Rotorman's Blog

Mikroplastik in Kosmetika: Die Umwelt
zahlt einen hohen Preis für unsere Schönheit

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Was soll alles drin steckt in den Kosmetikprodukten, muss deklariert werden. Aber ohne ein abgeschlossenes Chemiestudium ist der Kunde kaum in der Lage z verstehen, um was für ein Teufelszeug es sich dabei mitunter handelt. Foto: Greenpeace

Von Jürgen Heimann

Es gibt Leute, die haben (nur) Sch… im Kopf. Tendenz steigend. Andere, und das dürften noch ein paar mehr sein, haben Plastik auf dem Kopf und auf der Haut. Mitunter dank Schwarzkopf. Vor allem dann, wenn sie sich die Haarpracht sturmtauglich sprayen. Beispielsweise mit Drei-Wetter-Taft. Hält, verspricht die Werbung, selbst den rauesten Windböen stand. In selbigem, wie auch in zahlreichen anderen Pflegeprodukten aus dem Hause Henkel-Schwarzkopf, sind Kunststoffe wie Copolymere und Silikone enthalten. Diese werden täglich beim Haarewaschen in den Abfluss gespült und gelangen so in Flüsse und Meere. Wo sie von Fischen aufgenommen werden, die sie uns dann früher oder später zurückbringen – mundgerecht auf dem Teller liegend. Dieser fatale “Circle of Life”, der ja eigentlich ein Teufelskreislauf ist, wird hier beschrieben.  

Yul Brynner und Telly Savalas brauchen sich darüber nicht mehr den kahlen Kopf zu zerbrechen, während aktuell auch Bruce Willis, Homer Simpson und der Nacktmull ohne Shampoos auskommen. Die auf dem Schädel etwas üppiger ausgestattete Mehrheit der Menschen jedoch nicht. Schon ein einziges Flasche kann hunderttausende Mikrokügelchen, sogenannte Microbeads, enthalten. Umweltwissenschaftler der Uni Basel haben in der obersten Schicht des Rheins bis zu 3,9 Millionen Plastikpartikel pro Quadratkilometer gefunden. Die sind so winzig, dass sie unbehelligt durch die Filter und Siebe der Klärwerke schlüpfen. Selbst wenn die Beimengungen im Schlamm hängenbleiben, gelangen sie in die Umwelt, weil ein Teil des getrockneten Schlamms später als Dünger ausgebracht wird. Hochgerechnet dürften es zehn Tonnen Plastik sein, die so als kleine Giftbömbchen jährlich ins Meer gespült werden. Sie dienen in der Kosmetik als “Schleifmittel” zum Abschuppern der Haut, werden zum Eintrüben eingesetzt oder sollen Glanz und Konsistenz des Pflegeproduktes verbessern. Dabei gibt es längst natürliche Alternativen wie Kieselsäure, Heilerde, Jojoba, Aprikosenkerne, Nussschalen und Salz. Und die würden weder für den Verbraucher noch den Hersteller einen erheblichen Mehrkostenaufwand bedeuten.

Selbstverpflichtung als Augenwischerei

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Egal, ob Kosmetik- und Pflegeartikel nun in flüssiger, gel- oder wachsartiger Form daher kommen, winzig kleine Kunststoffanteile enthalten sie in der Regel immer. Fotos: Codecheck/Pixabay

Eine Untersuchung der Verbraucher-Plattform Codecheck von rund 103.000 Kosmetikprodukten im Vergleich der Jahre 2014 und 2016 hat ergeben:  Nach wie vor enthält jedes dritte Gesichtspeeling und mehr als jedes zehnte Körperpeeling Polyethylen, trotz einer anderslautenden aus dem Jahre 2014 datierenden freiwilligen Selbstverpflichtung Deutscher, Österreichischer und Schweizer Hersteller. Bei den Make-ups, Duschgels, Sonnen- und Gesichtscremes sieht es nicht viel besser aus. Nachzulesen hier:

„Drei-Wetter-Plast“ trotzt jedem Sturm

Nun hat, was die Beimengung von Mikroplastik anbelangt, der schwarzköpfige Henkel natürlich kein Alleinstellungsmerkmal. Die freundlichen Mitbewerber beteiligen sich in gleichem Ausmaß an dieser für die Ökologie so gefährlichen Panscherei. Ob es sich dabei nun um L’Oreal, Procter & Gamble, Dm, Rossmann oder Johnson & Johnson handelt. Die Umweltorganisation Greenpeace hat sich nach der Nivea-Linie aus dem Hause Beiersdorf nun die Beauty-Care-Dachmarke des international operierenden Düsseldorfer Konzerns herausgegriffen, um exemplarisch aufzuzeigen, wo der Hase im Pfeffer und die mikroskopisch kleinen Kügelchen in der Creme liegen. Blackhead-Produkte werden in 129 Ländern vertrieben. Und da kommt dann schon einiges zusammen – auch an mehr oder weniger toxischem Abfall. Und das gilt auch für das erwähnte, kampagnengerecht in “Drei-Wetter-Plast” umbenannte Styling-Spray:

Egal, ob die beworbenen Pflegemittel nun in flüssiger, gel- oder wachsartiger Form daher kommen, Kunststoffanteile enthalten sie in der Regel immer. Sie dienen als Füllstoff und Bindemittel. Bei vielen von ihnen ist nicht zweifelsfrei klar, ob sie überhaupt umweltverträglich sind, andere wiederum gelten als nachweislich umwelt- oder sogar gesundheitsschädlich. So wie Polyquaternium-16 beispielsweise. Das Zeugs ist biologisch nicht abbaubar und sehr giftig für Wassertiere. Was auch für andere gern verwurstelte Ingredienzen gilt. Die stehen im Verdacht, sich in Wasserorganismen anzureichern und können sogar gesundheitsschädlich für Menschen sein. Bestenfalls ist ihre Umweltneutralität nicht stimmig nachgewiesen. Was aber kein Grund zur Entwarnung ist.

