Rotorman's Blog

Wenn es ohne Schwalben keinen Sommer
gibt, steht die nächste Eiszeit vor der Tür

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Mein lieber Herr Gesangverein: Drei junge Mehlschwalben rufen in ihrem Nest nach dem Oberkellner. Foto: Marion/Pixelio.de

Von Jürgen Heimann

Eine allein macht bekanntlich noch keinen Sommer, und wer sich, wie Arjen Robben das so virtuos beherrscht, auf dem grünen Rasen theatralisch zu einer spektakulär-dramatisch anzusehenden Figur gleichen Namens hinreißen lässt, riskiert die gelbe Karte. Von einer solchen Schwalbe, also dem Versuch, ein Foul vorzutäuschen, ist aber nicht die Rede. Ebenso wenig wie von der legendären Me 262, dem ersten in Serie gefertigten Düsenjet der Welt aus dem Hause Messerschmitt. Dessen Abfangjägerversion trug diese Zusatzbezeichnung (aus guten Gründen) ebenfalls. Aber es ist die ornithologische Blaupause des Strahl-Fighters, die Vogelkundlern und Naturschützern zunehmend Sorge bereitet. Der Jet ist, von wenigen als Nachbauten daherkommenden Exemplaren mal abgesehen, ausgestorben. Seinen gefiederten Vettern droht mittelfristig das gleiche Schicksal. Es gibt immer weniger davon. Die Bestände der pfeilschnellen Flugkünstler gehen dramatisch zurück. Außer in Bad Schwalbach natürlich…  

Seit Jahren warnt die Fachwelt vor einem  mehr oder weniger schleichenden Exodus dieser zu den Sperlingsvögeln zählenden Piepmätze. Um auf deren Bedrohung aufmerksam zu machen, waren Mehl- und Rauchschwalbe bereits 1974 bzw. 1979 zum “Vogel des Jahres” ausgerufen worden. Früher gehörten Schwalben nicht nur in den landwirtschaftlich geprägten Dörfern und Regionen, sondern auch in den Städten in und an den Häusern zum lebenden Standard-Inventar. Inzwischen begrüßen die Gastgeber jedes einzelne Pärchen, so es überhaupt noch einen Platz zum Brüten findet, mit Vornamen. Und das liegt nicht daran, dass sich die Gefiederten auf dem Rückweg aus ihren afrikanischen Winterquartieren verfranzt haben. Es gibt schlicht und ergreifend nicht mehr viele davon. Die Bestände sollen in den vergangenen Jahren gebietsweise um mehr als 40 Prozent zurückgegangen sein. In der “roten Liste” sind Rauch- und Mehlschwalben inzwischen als “gefährdet” markiert. Daneben kennen wir hierzulande noch Ufer- und Felsschwalben. Aber die waren sowieso immer schon etwas dünner gesät. Bei den Mauerseglern sieht es bevölkerungspolitisch ebenfalls ziemlich trostlos aus.

Keine Brutmöglichkeiten und weniger Nahrung

Rauchschwalbe-Meike Bornemann_pixelio.de

Rauchschwalben machen sich auch immer rarer. Sie bauen ihr Nest in der Regel im Inneren von Gebäuden wie Stallungen, Schuppen oder Scheunen. Doch die Einflugschneisen werden zunehmend zugemauert. Man erkennt diese Flugkünstler an den für sie typischen rost-roten Flecken auf Stirn und Kehle. Foto: Meike Bornemann/Pixelio.de

Zwei wesentliche Ursachen sind es, die den Tieren das (Über-)Leben schwer machen: fehlende Brutmöglichkeiten und ein immer spärlicher werdendes Nahrungsangebot. Früher waren Schwalben bei den Menschen nicht nur als Glücksbringer gerne gesehen. Man glaubte nämlich, die würden die Häuser vor Blitzschlag und das Vieh vor Krankheiten schützen. Die Zweibeiner schätzten sie Vögel aber vor allem auch deshalb, weil diese haufenweise Insekten vertilgen. Ihr immenser Appetit tat letztlich nicht nur dem Vieh gut, sondern auch den Feldfrüchten. Ein einziges Schwalbenpaar verfüttert in einer Brutzeit etwa ein Kilogramm Insekten. Das sind rund 250.000 Mücken, Fliegen und Bremsen. Andererseits sind Stallfliegen, wie man heuer weiß, auch Überträger von Salmonellen. Deshalb haben Schwalben auch eine wichtige Funktion als Gesundheitspolizei.

