Rotorman's Blog

Rad ab!! Race-orientiert, souverän auf
dem Trail und bergauf wie eine Gämse

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Die Herrn vom andern Stern: Viele Grüße aus Aera 51. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Es müssen ja nicht unbedingt Billigteile vom Discounter sein. Ob die nun Ragazzi, McKenzie, Germatec, Vortex, Cyco, Hill oder Mifa heißen. Aber 14.499 Euronen für ein “Trek Émonda” mit Scram Red Schaltung oder 13.000 Eurodollars für ein “Rocky Mountain Maiden Unlimited” –  wer bereit ist, so viel Kohle für einen Drahtesel hinzublättern, setzt sich zumindest dem Verdacht aus, mit der Satteltasche gepudert  zu sein. Egal, ob die Dinger nun einen Vollcarbon-Rahmen haben, über ein ausgeklügeltes „RIDE-4-System“ verfügen, mit „Low-Profile Enve Carbonfaserrädern“ rollen oder mit einem „Ax Ligthness Finishing Kit“ glänzen. Sei’s drum. Für das Geld kriegt man ja fast schon ein gebrauchtes Flugzeug – und muss sich nicht abstrampeln. Das Geschäft mit dem Velo ist ein lukratives und boomt seit Jahren. Das ist ein Wachstumsmarkt, mit dessen Innovationskraft und Dynamik keine andere Konsumgüterbranche konkurrieren kann. Und die hypen Pedalritter der Neuzeit sind bereit, klaglos auch die stolzesten Preise zu zahlen. Nicht nur für die Hardware. Ein cooles, trendiges Outfit gehört natürlich auch dazu.  

Der deutsche Bikehandel wird dieses Jahr erneut mühelos die 3-Milliarden-Euro-Umsatz-Marke knacken. Über 20 Milliarden dürften es EU-weit sein. Und dieser Reibach wird zunächst einmal nur durch den Verkauf und die Reparatur der flotten und immer ausgereifter daher kommenden Muskelkraft-Boliden generiert. Wobei der Anteil jener, die mit elektrischer Unterstützung durch die Gegend flitzen, weiter steigt. 72 Millionen Stahlrösser gibt es mittlerweile in den deutschen Haushalten. Aber von Stahl kann  ja eigentlich nicht mehr die Rede sein. Aus selbigem bestehen die wenigsten Modelle. Die Materialien, aus denen die High-Tech-Dinger heute gefertigt werden, sind längst andere. Aluminiumlegierungen gehören inzwischen zum Standard; zunehmend Verwendung finden Titan, Kohlenstofffaser-verstärkte Kunststoffe (CFK), Metal Matrix Composite (MMC) und, ja wirklich, Bambus. Deren Sprossen sind ein Abfallprodukt und landen im China-Restaurant. Das spart Gewicht. So gibt es Fahrradrahmen, die gerade mal 710 Gramm auf die Waage bringen. Und das komplette Produkt wiegt dann, wenn alle Komponenten montiert sind, mitunter noch nicht einmal 5 Kilo. Ein Kasten Bier wiegt das Doppelte.

Ein 16-Milliarden-Euro-Markt

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Da freut sich der Boppes. Aber man sollte nicht an der falschen Stelle sparen. Der Cycloholic des 21. Jahrhunderts legt Wert auf leichtes Gewicht, anatomische Formen und hohen Sitzkomfort. Der Einsatz aus Silikongel erhöht das Dämpfungsvermögen. Die Polsterung mit unterschiedlicher Dicke ist mit atmungsaktivem Leder bezogen. Foto: Pixabay

Aber die genannten drei Umsatz-Milliarden sind nur die Spitze des strampelnden Eisbergs. Angaben der Internetplattform Ilovecycling.de zufolge kam die gesamte Branche im vergangenen Jahr deutschlandweit auf einen Gesamtumsatz von 16 Mrd.  EUR. Eine unvorstellbare Summe. Darin sind aber dann auch alle Zweige und Nischensektionen berücksichtigt, die irgendwie mit zwei Rädern zu tun haben. Dazu gehören Wettbewerbe, Meisterschaften, Zubehörteile und -komponenten, Sonderausstattungen, Mode, Fachliteratur, Ratgeber, Reparaturanleitungen, Tourismus und Gastronomie, PR, Trainingsoptimierer, Ernährungszusätze, und, und, und.

