ernährung erfüllt, darf seine Produkte mit dem neuen Papperl schmücken. Und der Käufer glaubt: Kann ich mir bedenkenlos und mit ruhigem Gewissen in die Pfanne hauen. Dem Spender, von dem das Steak, der Schinken oder die Wurst stammt, ging es ja zu Lebzeiten gut. Das ist aber eine ziemlich wacklige Brücke.

Die Teilnahme ist freiwillig, nicht verpflichtend

Initiative

Eine „Initiative Tierwohl“ gibt es schon, und zwar seit etwa zwei Jahren. Sie wird gemeinsam von großen Handelsketten und der Mast- und Schlachtindustrie getragen. Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt.

Das ganze Prozedere erfolgt auf freiwilliger Basis. Kein Züchter bzw. Mäster muss da mitmachen. Wenn er’s tut, ok, wenn nicht, auch nicht schlimm. Und in welchem Maße die Güteplakette einmal vom Verbraucher akzeptiert werden wird, steht sowieso noch in den Sternen. Mehr als einen 20-prozentigen „Marktanteil“ trauen Experten dem Spuk sowieso nicht zu. „Mit einem freiwilligen Siegel verabschiedet sich der Minister offiziell von dem Anspruch, tiergerechte Zustände für alle statt nur für einige Nutztiere zu schaffen“, kritisiert beispielsweise Matthias Wolfschmidt, der stellvertretende Geschäftsführer von „foodwatch“. Was nichts anderes bedeute, als dass der „Staat weiterhin millionenfach vermeidbare Krankheiten, Schmerzen und Leiden für 80 Prozent der Tiere dulde“. Obwohl eine große Mehrheit die Nase voll von geschredderten Küken, gequälten Schweinen oder qualgezüchteten Hühnern hat.

„Unverbindlich und wenig aussagekräftig“

Tierleid

Kritiker sehen in dem Label, das Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt auflegen will, eine staatliche Legitimation von Tierquälerei. Und sie haben ihre eigene „Prüfplakette“ kreiert. Foto: Pixabay/Vier Pfoten

Auch Thomas Schröder, der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, geht auf Distanz: “So schafft man keinen nachhaltigen Tierschutz im Stall“. Während das Urteil von Christian Meyer (Grüne), Landwirtschaftsminister in Niedersachsen und Vorsitzender der Agrarministerkonferenz, ebenfalls ziemlich vernichtend ausfällt: „Das ist wieder nur ein freiwilliges, unverbindliches und wenig aussagekräftiges Deckmäntelchen, von dem es schon so viele gibt“. Zu viele. Diese Label haben meist sowieso nur Feigenblattfunktion.

Im Vorfeld hatten immer mehr Organisationen die von Minister Schmidt eingerichtete Vorbereitungs- und Arbeitsgruppe verlassen. Dazu gehörten auch der Deutsche Tierschutzbund, die Organisation „Vier Pfoten“ und der Verband „ProVieh“. Dies, weil deren Vertreter erkennen mussten, dass das Ergebnis weit hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückbleiben würde. Die Latte war immer niedriger gehängt worden.

Ein zahnloser Stubentiger, der niemanden beißt

Schmidts noch gar nicht richtig aus der Scheide gezogenes „Tierwohl-Projekt“ ist jetzt schon ein stumpfes Schwert. Voraussichtlich 2018 soll damit das erste „zertifizierte“ Fleisch zum Ritter geschlagen werden. Ein zahnloser (Stuben-)Tiger, der niemand beißt und kratzt, am wenigsten die Agrarindustrie. Aber die jammert jetzt schon. Ein Preisaufschlag von 20 Prozent auf Produkte, die mit dem Siegel gekennzeichnet sind, soll drin sein. Das sei ambitioniert und viel zu wenig, klagen Landwirte und Fleischbarone. Zu wenig wofür? Der zusätzliche Aufwand, den sie, wenn überhaupt, betreiben müssen, um die Voraussetzungen zu erfüllen, ist minimal.

Kriterien fallen noch hinter gesetzliche Standards zurück

Säugen

Futtern bei Muttern: Bilder wie diese sind in den Mast- und Zuchtanstalten selten. In der Regel werden die Sauen wochenlang in einem engen Kastenstand vollfixiert. Aus dem heraus müssen sie dann ihre Ferkel säugen. Foto: Pixabay

Das Label soll es in zwei Abstufungen geben. Die Beteiligten können in einer Einsteiger- und einer Fortgeschrittenenklasse an den Start gehen. In ersterer reichen die zu erfüllenden Voraussetzungen in weiten Bereichen noch nicht einmal an die sowieso schon geltenden, aber vielfach ignorierten gesetzlichen Vorgaben heran. Und dürften insofern keinerlei Verbesserungen für die Tiere bringen. So soll es weiterhin erlaubt sein, Schweinen routinegemäß den Ringelschwanz zu amputieren. Eine gängige Praxis, die seit 1994 durch eine geltende EU-Richtlinie verboten ist. Aber das interessiert keine Sau.

