Rotorman's Blog

Vino-Sprech: Druckvolle, cremige Abgänge
und das Bukett scharf gerittener Damensättel

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Mysterium Wein. Eine Welt für sich. Auf dem Öchsle-Parkett zwischen Cuvée und Negligé tummeln sich viele der Wortakrobatik nicht unbedingt abgeneigte Literaten, die unter Verwendung der abenteuerlichsten Phrasen aus einem einfach nur wohlschmeckenden guten Tropfen einen anbetungswürdigen Göttertrunk machen. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Der große George Bernard Shaw nannte sie blutrünstige Leute, die es nicht bis zum Henker geschafft hätten. Für Giovanni Guareschi waren sie wie Hennen, die gackern, wenn andere (Eier) legen. Und Brendan Behan verglich dieses Gesindel mit Eunuchen im Harem. Sie wüssten, wie es ginge, sähen täglich, wie es gemacht würde, seien aber unfähig, es selbst zu tun. Damit wäre das Wesen jener Wesen, die sich Kritiker schimpfen, treffend und pointiert beschrieben. Schlaumeier, die Dinge und Produkte beurteilen, an deren Zustandekommen sie keinen Anteil haben. Aber das liegt halt nun mal in der Natur der “rezensiven” Sache, der diese Menschen anhängen. Es sind notorische, mehr oder weniger professionell agierende Nörgler mit einem etwas umfangreicheren Wortschatz als der Durchschnitt. Und ihr Vokabular besteht dann natürlich zu einem Drittel aus Fremdwörtern.

Es gibt sie in den unterschiedlichsten Ausprägungen und in allen Bereichen. Als verhinderte Intendanten benoten sie Theaterstücke, als Schriftgelehrte, die es bis heute nicht verwinden konnten, für ihren zu Papier gebrachten Einkaufszettel nicht den Literaturnobelpreis erhalten zu haben, Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt. Oder es sind Filmexperten, die immer noch auf eine Hauptrolle bei GZSZ warten. Ja, und dann gibt es auch noch die Weinsachverständigen, die „Gourmet-piqueurs“. Als fabulierende Degusteure zählen sie zu den kreativsten und wortgewaltigsten Poeten der zwielichtigen Branche und kennen sich mit entgleisten und schwülstig-unsinnigen Phrasendreschereien am besten aus.  

Dass sich ihr abstruser, im wortakrobatischen “Vino-Sprech” gehaltener Output in der Summe oft nicht nur als sprachliche, sondern auch als fachliche Bankrotterklärung entpuppt, stört sie in ihrer Blasiertheit kaum. Ihre „langen, dichten, beerigen, druckvollen, überraschenden, mineralischen, kompakten, cremigen, fülligen oder schlanken und aggressiven Abgänge“ kann man da nur staunend  zur Kenntnis nehmen. Sie sind stets in optimaler Trinkverfassung, diese Vinologen. Aber von all ihren verbalen Verrenkungen bekommt der gemeine Schoppenpetzer ja schon beim Lesen einen (Muskel-)Kater.

Da ist dann schon mal von einem “oxidativen Wunder önologischer Integrität” die Rede, oder von “cremiger, fleischiger Kraft, die durch eine vollendete, unzweifelhaft meisterliche Viskosität” besticht, deren geiler und schlüpfrig-schlitternder, wahlweise aber auch druckvoller finaler Abgang einfach nicht von dieser Welt sein kann.

Negligé mit saftigem Mundgefühl

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Was für ein Bukett!! Ein Feuerwerk an sanften, zartwürzigen Aromen, unterlegt mit einem Hauch reifer Ananas, sinnlicher Grapefruit und charmanten Kräuterkomponenten. Der passionierte Vinologe weiß, wovon er bricht. Foto: Pixabay