Doch die modernen Velozipeden wissen sich verstanden und in guter Gesellschaft.  Freddie Mercury  und Queen hatten dieser  Fortbewegungsart mit “Bicycle Race“ bereits 1978 eine eigene Hymne geschenkt.  Auch Die Prinzen („Mein Fahrrad“), Katie Melua („Nine Million Bicycles“), Peter Petrel („Ich fahr‘ so gerne Rad“) und Achim Reichel („Fahrrad fahren“)  wollten da nicht zu Fuß gehen und haben die Speichen-Freaks bzw. ihre  fahrbaren Untersätze mehr oder weniger pointiert besungen. Rolf Zuchowski tat das 1985: „An meinem Fahrrad ist alles dran“.  Da hatte er es noch einfach. Um alle Ausstattungsmerkmale von heute zu beschreiben, bräuchte der Liedermacher statt der damaligen 3.08 Minuten inzwischen deutlich mehr Studiozeit. Und das Ergebnis würde „Thick as a Brick“ von Jethro Tull mit seiner knapp dreiviertelstündigen Spielzeit locker toppen. Wobei die sinngemäße Übersetzung dieses Titels jetzt nicht in einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Radlern gestellt werden darf.

 Trail-Adventure mit Heinz Erhardt

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Eins ist mal sicher: Heinz Erhard (links) und eine beiden Kumpel hätten die radelnde Welt von heute nicht mehr verstanden. Szenenfoto aus dem Film „Immer die Radfahrer“.

Das waren noch Zeiten, als Heinz Erhardt alias Fritz Eilers mit seinen beiden Kumpels Ulrich und Johannes 1958 in dem Filmklassiker “Immer die Radfahrer” durch Kärnten nach Burgsteinach keuchte, um 20 Jahre zurückliegende Jugenderinnerungen aufzufrischen. Heute würden die wackeren Pedalcowboys nur noch Bahnhof verstehen. Was damals als profane, wenn auch ambitionierte Fahrradtour galt, kommt heute, je nach Disziplin, als Trail-Adventure, Free-Riding, Crossroad, Roadmarathon, Cyclocross, Trial, Mountainbike-Orienteering, Omnium, Scratch , Cross-Country (Hardtail) , Downhill, Enduro-Event, Slopestyle oder 4X daher. Und von einem Boost-Hinterbau, Rock-Shox-Fahrwerken oder  Stram-Eagle-Antrieben, XT Hydraulic Disc Bremsen, Schaltperformance und Fox Float-Federgabeln hatten die wackeren Kinohelden noch nie etwas gehört. Von der adjustablen Wheel Base-Technologie, die es ermöglicht,  die Kettenstrebenlänge durch ein wechselbares Insert anzupassen, auch nicht.

Wäre das taffe Trio unterwegs auf Gleichgesinnte aus der Zukunft gestoßen, hätte sich ihm der Verdacht, es könnte sich um geklonte Leihgaben aus dem interstellaren Gen-Pool von Area 51 handeln, zwangsläufig aufdrängen müssen.  Vielleicht hätten sie sofort  die „Men in Black“ alarmiert oder gleich die „Ghostbusters“ gerufen. Denn nicht wenige Biker der Neuzeit sehen in ihrem futuristischen Outfit aus, als kämen sie geradewegs vom Krieg der Sterne und hätten Heimaturlaub auf Ehrenwort. Und wundern sich dann noch, wenn man nicht zurück grüßt. Aber für einen mittelmäßig talentierten zweibeinigen  Kohlenstoffler ist es ja auch schwer, die Maskerade der so schrill daher kommenden Sportsfreunde zu durchdringen. Neben dem “POC Octal AVIP MIPS Helm” für 401,41 EUR mit „temperaturregulierender Coolbest Polsterung“  und „integriertem Multi-directional Impact Protection System” trägt die Nasensteg-verstellbare, mit „Flex-Zonen-Vario-Filter“ und „konstraststeigernder LST-Technologie“ ausgestattete Schutzbrille für 269 EUR zur zusätzlichen Anonymisierung ihres Trägers bei.

