Rotorman's Blog

Morbide Melancholie zwischen rostigen
Maschinen, Geröll und bröckelndem Putz

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Die Zeiten, in denen hier emsige Geschäftigkeit herrschte, sind lange vorbei. Die frühere Gail’sche Ziegelei in Gießen zählt inzwischen unter den Lost-Plcaces-Fans als Geheimtipp. Foto: Markus und Ingrid Novak

Von Jürgen Heimann

Der Name lebt in den unterschiedlichsten Kombinationen weiter, doch das Produkt, auf dem seine einstige Reputation fußte, wird längst woanders gefertigt. Unter anderem in Brasilien, in Guarulhos, einer Millionenstadt im Bundesstaat São Paulo. Was von der 1891 in Betrieb genommenen Gail’schen Dampfziegelei und Tonwarenfabrik in Gießen übrig geblieben ist, ist ein zunehmend jämmerlich werdender, aber nichtsdestotrotz faszinierender Abglanz einstiger Größe. Die Zukunft des 17,5 Hektar großen, zwischen Leihgesterner Weg und Schiffenberger Weg gelegenen Areals ist ungewiss. Es gibt zwar Ideen, Nutzungskonzepte und Vorschläge, doch so richtig voran geht es damit nicht. Was zumindest jenen nur recht sein kann, die als Ruinen-Nostalgiker stets auf der Suche nach neuen-alten Locations sind.  

Die frühere und inzwischen mehr und mehr dem Verfall preisgegebene Industriebrache in Sichtweite des Polizeipräsidiums gilt inzwischen als Geheim-Tipp. Zumindest unter den “Lost-Placern”. Jenen Architektur-Romantikern, die dem morbiden Charme verlassener Baulichkeiten erlegen sind und mit ihren Fotos ein Stück Vergangenheit konservieren möchten – so lange diese noch sichtbar ist. Was früher oder später nicht mehr der Fall sein wird. Für Leute wie Markus und Ingrid Novak sind es magische, vom Geist einstiger Geschäftigkeit durchzogene Orte, gekleidet in eine melancholische Aura des Vergänglichen, gezeichnet von einem schleichenden, mit Vernachlässigung einhergehenden Verfall. Das Fotografenehepaar aus Ehringshausen /Lahn-Dill-Kreis ist immer auf der Suche nach entsprechenden Motivparadiesen. Hier haben beide ein solches für sich entdeckt und können, wie andere vor und nach ihnen, entsprechend aus dem Vollen schöpfen. Man gönnt sich ja sonst nix.

Seit 1997 stehen alle Räder still

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Die Natur erobert sich zurück, was ihr einst abgerungen wurde. Auf dem Boden wächst Moos, in Fensternähe haben sich vereinzelt Büsche und Sträucher angesiedelt. Graffitis an den Wänden lockern das Ambiente der Schwermütigkeit etwas auf. Foto: Markus und Ingrid Novak

Seit 1997 stehen die Räder in den weitläufigen Fabrikationshallen still. Von der finalen Insolvenz waren damals 350 Mitarbeiter betroffen. Und es sieht (heute immer noch) so aus, als hätten die Malocher ihren Arbeitsplatz seinerzeit Hals über Kopf verlassen oder seien aus der Mittagspause einfach nicht an die Werkbänke, Mischanlagen, Brennöfen oder in ihre Büros zurückgekehrt. Aber es hat den Anschein, als könnten sie jeden Moment wiederkommen. Auf einem modrigen Bord steht noch eine Kaffeetasse, die Stufen der nach oben führenden windschiefen und brüchigen Holztreppe sind von den zerfledderten Seiten eines Wareneingangsbuches übersät.

In den Schubladen eines umgestürzten Schreibtisches in der Verwaltung stapeln sich Formulare und Vordrucke: Stundenzettel, Urlaubsanträge, Ausgangsscheine, Reisekostenabrechnungen. Während vergilbte Zeitungen auf dem Boden des heutigen Hygienestandards auch nicht mehr ganz entsprechenden stillen Örtchens davon zeugen, welche Lektüre der einstige “Geschäftemacher” hier beim letzten Stuhlgang studiert hatte. Er schien auf jeden Fall  Multitasking-fähig gewesen zu sein. Die Armaturen in den grün gekachelten Duschräumen nebenan sind verrostet oder herausgerissen, hier und da hängt noch eine vergilbte, ausgefranste Zewa-Rolle. Derweil blättert der Putz drum herum großflächig von den Wänden.