Uff. Da kommt man sich als gemeiner Lambrusco-Prekatarier, der einen Chablis nicht von einer Dose Red Bull unterscheiden kann und Beaujolais für eine französische Zigarettenmarke hält, wie ein Geschmackslegastheniker vor. Und schlägt im ALDI verschämt die Augen nieder, wenn das im handlichen Tetra-Pack abgefüllten “Winzerglück” über das Laufband an der Kasse sprintet. Aber, man gönnt sich ja sonst nix: An Weihnachten gibt’s dann zur Feier des Tages einen leckeren im Barrique ausgebauten AOC-Chardonnay für 1,92 EUR aus dem Regal daneben. Der hat zwar weniger Parker-Points als mein Schwager Punkte in Flensburg, besticht aber dennoch durch ein “feinfruchtiges Bukett und ein saftiges Mundgefühl”. Das behauptet zumindest unsere sachverständige, dem Vino blanco und rosso in unverbrüchlicher Treue zugetane Nachbarin. Auch habe dieser feine Tropfen ein gelungenes, blumiges und ausgewogenes Cuvée, sagt diese Teenager-Spätlese. Was immer das sein mag. Coupé kenne ich ja, VW  und Negligé auch, aber….  Lassen wir uns doch einfach mal überraschen.

Sensorische Orgasmen im Wein-Olymp

Doch Frau Schneider, diese alte Vettel, ist ja nur eine von ihrem prekären Umfeld geduldete und tolerierte Nebenerwerbs-Süffel. Die sich zu den blumigsten und abenteuerlichsten Beurteilungen berufen fühlenden Kenner und Könner der Szene, diese in Degustations-Prosa schaumbadenden Somalier, die von den Franzosen “Sommeliers” genannt werden, haben es wesentlich besser drauf. Sie verteidigen in der literarischen Champions-League in der Disziplin der angewandten Gaumen-Lyrik erfolgreich die Pole-Position. Wir geraten ins Träumen und ins Staunen, fallen in ehrfurchtsvolle Erstarrung, wenn sich diese schwadronierenden Öchsle-Granden keuchend aus der Probierstube ans Tageslicht bemühen, um ihre Erkenntnisse mit sich selbst und uns zu teilen. Die interessierte Öffentlichkeit soll schließlich an den sensorischen Orgasmen und Spasmen dieser Weinstein-Watchers teilhaben. Bacchus und sein griechischer Amtskollege Dionysos köpfen dann im Olymp (oder wo auch immer) vor lauter Begeisterung eine Pulle „Brunello di Montalcino“ nach der anderen, um sich anschließend noch an einer Buddel „Malagousia PGI“ gütlich zu tun. Der trockene „Cabernet Sauvignon“ von Ktima Vourvoukeli war leider schon alle. Damit hatten sich zuvor bereits Apollo, Mars und Aphrodite die Lichter ausgeschossen.

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Ich bin nie richtig dahinter gekommen, wie die Jungs es fertigbringen, aus dem vom Korkenknall ausgehenden Schwingungen auf die Herkunft des Flascheninhaltes zu schließen und diese dann geografisch bis auf 30 Quadratzentimeter einzugrenzen. Der Plopp verrät den Kennern auch die schulische Vorbildung des Winzers. Foto: Pixabay

In den kenntnisreichen Beurteilungen dieser „Experts en vin“ hagelt es dann blumige Vergleiche und schwülstige Wortkreationen, oft mit dem einzigen Ziel, aus einem vielleicht einfach nur leckeren Wein einen anbetungswürdiges Göttertrunk zu zaubern. Vielleicht als Dankeschön für den aus 12 Flaschen bestehenden und frei Haus gelieferten Gratis-Probier-Pack. Dessen Inhalt zu würdigen, gelingt erfahrenen Schnutentunkern  in einer Trink- Rauch- und Verschnaufpause zwischen Früh- und Dämmerschoppen mit links. Sie tun das mit einer Begeisterung, die man nur bei Weinfreunden findet. Zumindest habe ich noch keinen von einem Kamillenblütensud beflügelten Teetrinker getroffen, der sich anschließend über dessen “feinwürzige Noten, die an Stützstrümpfe und nasses Hundefell bei Sonnenaufgang erinnern” ausgelassen hat.