Aerodynamisch und geschmacksneutral

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Byclemania: Auch die Deutsche Telekom dreht inzwischen total am Rad. Im Land des Michels gibt es inzwischen 72 Millionen Muskelkraft-Boliden. 81,4 Prozent der Haushalte besitzen so ein Teil. Foto: Pixabay

Die ausgeklügelte und selbstverständlich mehrlagige Bike-Wear von heute ist eine Synthese aus Funktion und Style und natürlich aerodynamisch, atmungsaktiv, antibakteriell, biologisch abbaubar, geschmacksneutral  und vor allem fashionable. Die schrillen, meist körperbetonten Jersey-oder Chambrey-Klamotten aus Hanf und recyceltem Polyester, Biobaumwolle, Lycra oder Viskose schützen dank wasser- und winddichter Membranen vor allen meteorologischen Eventualitäten. Sie verfügen teils sogar über eigene Belüftungssysteme und bestechen neben der optischen Anmutung durch eine ganz besondere Haptik, sind schmutzabweisend, schnell trocknend, widerstandsfähig, knitterresistent und natürlich pflegeleicht. Mit ihren „athletischen Schnitten“ und den „ergonomischen Nahtverläufen“ genügen sie höchsten Ansprüchen.

Designed by Karl Lagerfelds Aushilfsputzfrau

Zunächst brauchen wir natürlich ein passend gestyltes Trikot, einen Poncho, eine Weste, eine Jacke, T-Shirt, Handschuhe, Ärmlinge und die farblich darauf abgestimmte Unterwäsche. Im Radler-relevanten Dessous-Segment mischt inzwischen ja auch Victoria’s Secret mit. Ferner benötigt man kurze und lange Trägerhosen, Knie- und Beinwärmer, Flat Pedal Cycling Shoes, Socken sowie wahlweise City-, Mountainbike- oder Radrennschuhe.  Da finden wir bei Craft, Pock, Assos, 45NRTH, GT Assos, Suplest, Freygeist, Gore Bike Wear, 7mesh,  2XU, rie:sel oder 3T sicher was Passendes. Handgeblasene und mundgetöpferte Fahrrad-Überschuhe aus kontrolliert biologischem Anbau sind auch fast unverzichtbar, ebenso der Schal und die Cycling-Cap. Vielleicht dann noch ein Stirnband, adjustierbare „Bern Winter Liners“ für besonders frostige Tage, einen Trockensack oder Dual-Seat-Bag und eine beleuchtete Getränkeflasche mit Solarmodul nebst verchromter  Halterung, matt oder hochglänzend. Ach ja, ein locker sitzendes Hoody-Race aus 86 Prozent Polyester und 14 Prozent Elastan mit einstellbarer Kapuze und reflektierendem, kompostierbarem Reißverschluss aus Duroplast kann sich auch als sehr nützlich erweisen. Früher sagte man Kapuzenpulli dazu. In der Radlerversion kostet das edle und optimalen Tragekomfort bietende Teil im Design eines Wischlappens je nach Hersteller um die knappe 70 Euro. Dafür stammt der Entwurf aber auch von Karl Lagerfelds Aushilfsputzfrau.

Balsam für den geschundenen Boppes

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Was man heute als moderner Veloziped so alles zum Radelspaß braucht.

Entzündungshemmende, antiseptische Wund- und Gesäßcreme für den geschundenen Boppes wäre auch nicht schlecht. Schon der alte Rudi Altig hatte ja erkannt: „Ein Rad(renn)fahrer muss seinen Hintern besser pflegen als sein Gesicht.”. Und so sah er ja auch  aus. Die Emulsion kostet im Dreier-Kombipack schlappe 46,70 Euies. Dafür sind aber in jeder Tube auch 100ml drinne. Und das Zeugs hilft sogar gegen pleurokutane Fisteln und enthält unter anderem immerhin 8 essentielle Aminosäuren. Gibt’s auch als Pulver. Bitte aber unbedingt die meist auf Kyrillisch verfassten Beipackzettel lesen. Wegen Risiken, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und möglichen Folgeschäden. Einige der Rezepturen enthalten nämlich Gadoteridol, Kanamycin, Riboflavin und Deferasirox. Da hat man sich schnell mal eine pulmonale Histoplasmose oder eine abdominale Adhaesion eingefangen. In seltenen Fällen treten mit einiger zeitlicher Distanz venoese Missbildungen auf, während andere Patienten über erhöhte Nukleitidase-Werte klagten. Fett- und Sonnencreme nicht vergessen. Man(n) sollte sie, zumindest im Sommer, vor dem Start verreiben, möglichst großzügig. Dick auftragen tun die Radler, nachdem sie fünf von selbigen intus haben, dann nach Rückkehr von alleine.