Der moderne Mensch entledigt sich der Plagegeister inzwischen vorzugsweise mit der chemischen Keule. Stichwort “Insektensterben”. Der massenweise Einsatz von Pestiziden vor allem in der industriellen Landwirtschaft raubt nicht nur den Schwalben, sondern auch vielen anderen Vögeln und Lebewesen die Lebensgrundlagen. Und dem Menschen die Gesundheit. In dieser Hinsicht aber steht Christian Schmidt (CSU),  unser taffer Bundeslandwirtschaftsminister, über den Dingen und hinter der Giftindustrie sowie all jenen, die damit um sich sprühen. Im Alleingang und entgegen aller Absprachen im Kabinett sollte der ministeriale Chef-Lobbyist später im Jahr im zuständigen EU-Ausschuss einer Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Unkrautvertilgungsmittels  Glyphosphat  den Weg ebnen. Das Teufelszeug steht im Verdacht krebserregend zu sein.

Die Einflugschneisen sind zugemauert

Mehlschwalbe-Naturschutz ch

Mehlschwalben sind etwas kleiner als ihre „rauchenden“ Vettern. Man kann sie anhand ihres blau-schwarzen Gefieders, dem leuchtend weißen Bürzel und dem weißen Bauch identifizieren. Diese Art brütet bevorzugt an rauen Außenwänden von Gebäuden, unter den Dächern und auf Mauervorsprüngen. Foto: Naturschutz-ch

Daneben wissen die zwitschernden, keck zirpenden Frühlingsboten buchstäblich immer seltener, wo sie ihr Ei hinlegen sollen und können. Die Rauchschwalbe, an ihren typisch rost-roten Flecken auf Stirn und Kehle sowie an den langen Schwanzspießen zu erkennen, baut ihr Nest in der Regel im Innern von Gebäuden. Aber es fehlt zunehmend an offenen Ställen, Schuppen und Toreinfahrten. Die Stallungen sind für sie nicht mehr zugänglich, weil diese von den Bauern hermetisch abgeschlossen werden. Dies angeblich, um den EU-Hygienevorschriften Genüge zu tun. Für Schwalben, die ins Futter kacken könnten, gilt deshalb “off limits”. Dabei gibt es seitens der Europäischen Union keine bindende Verpflichtung, diese Untermieter von den Ställen fern zu halten. Das seit 2006 geltende “Hygienepaket”, eine Zusammenfassung bestehender Lebens- und Futtermittelvorschriften, fordert lediglich “geeignete Maßnahmen”, um Lebensmittelverunreinigungen durch Tiere und Schädlinge so weit wie möglich zu vermeiden. Und das bezieht sich in erster Linie auf Ratten, denen Einhalt geboten werden soll. Die Bezeichnung „Rauchschwalbe“ soll sich aus der Gewohnheit der Luftakrobaten ableiten, bevorzugt durch den Rauch zu fliegen, der aus den Schornsteinen der Häuser kommt.

Die etwas kleineren Mehlschwalben  verdanken ihren Namen ihrer rein weißen Unterseite, die aussieht, als hätten diese Vögel in Mehl „gebadet“. Man kann die die geselligen Flugakrobaten auch anhand ihres blau-schwarzen Gefieders und dem leuchtend weißen Bürzel identifizieren. Sie brüten bevorzugt an rauen Außenwänden von Gebäuden, unter den Dächern und auf Mauervorsprüngen, können ihre Nester dort aber immer seltener anbringen, weil die Fassaden zu glatt sind. Auch fehlt es an Lehm, dem Hauptbaumaterial fürs Nest. Auf asphaltierten Wegen und Höfen gibt es kaum noch schlammige Pfützen. Viele Hauseigentümer stören sich zudem auch an den Kotspuren an den Wänden und auf dem Boden.