Raketentreibstoff aus dem Châteauneuf-du-Pape

Mitunter drängt sich der Eindruck auf, es handele sich bei den von ihnen besprochenen Flüssigkeiten um Raketentreibstoff aus dem Châteauneuf-du-Pape. Mir persönlich würden als Orientierungshilfe ja auch schon Adjektive wie “staubtrocken”, “halbtrocken”, “lieblich”, “würzig” oder “süffig” genügen. Entweder die Plörre schmeckt, oder sie schmeckt nicht. Doch das wäre önologisches Sonder- und Baumschul-Niveau. Etwas detaillierter und blumiger darf und muss es schon sein. Aber was ist Wein denn überhaupt, um ein solches Trara darum zu machen? Nichts anderes als vergorener Traubenmost mit Alkohol. Und was ist Alkohol? Eine Ausscheidung der Hefe. Letztlich reden wir hier also über verschimmelten Traubensaft, in den ein Pilz hineingepinkelt hat.

Ich bin nie richtig dahinter gekommen, wie die Jungs es fertigbringen, aus dem vom Korkenknall ausgehenden Schwingungen auf die Herkunft des Flascheninhaltes zu schließen und diese dann geografisch bis auf 30 Quadratzentimeter einzugrenzen. Der Plopp verrät den Kennern auch die schulische Vorbildung des Winzers und die Haarfarbe seiner Frau Gemahlin. Der Farbintensität und Transparenz des Stöffchens entnehmen sie, dass der lokale Rieslingfürst früher Neurodermitis hatte und seine mittlere Tochter wegen einer chronischen Mehltau-Allergie monatelang dem Schulunterricht ferngeblieben ist und deshalb die achte Grundschulklasse zweimal wiederholen musste.

Mineralische Aromen aus dem Dahlsheimer Sauloch

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Eine ziemlich verkorkste Wissenschaft, der sich die „Experts en vin“ da verschrieben haben. Sie gehen den Dingen auf den Grund (des Glases) und wissen: In vino veritas! Das hatte aber auch shcon Harald Juhnke herausgefunden. Foto: Pixabay

Wow! Ist schon beeindruckend! Man sieht, die Welt zwischen Dahlsheimer Sauloch, Kröver Nacktarsch und Oppenheimer Krötenbrunnen steckt voller unergründlicher Geheimnisse. Deshalb begegnen wir denen, die sie zu deuten wissen, auch mit solchem Respekt, ziehen die Maischehüte und verbeugen uns in Demut. Wir, deren Weinverstand sich darauf beschränkt, zu wissen, dass im Keller noch ein angebrochener Karton Valpolicella steht, der von der letzten Weihnachtsfeier übrig gebliebenen ist. War damals übrigens ein Sonderangebot.

Das Korkenknall-Orakel war aber nur eine Aufwärmübung. Danach legt der Rispen-Spacko erst richtig los. Der Gewürztraminer aus Franken hätte eine nachhaltige, süßlich-schmelzige Frucht mit vegetabilen und immer intensiver werdenden mineralischen Aromen. Ah ja. Gut zu wissen. Dem verkorksten badischen Silvaner attestiert der Reben-Guru immerhin noch einen recht tiefen, herb-mineralischen, wenn auch ein klein wenig tabakigen Hauch nach Pfirsich und angetrockneten, pflanzlichen Zitrusfrüchten. Unbeantwortet lässt der begnadete Dummschwätzer und  Süffellist die Zwischenfrage nach dem Gegenteil von pflanzlichem Limonen-Obst. Gibt es das Zeug auch in tierischer Ausführung? Egal: So eine sensible Nase möchte ich haben!

Statt Wein zu saufen sollte der Kerl aber lieber bellen und als Rauschgiftspürhund bei der Zollfahndung anheuern: “In der Nase kommt mir das Bild einer schlafenden Katze, sanft und kuschelweich, zum Schnurren ebenso bereit wie zum Krallenausfahren und Fauchen”. OK. Das müssen Entzugserscheinungen sein, nachdem es kein Whiskas mehr zum Frühstück gibt. Und dass ein Bild in der Nase auftaucht, dürfte auch eine völlig neue Erfahrung für den perplexen Tester gewesen sein.

