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Hirzenhain: Die “Schöne Hecke”
war früher ein (Vieh-)Friedhof

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Das „Schienheckelche“ oder die „Schöne Hecke“ diente den Hirzenhainern früher als Viehfriedhof. Solche Stätten wurden damals als „Schindanger“ bezeichnet. De heutige Name beruht auf einem Übersetzungsfehler

Von Jürgen Heimann

Schönheit, das weiß man, liegt meist im Auge des Betrachters. Und ob die “Schöne Hecke” wirklich so hübsch ist wie ihr offizieller Name glauben machen will, sei deshalb einmal dahingestellt. Also solche taucht sie jedenfalls in allen Flurkarten auf, wobei die  Schreibweise mitunter etwas variiert. “Schönheck” “Am schönen Heck” usw. Die Hirzenhainer sagen “Schienheckeleche” zu diesem dem Ort vorgelagerten Buchenwäldchen.

Womit die Bezeichnung “Hecke” allerdings als Understatement entlarvt wird. Eine Nummer größer als eine buschbewachsene Einfriedung ist dieses markant konturierte Baumstück schon. Von dessen nördlichem Rand, an dem eine kleine verwitterte Bank zu Verweilen einlädt (und die am gegenüberliegenden südlichen Waldsaum eine Entsprechung findet) schweift der Blick über Teile des Ortes und verliert sich in den oberen Ausläufern des  Schwarzbachtals.

Der Name beruht auf einem Übersetzungsfehler

IMG-20180822-WA0001Nun ist es mit solchen (alten), hartnäckig die Zeiten überdauernden Namen so eine Sache. Nicht immer ist nämlich drin was draufsteht. Was auch in diesem Fall zutrifft. Die Benennung ist irreführend und beruht offensichtlich auf einem Übersetzungs- bzw. Übertragungsfehler. Denn: Dieses Areal war einst jener Platz, auf dem die Hirzenhainer ihr verendetes Vieh entsorgt haben. Solche gemeinschaftlich genutzten Bereiche nannte man “Schindanger” oder “Schindacker”. Später mutierten solche Flächen zu “Wasenplätzen”, die aber demselben Zweck dienten.  Aus “Schindanger” ist dann irgendwann “Schind(h)ecke” geworden. Und daraus wurde dann “Schienheckelche”.

Im Mittelhochdeutschen steht das “Verb” schinden (althochdeutschen “scinden”) für “enthäuten”. Was die oben angeführte These bestätigt. Natürlich wurden die Kadaver hier nicht einfach komplett verbuddelt, sondern man zog ihnen die wertvollen Häute und Felle ab, um sie für die Herstellung von Schuhen, Bekleidung und  anderen Gegenständen des täglichen Gebrauchs zu nutzen.

In welchem historischen Zeitraum die “Schöne Hecke” als “Tierfriedhof” genutzt wurde, darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Vielleicht findet sich, wenn  man tief genug gräbt, noch das ein oder andere vermoderte Knochenfragment von ….. “Mienchen”, der besten Kuh im Stall von ….

Irgendwann traten dann die auch “Wasenmeister” genannten Abdecker auf den Plan, um die Beseitigung des toten Viehs in ordnungsgemäße Bahnen zu lenken. Daraus wurden dann Produkte wie Fette, Leim, Knochenmehl, Salmiak, Seife, Bleichmittel und Viehfutter hergestellt. Abdecker galt als “unehrlicher” Beruf. Selbiger und der Scharfrichter waren im Mittelalter und davor auch oft identisch, da letztere von ihrem tödlichen Job alleine nicht leben konnten und deshalb auf eine zusätzlichen Verdienst angewiesen waren.

Letzte Ruhestäte für Selbstmörder und Prostituierte

Die „Schöne Hecke“ von ihrer Schokoladenseite. Foto: Susanne Dittmann

Wobei sich noch ein weiterer interessanter Bezug ergibt: Auf dem “Schindanger” wurden auch Menschen verscharrt, und zwar solche, die hingerichtet worden waren und denen nach damaligem Verständnis kein christliches Begräbnis zuteilwerden durfte. Dazu zählten vermeintliche Hexen, Selbstmörder und Prostituierte. An diese Unseligen, so sie tatsächlich ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, dürften zumindest all jene keinen Gedanken verschwenden, die das idyllische Wäldchen immer mal wieder gerne als “Partymeile” missbrauchen, wovon zahllose Flaschen, Scherben, verrostete Getränkedosen und andere einschlägige Hinterlassenschaften zeugen.

Ja, und da gab es in späteren Jahren ja auch noch das  „Doureloch“, eine vergleichbare, ebenfalls dem Zweck der Tierleichenentsorgung dienende Einrichtung. Selbige befand sich neben der heutigen Landesstrasse 3362 am Waldrand zwischen der Schwarzbach-Einmündung und der Kreuzung zum Ort. Dort pflegten die Hirzenhainer bis in die 60-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein die Kadaver des verendeten Viehs zwischen zu lagern. Zunächst noch Kühe und Schafe, später Kleintiere, sofern sie der Einfachheit halber nicht gleich irgendwo in Ortsnähe heimlich verscharrt worden waren. Für Generationen von Kindern und Jugendlichen war dies ein ziemlich unheimlicher Ort.

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