Aber dann, so die Halterungen für GPS-Gerät und GoPro installiert und mit letzteren bestückt sind, kann’s, keine Gnade für die Wade, auch schon losgehen. Vorausgesetzt, die Hardware ist komplett. Selbstverständlich ist unser trendiger und hochgezüchteter Untersatz mit Überrollbügeln, elektrischen Fensterhebern, tiefergelegtem Handschuhfach, von außen justierbaren Innenspiegeln und einem höhenverstellbaren Schiebedach ausgestattet. Letzteres lässt sich über Bluetooth fernbedienen. Servolenkung, Klimaanlage und per Knopfdruck regelbare, mit redoxreaktivem Nappaleder beschichtete Liegesitze gehören sowieso zum Standard, ebenso wie Unterbodenversiegelung und elektronische Einparkhilfen.

Wenn dem Esel mal die Luft ausgeht

Für den Fall, dass uns bzw. dem Esel unterwegs die Luft ausgeht, benötigen wir natürlich noch was zum Pumpen und entscheiden uns für die „Silca Impero Ultimate Frame“. Die gibt’s, ein echtes Schnäppchen, zum Sonderpreis für nur 193,34 Euronen. Geiz muss ja nicht immer geil sein. Den werksseitig eingebauten Lenkervorbau hat der Sportsmann schon gleich nach dem Kauf ausgemustert und durch ein aus hochfestem Aluminium 2024 gefertigtes und mit Torx-Kopfbolzen aus Edelstahl ausgestattetes Austauschteil ersetzt. Das verspricht nämlich ein zusätzliches Maß an Sicherheit und Langlebigkeit. Dafür sind 113,38 Euro wirklich nicht zu viel verlangt, zumal dadurch ein „optimales Verhältnis zwischen Gewicht, Stabilität und Stärke“ erreicht wird. Wäre der Kunde schlau gewesen, hätte er das gleich im Online-Konfigurator berücksichtigt. Aber 182,60 € für eine „Paul Components Tall & Handsome-Sattelstütze“ sind auch gut und klug angelegt.

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Früher tat’s eine Klingel aus dem Schnäppchenmarkt für 2,40 DM. Gut, die konnten aber auch nicht Beethovens Schicksalssinfonie in der zweidreiviertel-taktigen Rap-Version abspielen. Die Rolex unter den Fahrradgeläuten kommt aus England und kostet 60 EUR plus Versandkosten. Gegen Aufpreis kann man sich sogar den eigenen Namen eingravieren lassen – in Englisch und in Deutsch, alternativ in Zaza, Serbokroatisch oder Karbadinisch. Foto: Pixabay

Was so ein richtiger Cycloholic ist, der verzichtet natürlich auf eine Anhängerkupplung. Eine solche findet unter Porschefahrern ja auch selten Verwendung. Einen Ständer braucht der Racer auch nicht unbedingt. Es sei denn, er hätte nach der Tour noch andere Ambitionen. Die, weil allenfalls theoretisch-optional, haben sich dann aber spätestens beim Einlaufen in den heimatlichen Hafen quasi von selbst erledigt und in jene Luft aufgelöst, die, siehe unten, aus den Vectran-Reifen nicht mehr entweichen kann. Denen eilt nämlich der Ruf voraus, „unplattbar“ zu sein. Übrigens: Viele der angebotenen Räder sind „unisexuell“ veranlagt, also geschlechtsübergreifend verwendbar. Deshalb braucht die Frau von heute anschließend auch nicht mehr die Kopfschmerz-Karte zu ziehen. Und er träumt dann nachts selig davon, dass ihm Kate Hudson und Dita von Teese beim Sechs-Tage-Rennen in der Herborner Kulturscheune nackt auf einem weißen BobbyCar entgegen kommen.