Wo die Zeit stehengeblieben ist

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Im ehemaligen kreisförmig angelegten Empfangsbereich finden Wind und Wetter ungehindert Zugang und haben deutliche Spuren hinterlassen. Foto: Markus und Ingrid Novak

Als sei die Zeit stehen geblieben oder angehalten worden. Ein alter 1997er Kalender an der Wand, der erodierte Steinboden bedeckt  mit Prospekten, Waren- Ein- oder -Ausgangsscheinen. Produktmuster in allen Größen, Formen und Farben stapeln sich in den Regalen. Versandkisten im Auslieferlager, die nie ihren Empfänger erreicht haben. Kapitale und vom Rost zerfressene Maschinenskelette, deren einstige Funktion und Zweck sich dem Außenstehenden nur schwer erschließen, lassen erahnen, dass es hier nicht immer so gespenstig still wie heute zugegangen ist.

Verrottete Abdeckplanen. Schutt bedeckt knöcheltief den Boden. Teils herausgerissene, verbogene  Schienenstränge, auf denen einst die Transportwagen rollten, verlieren sich im Nirgendwo. Myriaden winziger Staubpartikel reflektieren das durch zerborstenes Glas einfallende und durch die Fensterrahmen gebrochene Sonnenlicht. Schön, aber auch etwas unheimlich. Schattenspiele. Der Hall der Schritte wird von den kahlen Wänden zurück geworfen. Irgendwo findet der Wind ein pfeifendes Ventil. Die Fensterscheiben sind zersprungen, Gardinenfetzen flattern im Luftzug. So beispielsweise im ehemaligen kreisförmig angelegten Empfangsbereich. Wind und Wetter, ungehindert Zugang findend, haben deutliche Spuren hinterlassen, hier mal mehr, dort mal weniger.

Ein Ambiente voller Schwermütigkeit

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Düster und gottverlassen: Der weite Raum wirkt schon etwas unheimlich. Wer da gleich um die Ecke kommt? Foto: Markus und Ingrid Novak

Das haben auch die Graffitisprayer getan, die von solchen Örtlichkeiten angezogen werden wie die Motten vom Licht. Ihre Abbildungen sorgen für etwas bunte und fröhliche Frische in einem ansonsten von verdreckten Grau- und Brauntönen dominierten Ambiente voller Schwermütigkeit. Dass in den verwaisten und durchweg vom morbiden Charme des Zerfalls beherrschten Räumlichkeiten auch die ein oder andere rauschende Party gefeiert wurde, ist ebenso offensichtlich.

Die Dächer der Hallen sind teilweise eingestürzt, die Natur erobert sich zurück, was ihr einst abgerungen wurde. Das erklärt das sprießende Gras auf dem Boden und die vereinzelten Büsche und Sträucher in Fensternähe. Und die schweren Eisenträger, die den Rest des verbliebenen Gestühls halten, sehen so vertrauenerweckend auch nicht mehr aus. Schief in den Scharnieren hängende Türen und Tore quietschen und ächzen. Elektrische, auf Putz gelegte Leitungen, in denen hoffentlich nix mehr fließt. Die perfekte Kulisse für einen Mystery-Thriller.

Und über allem ein unsichtbarer Zauber

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In den Kellern und Katakomben ist es düster, eng und unheimlich. Der perfekte Ort für einen Mysterie-Thriller. Diese Aufnahme zeigt einen Arm der doppelten Brennöfen, der in völliger Dunkelheit liegt. Foto: Markus und Ingrid Novak

In den Kellern und Katakomben ist es düster, eng und unheimlich. Für Klaustrophobiker eine denkbar ungeeignete Spielwiese. Für Pixelkünstler wie die Novaks gilt das Gegenteil. Ein unsichtbarer Zauber liegt über allem. Man kann sich darin verlieren, die Zeit und die Gegenwart vergessen. Gedanken auf die Reise schicken, assoziative Salti schlagen. Die atmosphärische Dichte ist erdrückend. Ein verwunschener Ort. Möglicherweise einer voller Mysterien. Eine Stätte, die die Phantasie beflügelt. Was mag aus den Menschen geworden sein, die sich hier einst ihren Lebensunterhalt verdient haben? Wie ist es ihnen nach dem Exitus des Arbeitgebers ergangen? Viele von ihnen dürften inzwischen längst gestorben sein. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Ein Schicksal, das, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung, jener Stätte droht, an und in der sie vielleicht  Jahrzehnte ihres Daseins verbracht haben. Ihre Hinterlassenschaften lassen sich nicht mehr individuell zuordnen. Das Wasserglas, die blecherne Brotbox, die porösen Sicherheitsschuhe, die staubige, von Motten zerfressene Arbeitsjacke, das Notizbuch, in dem jemand penibel seine Überstunden aufgelistet hat.