Weinverkostung im Landgestüt

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“In kolossale Schwärze gehüllt, entfaltet der dominant dunkelbeerige, überragend floral-aromatische Pauillac ein Bouquet von atemberaubender sensorischer Schönheit, in dem die reichhaltigen Fruchtnuancen perfekt eingebunden sind“. Alles klar?

In welchen Gefilden der Bursche mit seinem empfindsamen Riechkolben sonst noch unterwegs ist, lässt sich am Beispiel eines an anderer Stelle von ihm gewürdigten „Bordeaux Grand Puy Lacoste“ erahnen. Der, befand der Mann, “dufte nach scharf gerittenem Damensattel” und erinnere mit seinem markant-würzigen Odeur ein klein wenig auch an geteerte Eisenbahnschwellen. Weia!  Mir fehlen da irgendwie die olfaktorischen Vergleichsparameter. Muss ich mal im Landgestüt nachfragen, ob die so einen ausdünstenden Tussi-Sattel vorrätig haben und mich mal daran schnuppern lassen. Als Vergleich hätte es durchaus auch ein ausgespülter Wirtshausaschenbecher getan. Die Dinger haben die in meiner Raucher-Stammkneipe en masse.

Im Rennen um die kuriosesten önologischen Assoziativ-Schwafeleien liegt auch dieser Vertreter ziemlich weit vorne: „Der Tropfen hat einen fruchtigen Geschmack mit einem leichten retronasalen Touch, der an frische Mandeln und wilde Zitronen aus der Karibik erinnert“. Ja, da sind sie wieder, diese Zitronen. Wie die in der Karibik müffeln, weiß der Mann von seinem letzten Dom-Rep-Urlaub her, bei dem er aber deutlich zu viel Sonne abbekommen haben muss.

Florales Feuerwerk mit glockenklarer Struktur

Mit Aromen und Früchten haben es auch seine Kollegen: „Welch feiner, eleganter, animierender floraler Duft! Ein Feuerwerk an sanften, zartwürzigen Aromen, unterlegt mit einem Hauch reifer Ananas, sinnlicher Grapefruit und leicht kräutrigen Komponenten.“ OK, das lassen wir gerade noch durchgehen. Aber dann: „Im Hintergrund faszinierende mineralische Anklänge. Am Gaumen eine betörende zartsüße Frucht mit einer verspielten Würze und einer harmonischen Säure. Eine geniale Balance, traumhaft dicht, doch schwerelos und glockenklar in der Struktur, dazu herrlich saftig und ein beschwingter, verspielter mineralischer Abgang.” Und Abgang! Wie viel von dem Zeugs muss man eigentlich intus haben, um auf so etwas zu kommen?

Geschätzte drei Promille kreisten diesem Koster durch die Blutbahn, als er folgendes in die Tastatur kippte: „Der Wein zeigt gletscherfrischen Schmelz, seine Säure kriecht kreiselnd über die Zunge in das ewig Dunkel des Rachens hinab”. Da wünscht man sich doch, dass sich wenigstens in Höhe der bereits operativ entfernten Mandeln der Bewegungsmelder aktiviert und ein kleines LED-Licht das ewige Dunkel erhellt! Aber in chronischer mentaler Umnachtung schlürft sich auch dieser von der Reblaus geküsste Kellergeist durch die Bestände: “Mit erhabenem Druck, im Stil aristokratischer Beiläufigkeit, mit dem Wissen um das richtige Maß, gleitet der imposant konzentrierte, dabei aber ästhetisch äußerst wohlproportionierte, in ein Tanningewand von erhabenster Finesse, quasi von der ersten Adresse der Gerbstoff-Haute-Couture gefasste Rebensaft den Gaumen aus und gewinnt alle Aufmerksamkeit fast beiläufig im Sinne magnetischer Magie.” Ich sag’s ja: Keine Macht den Drogen!!