Vogelscheiße an der Wand

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Mehlschwalben beim Frühschoppen. Ihr bevorzugtes Material für den Nestbau ist Lehm. Aber den finden die Vögel immer seltener. Auf asphaltierten Wegen und Höfen gibt es kaum noch schlammige Pfützen, in und an denen sie sich bedienen können. Foto: Stefan Lange/Pixelio.de

Oft ist die anstehende Haussanierung ein willkommener Anlass, vorhandene Nester zu beseitigen. Das geschieht zum Teil auch aus Unwissenheit, ist aber nach dem Bundesnaturschutzgesetz verboten und kann (theoretisch) sogar mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden. Aber mit etwas gutem Willen und geringem Aufwand kann der Mensch den gefiederten Besuchern das Leben wesentlich erleichtern. Künstliche Nester gibt es schon für ein paar Euro, und gegen die beklagte Verschmutzung hilft ein einfaches, unter der Nisthilfe anzubringendes “Kotbrett”. Eine gewisse Distanz zum Nest sollte aber gewahrt sein, um beispielsweise einem gefräßigen Marder kein Sprungbrett zu bieten.

Und eine “Lehmpfütze”, aus der die Vögel ihr Baumaterial beziehen können, ist ebenfalls mit einfachsten Mitteln und im Handumdrehen geschaffen. Einen großen Lehmklumpen in einen größeren Blumenuntersetzer geben, mit etwas Wasser vermischen und mit Stroh oder Pferdehaaren anreichern – und fertig ist der ornithologische Obi.

Plakette für „Schwalbenfreundliche Häuser“

Um die friedliche Koexistenz von Mensch und Schwalbe zu fördern und die Bereitschaft für entsprechende “Investitionen” zu forcieren, verleihen zahlreiche Landesverbände des Deutschen Naturschutzbundes inzwischen die Plakette  “Schwalbenfreundliches Haus”. Dafür kann man sich zwar nix kaufen, aber es beruhigt das Naturschutzgewissen etwas und tut nicht nur den bedrohten Vögeln, sondern auch dem eigenen Image gut. Immer mehr Gastronomiebetriebe werben mit solchen Auszeichnungen für sich. Warum auch nicht? Tu’ Gutes und rede drüber. Und wenn das zur Nachahmung verleitet, umso besser.

Schwalben als Wetterfrösche

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Familientreffen: Solche Bilder sind selten geworden. Kleine Rast auf der Stromleitung. Foto: Peter Reinäcker/Pixelio.de

Schwalben, die im Flug Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h erreichen können, sind auch in ihren Wetterprognosen ziemlich versiert und weisen dabei eine deutlich höhere Trefferquote auf als die telegenen Meteorologen auf der Mattscheibe. Fliegen sie “low level”, also die Schwalben, kann man drauf wetten, dass es bald regnet. Umgekehrt bleibt es schön und sonnig. Daher rührt die Volksweisheit „Wenn die Schwalben niedrig fliegen, wird man Regenwetter kriegen. Fliegen sie bis in die Höh’n, bleibt das Wetter noch recht schön!“ Oder anders ausgedrückt: “Fliegt die Schwalbe hoch, wird das Wetter schöner noch, fliegt die Schwalbe nieder, kommt grobes Wetter wieder”

Dieses Phänomen erklärt sich ganz einfach. Die Vögel stehen auf “fast Food” und fangen ihre Beute ausschließlich im Flug. Bei schönem Wetter steigen die warmen Luftmassen und tragen auch die Fluginsekten nach oben. Deshalb legen die Schwalben, um an den für sie gedeckten Tisch zu kommen, halt etliche Höhenmeter zu. Bei Tiefdruckwetterlagen ist es genau umgekehrt. Dann finden die Jäger ihre Mahlzeit eher in Bodennähe. Wo gemeinhin auch die nach ihnen benannten Schwänze herumflattern. Beim Schwalbenschwanz handelt es sich allerdings um einen Vertreter aus der Fraktion der Schmetterlinge. Auch diese farbenprächtigen Ritterfalter gelten in weiten Teilen Deutschlands und Österreichs als gefährdet. Aber das ist wieder eine andere Baustelle….

Schwalbenschwanz

Weder verwandt noch verschwägert: Der Schwalbenschwanz zählt mit seiner Flügelspannweite von bis zu acht Zentimetern zu den größten und auffälligsten Tagfaltern in Deutschland. Seine verlängerten Hinterflügel erinnern vom Design her an den Schwanz einer Rauchschwalbe. Foto: Pixabay

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