Generelles Verbot gefordert

Greenpeace-Produktauswahl

Jedes dritte Gesichtspeeling und mehr als jedes zehnte Körperpeeling enthält Polyethylen, trotz einer anderslautenden aus dem Jahre 2014 datierenden freiwilligen Selbstverpflichtung Deutscher, Österreichischer und Schweizer Hersteller. Bei den Make-ups, Duschgels, Sonnen- und Gesichtscremes sieht es nicht viel besser aus. Foto: Greenpeace

Nivea-Produkte, die neben Labello und Tesafilm zu den bekanntesten Marken der Hamburger Beiersdorf AG zählen, hatten bereits 2004 in der Kritik gestanden. Dies, nachdem Öko-Test herausgefunden hatte, dass viele Duschgels und Shampoos zur Konservierung Formaldehyd enthielten. Das wiederum steht im Verdacht, Krebs auszulösen oder zumindest Allergien hervor zu rufen. Die Beiersdorf gelobte damals reuig Besserung. Polyethylen hingegen, behauptet der Konzern, sei aber schon seit 2016 nicht mehr in den Pflegelinien enthalten. Stattdessen würden ausschließlich biologisch abbaubare Substanzen wie mikrokristalline Cellulosepartikel eingesetzt. Greenpeace hat starke Zweifel an dieser Aussage und fordert vom Gesetzgeber ein generelles, eindeutiges Verbot von Mikroplastik in Kosmetika. Aktuell soll eine an Umweltministerin Barbara Hendricks adressierte Unterschriftenaktion dieser Forderung Nachdruck verleihen. Sie fand binnen weniger Tage schon fast  27.000 Unterstützer: Hier kann  sich der Verbraucher beteiligen.

 Der Verbraucher braucht ein Chemiestudium

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Vielleicht gut für die Kopfwolle, aber schlecht und ziemlich ungesund für die Umwelt. Bei jeder Haarwäsche gelangen zigtausende winziger Mikroplastikartikel in den Abfluss und auf Umwegen in die Meere. Sie sind in den meisten Shampoos enthalten. Foto: Pixabay

Die Regierung der Tommys hatte, Brexit hin, Brexit her, bereits im Herbst vergangenen Jahres ein entsprechendes Verbot, das Ende 2017 in Kraft treten soll, verkündet. Das gilt jesdoch nur für Kosmetik, nicht aber beispielsweise für Waschmittel und Textilien. Immer besser als nix. Auch Kanada, Neuseeland und die Niederlande wollen nachziehen. Die Deutschen jedoch setzen nach wie vor auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller, die diese im Rahmen des mit dem Bundesumweltministerium geführten “Kosmetikdialogs” eingegangen sind. Und die bezieht sich auch nur auf sogenannte “Rinse off”-Produkte wie Peelings, Duschgels und Shampoos, die gleich nach ihrer Anwendung wieder abgewaschen werden. Cremes, Haarsprays und Make-up beispielsweise sind ausgenommen, weil sie (zunächst) auf Haut und Haaren verbleiben. Aber auch die darin enthaltenen Stoffe verschwinden früher oder später nach und nach im Abfluss. Deshalb bezeichnet Dr. Sandra Schöttner, die Meeresexpertin von Greenpeace, diesen  Deal zwischen Wirtschaft und Regier ung auch als “Freifahrtschein für die Branche”. Das Ganze laufe letztlich auf Verbrauchertäuschung hinaus.

Die Hersteller müssen auf ihren Produkten zwar deklarieren, was drin ist, aber ohne ein abgeschlossenes Chemiestudium ist der Konsument kaum in der Lage, die kryptischen Angaben aufzudröseln und zu verstehen. Er weiß nicht, was er sich in die Haare und auf die Haut schmiert. Da ist dann von Acrylate Co- und Crosspolymeren, Polyacrylaten. Dimethiconolen oder Silsesquioxanen die Rede. Insgesamt 250 verschiedene Kunststoffe hat Greenpeace in untersuchten Kosmetika gefunden. Darunter sogar Nylon, Teflon und Silikon,  das man normalerweise ja erst einmal in Strumpfhosen und auf Bratpfannen verortet oder zum Abdichten von Fugen nutzt. Etwas Licht ins Dunkel, was sich hinter den geheimnisvollen Bezeichnungen verbirgt und welche Risiken von den Substanzen ausgehen, bringt diese Dokumentation: Davon abgesehen können aber selbst Wissenschaftler nicht abschätzen, was diese Substanzen in den Gewässern bewirken, vor alem in Kombination miteinander.

Hilfreich ist auch eine Scan-App von Codecheck. Sie zeigt binnen von Sekunden an, ob und welches Mikroplastik ein Kosmetikprodukt enthält. Das kleine Tool steht hier zum Download bereit. Noch weitergehende Detail-Informationen steuert auch die Organisation “Plasticontrol” bei.

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Aktuell steht Schwarzkopfs „Plastik-Taft“ im Fokus einer Kampagne gegen die Verschmutzung der Ozeane. Aber Plastikpartikel mischen auch die freundlichen Mitbewerber unter ihre Produkte und beteiligen sich somit in gleichem Ausmaß an dieser für die Ökologie so gefährlichen Panscherei. Foto: Greenpeace

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