Unkaputtbar wie das Risotto vom Edel-Inder

Von wegen „gib‘ Gummi“! Da greift der erfahrene User doch gleich zu X’Plor Mso-Faltreifen zu 71,59 € das Stück. Die sind deutlich belastbarer und strapazierfähiger als die 08/15-Ware der Grundausstattung. Aber für vorne müsste es dann doch schon etwas Bissigeres sein. Dank der High-Tech-Faser Vectran werden Reifen zunehmend „unkaputtbarer“. Das Zeugs ist reißfester als Titan, schnittfester als Kevlar und dennoch superleicht. Ganz davon abgesehen, dass es geschmacklich selbst das „Risotto alla pescatora“  meines Edel-Inders  aus dem „Il Punto“  locker toppt. Das gilt in gustatorischer Hinsicht auch für dessen „Filetto di manzo con funghi porcini“.  Und noch etwas: „Vectran“  verschlechtert das Abrollverhalten in keiner Weise. Weder auf dem Trail, noch  abends in der Kiste. Insofern  könnte man sich also die Ausgabe für die die Silca Impero Ultimate Frame-Pumpe durchaus schenken…

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Trübe Funzel. Doch die Zeiten sind heller geworden. Mit einem „Exposure Race Mk 11-Frontlicht“ kann man heute sogar nachts den Siegerlandflughafen taghell ausleuchten – und zwar in allen drei Himmelsrichtungen. Foto: Pixabay

Auch die Pedale der Basic-Variante ersetzen wir – durch “Speedplay Zero Titanium Pedals”. Als zusätzliches Plus punkten die mit „griffigen Walkable Cleats”. Kosten: 393,84 Eurodollars zusätzlich. Gut, notfalls sind wir auch mit einem Satz Stamp-Pedals zufrieden, für jede Seite in synchroner Anordnung eins. Sie bieten perfekter Grip, zumal sie, wir sind begeistert, über zehn Pins pro Seite verfügen. Zehn Pins!!! Das muss man sich mal auf der Zunge vorstellen. 150 Euro dafür sind nun wirklich ein Klacks.

Lichtschwerter und Knicklichter

Die 89,51 EUR für die PDW-Spritzschutzbleche fallen da kaum ins Gewicht. Um im Rahmen zu bleiben, hat der Freak selbigen schon vor der ersten Probefahrt gegen ein mit 895,13 Euro fast geschenktes „Twin Six Standard Rando-Fahrrad-Chassis aus nanolegiertem Toray-Carbon“ ersetzt. Ein „Exposure Race Mk 11-Frontlicht” garantiert ihm den totalen Durchblick. Die Aussichten sind dann blendend. Das Mk 11 kostet zwar 268,48 EUR, dafür kann man damit aber auch nachts die Einflugschneise des Siegerlandflughafens taghell ausleuchten – und zwar in allen drei Himmelsrichtungen. Für das „Exposure Strada 800“ verlangt der Händler den gleichen Preis. Es ist aber eher für Rennräder optimiert. Ein bisserl tiefer in die Tasche der Softshell-Jacke muss der nachtblinde Bikerologe für den oder das „Big-Bang“ greifen, eine Gasentladungslampe, die mit 100 Lux Löcher in die Nacht brennt. Die Lichtschwerter der Jedi-Ritter in Starwars waren dagegen müde Knicklichter. Als die Blendkanone 2007 auf dem Markt kam, lag der Preis bei über 700 Euro.

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Technik von gestern. Die Kettenblätter von heute werden aus Duraluminium hergestellt, aber auch aus Titan oder Carbon. Sie weisen oft Steighilfen auf, verfügen über Vertiefungen zum Abtransport von Schmutz und Matsch für die inneren Kettenglieder und –rollen und sorgen natürlich für höchste Performance. Und was die Pedale anbelangt, müssen es mal mindestens „Speedplay Zero Titanium Pedals” sein, die als zusätzliches Plus mit „griffigen Walkable Cleats” punkten. Foto: Pixabay