Helene Fischer und die Initiationsriten auf den Fidschi-Inseln

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Wein, Weib(er) und Gesang. Notfalls geht es auch ohne die beiden letzteren. In der Kunst begegnet man den Jüngern von Bacchus und Dionysos auf Schritt und (Ab-)Tritt. Foto: Pixabay

Dieses Gewand aus Tannin sucht man in den einschlägigen Modemagazinen übrigens vergebens. Mag sein, dass es sich dabei aber auch nur um so einen dieser quietschbunten folkloristischen Fummel handelt, in dem die testosteron-geschwängerten Halbgaren bei Initiations-Riten auf den Fidschi-Inseln oder im Kongo-Delta zu den Klängen von Helene Fischers „Einmal berührt – Für immer verführt“ die als Fruchtbarkeitsgöttin verkleidete Schwiegermutter des Häuptlings pimpern. Aber falsche Spur. Unser Bofrost-Mann wusste es natürlich wieder einmal besser. Tannin, behauptet dieser klugscheißerische mobile Eisprinz, sei der wichtigste Bestandteil des Rotweins, weil es diesem in der (von Ausnahmen bestätigten) Regel ein leicht bitter-herbes Geschmackselement hinzufüge. Wieder was gelernt. Natürlich erscheint dann auch der folgende Satz in einem verständlicheren Kontext: „Das feine, gefällige Tannin ist von bester Struktur. Sehr elegant, finesse-betont, burgundisch und leicht zu goutieren….” Und dann eine choreografische Tsunami-Warnung: “Ein Tango von Früchten und Tanninen bebt im Gaumen – verschmolzen und zugleich wehmütig”.

Eins ist mal sicher: Wer bei der Weinprobe “frisches Fruchtspiel mit spritzigem Finish” fehler- und unfallfrei daher sagen kann, ist definitiv zu nüchtern, um schon nach Hause zu gehen. Aber damit hat Dr. Gerald Gutedel, Dozent des Institutes für abstrakte Önologie in Bad Salzuflen, sein Pulver noch längst nicht verschossen. Im Gegenteil. Der Referent lädt nach und durch: „Ein perfekt ausbalanciertes Süße-Säure Maß, im Bukett verschwiegen, aber im Geschmack mit viel Stoff und Fülle wie eine Spätlese“. Dürfen wir noch einmal nachschenken? „Das Bukett duftend nach grünem Apfel und frisch gemähtem Gras. Sein erregend schlanker Körper ist nervig und pikant zugleich, konzentriert, dicht, engmaschig und muskulös. Er hat mineralische Dichte, hebt gut am Gaumen ab und endet mit einer pointierten La(n)dung. Wohl dem, der ihn trifft und ihm dankbar erliegt“. Das knallt echt voll rein. Der Typ scheint schwul zu sein und lallt Loblieder auf seinen Hengst. Da schießen die atomaren Bukett-Partikel in den Neocortex wie der Heilige Weingeist zu Geschmackspfingsten.

Harald Juhnke und die kolossale Schwärze von Ratiopharm

Ich habe diesen Satz mit dem frisch gemähten Apfelweiden-Büffett auf dem mineralisch dichten Gaumenkörper auswendig gelernt und, nach meinen Eindrücken befragt, im Anschluss an die letzte von der Freiwilligen Ortsfeuerwehr in der großen Fahrzeughalle veranstalteten Weinprobe frei sprechend aus dem Gedächtnis rezitiert. War ein voller Erfolg. Seitdem habe ich auch eine weiße Jacke mit langen Ärmeln, die von muskulösen Pflegern auf dem Rücken zugebunden wird…

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Der ist an allem schuld: Bacchus, der römische Weingott. Michelangelo hat ihn fotografiert. Sein lallender griechischen Amtsbruder Dionysos ist sauer, weil ihm Apollo, Mars und Aphrodite im Olymp den „Cabernet Sauvignon“ von Ktima Vourvoukeli wegesoffen haben. Foto: Pixabay