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Die atmosphärische Dichte ist erdrückend. Ein verwunschener Ort. Möglicherweise einer voller Mysterien. Eine Stätte, die die Phantasie beflügelt. Foto: Markus und Ingrid Novak

Wer jetzt hier genau das Sagen hat, ist so offensichtlich nicht (mehr). 2008 jedenfalls gehörte die große Klitsche noch der Piräus Bank, deren Bemühungen um eine Folgenutzung offenbar bis heute nicht erfolgreich waren. Für eine neue gewerbliche Verwendung spricht die gute Anbindung an die Kernstadt. Aber auch irgendetwas in Richtung Forschung, Büros und Events wäre denkbar. Schau‘n mer mal, wer sich mit seinen Präferenzen und Interessen durchsetzt.

Der Name lebt Gail weiter

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Die Fenster sind geöffnet, Gardinenfetzen flattern im Luftzug. Auf dem Boden eines wehemaligen Verwaltungsbüros sich Formulare und Vordrucke: Stundenzettel, Urlaubsanträge, Ausgangsscheine, Reisekostenabrechnungen. Foto: Markus und Ingrid Novak

Im April 2013 war in Gießen mit einjähriger Verspätung und unter Einbeziehung ehemaliger Ziegelei-Mitarbeiter das 200jährige Jubiläum der Firma Gail gefeiert worden, organisiert von der brasilianischen, bereits in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründeten Unternehmenstochter, der Gail Architekturkeramik Brasilien. Die zählt heute in Südamerika zu den Marktführern der Branche. Von dem guten Namen profitieren aber auch die Rechtsnachfolger des 1992 pleite gegangenen Stammhauses, das bereits vor dem Konkurs mehrheitlich von Inax Japan übernommen und in Folge mit der Boitzenburg AG verschmolzen worden war, um dann von der Piräus-Bank vereinnahmt zu werden. Daraus ging dann die heutige Gail-Gruppe hervor, zu der u.a. Gail Architektur Keramik, Gail Ceramics International und Gail Ceramics Benelux gehören. Eine administrative Dependance gibt es auch in Gießen, in unmittelbarer Nähe des einstigen Werkes.

Das Geschäft boomte jahrzehntelang

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Der Vorhang bleibt geschlossen. Das Dach ist stellenweise undicht, die Scheibend er Oberlichter zersplittert. Wind und Wetter hinterlassen ihre Spuren. In den weitläufigen Hallen stehen noch rostige Maschinen, deren einstige Funktionen sich einem nicht auf den ersten Blick erschließen. Foto: Markus und Ingrid Novak

Aber ganz am Anfang der Geschichte gab’s (mehr oder weniger) dicke Luft. Georg Philipp Gail hatte Am Kreuzplatz/Ecke Sonnenstraße 1812 mit 700 Gulden Startkapital die erste Gießener Tabakfabrik errichtet, die erste ihrer Art in der Region. Zunächst acht Mitarbeiter stellten hier Schnupf-, Kau- und Pfeifenpriem her. Das Geschäft boomte jahrzehntelang, was einen deutlich größeren Neubau erforderlich machte und auch andere Hersteller auf den Plan rief. 1923 wurde die große Fabrik im Sandkauter Weg errichtet. In dem schräg gegenüber der früheren Ziegelfabrik gelegenen Gebäude befinden sich heute Teile des Polizeipräsidiums.

Der Niedergang der Zigarrenindustrie

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Vom Winde verweht: Ehemaliger Pausenraum für leitende Angestellte. Hier ist auch lange nicht hat mehr saubergemacht worden. Foto: Markus und Ingrid Novak

Aber irgendwann war es mit dem Höhenflug der Stumpen vorbei. Vor allem, als die Zigarette begann, die dicken Stummel in der Gunst der Raucher abzulösen und die Nazis auch noch die Nutzung von Maschinen zur Herstellung von Tabakwaren untersagten. Das erhöhte die Produktionskosten enorm. Mitte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts erwies sich die Fabrikation der “Trabukkos” zunehmend als brotlose Kunst. Die ersten von einstmals über 30 Zigarren- und Tabakfabriken im Gießener Land hatten, bedingt durch den Wandel der Konsumgewohnheiten, da schon längst aufgegeben oder taten es während des 2. Weltkriegs. Zwar gab es Mitte der 1950er Jahre nochmals einen kurzzeitigen Aufschwung, doch der erwies sich als Strohfeuer. Das Ende der Zigarrenherstellung war unausweichlich. Als vorletzter noch im Gießener Land produzierenden Betriebe schloss 1963 die Gail’sche Zigarrenfabrik für immer ihre Tore.

Die Unternehmerfamilie hatte aber rechtzeitig damit begonnen, sich ein weiteres Standbein zu schaffen und bereits 1891 im Erdkauterweg eine Dampfziegelei errichtet. Und deren Glanzzeiten sind, siehe oben, ja auch definitiv längst vorbei. Wie textete Mick Jagger doch gleich noch einmal? „Time waits for no one“.

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