Mit dem „Silca HX-One Home and Travel Tool Kit“ für 149,17 € ist der ambitionierte Pedalator stets auf der sicheren Seite, sollte ihn, was aber eher unwahrscheinlich ist, unterwegs mal das Pannenpech überholen. Und damit das kostbare Teil nicht geklaut wird, machen wir noch mal 41,75 EUR für ein „Abus Tresor 1385 Combination Bike Lock“ locker. Sonst wäre da ja nix mehr, was man daheim in der Garage oder im Keller dekorativ an den 155 Euro teuren „Cactus Tongue Wall Mounted Single Bike Holder SSL-ROADIE“ hängen könnte. Das „Trophy Bull Lux Indoor Bike Rack“ ist mit 225,58 EUR übrigens noch ein bisschen teurer. Ein trendig-cooles First-Aid-Kit ist auch Pflicht, für den Fall, dass der Fahrer unterwegs mal kontrolliert von seinem Gerät absteigen muss und sich bei diesem Sturz das Ohrläppchen verstaucht.

Klingel mit Namensgravour auf Karbadinisch

Und, last, but not least, klingelingeling! Braucht man ja schließlich auch. Wir entscheiden uns da für ein Modell des englischen Herstellers “Lionbellworks”. Das ist die Rolex unter den Fahrradgeläuten und kostet 60 EUR plus Versandkosten. Gegen Aufpreis kann man sich sogar den eigenen Namen eingravieren lassen – in Englisch und in Deutsch, alternativ in Zaza, Serbokroatisch oder Karbadinisch. Und damit hätten wir zumindest schon einmal eine spartanische Minimalausstattung beisammen. Aber die ist durch und durch solide und verfügt sogar über „Marathon-Gene“ J. Einem „effektiven Pedalieren“ steht somit  nichts mehr im (Rad-)Wege. Ach, wenn das Karl Drais doch noch hätte erleben dürfen…

Race-orientiert mit souveräner Bodenhaftung

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Fahrräder können aber auch praktisch und dekorativ sein. Foto: Pixabay

Natürlich wollen diese Schätzchen auch gepflegt, gehätschelt und verwöhnt werden. Da greift man am besten auf ein kombiniertes, pflanzenbasiertes Reinigungs- und Versiegelungs-Fluid zurück. Es ist geruchsneutral und enthält keinerlei Konservierungsstoffe. Die darin enthaltenen winzigen Nano-Partikel verzögern neue Verschmutzungen, erleichtern die Reinigung und bewirken außerdem einen leichteren Lauf und einen geringeren Kettenverschleiß.

Was wir da für einen rassigen Boliden unterm wundgescheuerten Hintern haben, erschließt sich uns erst nach und nach. Oder wir lesen verblüfft darüber in den Prospekten der Händler bzw. in den einschlägigen Internetforen. Dass die Karre „race-orientiert“ ist, „souverän auf dem Trail liegt“ und „auch bei holprigen, groben Wurzelpassagen nicht die Bodenhaftung verliert“, wissen wir aus eigener Erfahrung. Und es liegt auf der Hand (oder wo auch immer), „dass der Boost-Standard das Gerät steifer und direkter im bzw. beim Handling macht“. Davon abgesehen „sorgt das harmonisch ausbalancierte Setup von Rahmen, Dämpfer und Gabel einhergehend mit der unglaublichen Schaltperformance für ungetrübte Begeisterung“.

Tiefe Tretlager und flache Lenkwinkel

Und weil der Rahmen „einen längeren Reach“ hat, das „Tretlager tiefer liegt und der Lenkwinkel flach ist“, hat der Pilot mehr Kontrolle über den Bock, der sich erkenntlich zeigt und diese innovativen Extras mit Spritzigkeit und Laufruhe dankt. „Er rollt (dadurch) schnell und agil wie eine Gämse bergauf, klettert wie ein alpiner Hochgebirgs-Hengst, ist verspielt und bietet in Anfahrten erstaunlich große Reserven“. Gut zu wissen. Vielleicht hätte man noch erwähnen sollen, dass sich die subtile und komplexe Textur des “Whistle Patwin 1500 20 S” im finalen Abgang als überraschend markant, muskiert und blumig erweist, während die Papillen beim “Corratec MTB X Vert” die Kraft und Wucht ausdrucksstarker Finesse detektieren, und zwar ohne im weichen Nachhall an gustatorischer Ausgewogenheit zu verlieren.

Damit wäre Herkunft und Bedeutung der Redensart “Die haben doch ein Rad ab” wenigstens teilweise geklärt.

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