Apropos: Die Wutzen dürfen auch weiterhin auf Betonböden ohne Einstreu gehalten und in Kastenständen fixiert werden, während sie ihre Ferkel gebären und säugen müssen. Diese Praxis soll jetzt finanziell sogar noch zusätzlich honoriert werden. Nicht wenige fragen sich, was sich der Minister dabei wohl gedacht hat. Vermutlich nix. Jetzt versuchen Tierschützer, dem Mann die Knackpunkte und Schwächen seiner verkorksten Initiative zu erklären und mahnen in diversen Petitionen Nachbesserungen in wesentlichen Punkten an. So auch hier:

Hormonpräparate aus dem Blut trächtiger Stuten

Davon einmal ganz abgesehen. Nur wenige wissen um die schmutzigen Tricks, die die Schweineproduzenten anwenden, damit es in ihren Fabriken flutscht. Um den Ausstoß zu erhöhen und die internen Abläufe zu verbessern, wird den Sauen ein bestimmtes Hormon gespritzt, damit diese möglichst alle gleichzeitig trächtig werden und werfen. Der SPIEGEL hat unlängst über diese skandalösen Praktiken berichten. Die, zu deren Lasten dieses Prozedere geht, sind jedoch weit, weit weg. Sie grasen auf sogenannten „Blutfarmen“ in Südamerika – in Argentinien und Uruguay.

Die „Spender“ stehen den brachialen Aderlass nicht lange durch

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Diesen Pferden geht es offensichtlich gut. Vielen Artgenossen in Südamerika nicht. Auf speziellen Farmen in Uruguay und Argentinien werden trächtigen Stuten bis zu zehn Liter Blut pro Woche abgezapft. Ein daraus generiertes Hormonpräparat gewährleistet, dass Muttersauen in deutschen Zucht- und Mastbetrieben möglichst zeitgleich werfen. Foto: Pixabay

Das Zaubermittel heißt „Pregnant Mare Serum Gonadotropin”, abgekürzt PMSG. Es wird aus dem Blut trächtiger Pferdestuten gewonnen. 100 Gramm des Grundstoffs kosten eine Million Dollar. Er kann aber nur in einem frühen Stadium der Trächtigkeit entnommen werden. Deshalb sind die „Farmer“ bemüht, innerhalb kürzester Zeit ein Optimum Blut aus den schwangeren Tieren abzupumpen – bis zu zehn Liter pro Woche. Dass die „Spender“ das nicht lange durchhalten, liegt auf dem Huf. Die tierische Materialermüdung ist immens. Und etwas Schwund ja sowieso immer drin. Etwa 30 Prozent der Stuten verenden vorzeitig, bevor sie ihr Lebenszeit-Soll erfüllt haben. Wenn nicht, nächste Runde. Unmittelbar nach einem solchen Brachial-Aderlass wird ein Abort eingeleitet, damit das Muttertier neu gedeckt werden kann. Nach ein paar Zyklen wetzt der Schlachter dann seine Messer.

Der Anbieter des Wundermittels ist EU-zertifiziert

Die meisten dieser bedauernswerten Kreaturen sind, wie die deutsche „Animal Welfare Foundation“ (AWF) festgestellt hat, unterernährt und vegetieren unter grausamsten Bedingungen dahin. Sie sind oft verletzt und haben keinen Wetterschutz. Bei der Blutentnahme werden die ungezähmten Tiere oft schwer misshandelt, wie Videoaufnahmen belegen. Solche waren übrigens 2015 heimlich auf einer Farm des argentinischen Großanbieters Syntex gemacht worden. Der beliefert den europäischen Markt mit seinem wertvollen Stoff und ist – natürlich – EU-zertifiziert. Da sieht man mal wieder, was solche Zertifikate und „Diplome“ wert sind.

Die Idee zur Einführung eines staatlich autorisierten Labels, an dem Konsumenten erkennen können, dass tierische Produkte aus besseren Haltungsbedingungen stammen, ist ja per se nicht schlecht und platzt mitten hinein in eine Ethikdebatte über industrielle Tierhaltung  Doch der Käufer muss sich auch darauf verlassen können, dass das, was ihm da erzählt wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Das kann er im aktuellen Fall aber kaum. Seriös geht jedenfalls anders.

Ein Marketing-Instrument – mehr nicht

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Ob Gütesiegel oder nicht: Das finale Ende ist immer gleich. Zunächst soll sich die „Tierwohl“-Plakette auf Schweinefleisch beschränken. Geflügel muss noch etwas auf bessere Zeiten warten. Foto: Pixabay

Wenn „Tierqual“ als „Tierwohl“ verkauft wird, ist etwas oberfaul. Der Kunde möchte Garantien, wenn er für Fleisch mehr auf die Ladentheke blättert. Garantien, dass er auch bekommt, wofür er zusätzlich zahlt. Dass der Aufpreis den Tieren zugute kommt, nicht ausschließlich deren Haltern und Mästern. Aber da kann er sich nicht sicher sein. In der derzeitigen Ausgestaltung ist die Aktion nicht mehr als ein Marketing-Instrument, das der Staat der Fleischindustrie an die Hand gibt, um dieser etwas Gutes zu tun und gleichzeitig den gutgläubigen Konsumenten in Sicherheit zu wiegen. Es dient dem Minister zudem als Argument gegen gesetzliche Verschärfungen bei den Haltungsbedingungen und eine Kennzeichnungspflicht für die Haltungsform auf allen Lebensmitteln. Das ist praktizierter Zynismus.

Deshalb ist man bis auf weiteres wohl bei anderen „Zertifizierern“ besser und ehrlicher bedient.  Beim Tierschutzbund und dessen Label „Für mehr Tierschutz“ beispielsweise, bei Vier Pfoten („Tierschutz-kontrolliert“), „Neuland“, dem Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung, sowie Demeter, Bioland oder Naturland.

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