Dabei ist diese Bewertung eines hoch gefährlicher Stoffs, den zu überprüfen man bei der Ratifizierung des Kriegswaffenkontrollgesetzes wohl verpennt hat,  doch noch harmlos und von jedem drittklassigen Fuselisten locker zu toppen. Vielleicht dergestalt: “In kolossale Schwärze gehüllt, entfaltet der dominant dunkelbeerige, überragend floral-aromatische Pauillac ein Bouquet von atemberaubender sensorischer Schönheit, in dem die reichhaltigen Fruchtnuancen perfekt eingebunden sind in einem Ensemble aus mineralischem Grundton, feiner Kräuterwürze und verblüffender Erdigkeit“. Dagegen hilft, wie mir der Druide meines Vertrauens auf Nachfrage bestätigte, auch nix von Ratiopharm. Aber wie sagte schon Harald Juhnke, Gott hab‘ ihn selig, immer: „In vino veritas“!

Von der rhythmischen Euphonie eines Schwergewichtlers

Und hier wäre selbst eine Total-OP Perlwein vor die Säue geworfen: “Mit der Reinheit eines Gebirgsbachs setzt die tief gegründete Cabernet-Frucht Médoc-Maßstäbe. Der Gaumenauftritt erinnert in seiner Stilsicherheit an die ikonenhafte Grace Kelly. In einem großen Spannungsbogen von hoher innerer Vibranz, der seine Grundschwingung aus der schier unglaublichen Komplexität des in Süße kulminierenden Extrakts erfährt und der seinen Rhythmus aus der Euphonie der Taktgeber zieht, gleitet dieser vor Frische strotzende, eminent elegante und Geduld fordernde Schwergewichtler in ein Finale von epischer Länge, von dem der Verkoster noch immer schwärmt.” Das ist echte Erlebnisgastronomie!

Zungenspiele in langschwänzigen Kehlen

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Da blickt Otto-Normal-Süffler gar nicht mehr durch. Aber dafür haben wir unsere fabulierenden Vinologen und Degusteure. Sie sagen uns ordinären Schoppenpetzern schon, was schmeckt und was nicht. Foto: Pixabay

Aber auch den folgenden Stoff muss ich mir unbedingt mal reinziehen: “Ein sehr aparter Auslesewein mit feingereiftem Kernerbukett“. OK. Da komme ich gerade noch so mit. Aber dann: „Er rollt mächtig über die Zunge, kitzelt langschwänzig die Kehle und erzeugt ein sehr angenehm labendes Empfinden“. Und weiter: Das, also das Empfinden, verlange mehrfach kurzfristig nach Wiederholung, weil: „Eine Flasche allein zu leeren ist üblich bei seiner Leichtigkeit von nur 8,5 % Vol., bei noch mehr erhöht er lustvoll die Zweisamkeit”. Wahnsinn! Und dafür braucht man noch nicht mal ein ärztliches Rezept für die dreieckigen Blauen. Vermutlich war der Süffler nach dieser zweiten Flasche so zu gedröhnt, dass er versucht hat, seinen 1200 Watt starken Miele S 8340 EcoLine Bodenstaubsauger zu vernaschen. Von wegen Zweisamkeit….

Bei folgender Passage bin ich mir nicht ganz sicher, ob da nicht der Biograf von Helmut Kohl seine Griffel mit im Spiel hatte: “Trotz seiner nur 8 % Vol. überzeugt dieser unpolitische Kanzler durch seine  imponierende Körpergröße, seine die Wangentaschen auspolsternde Art und seine Edelbeerigkeit. Durch die ihm stets eigene großen Fruchtsüße ist er geprägt von stattlichem Format, lässt Probleme unter Partnern dahin schmelzen, gipfelnd im überraschenden, vom Liebenstrank verzauberten  Gute-Nacht-Kuss“. Anders formuliert: Der Mann hat sich seinen Hausdrachen einfach nur schön getrunken und dann einen Elch geknutscht.

Das ist ganz großes Kino! Aber mit einem Kasten Bitburger oder einem Schächtelchen Jever ist man vermutlich auf der sichereren Seite. Nastrovje!

 

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