Rotorman's Blog

Stanke im Wohnzimmer: Klangvolles
zwischen Beistelltisch, Sofa und Eckkommode

| Keine Kommentare


Das Publikum war überschaubar: Patrick Stanke (vordere Reihe Mitte) nach getaner Arbeit. Mit einem kleinen intimen Wohnzimmer-Konzert beeindruckte der Musical-Künstler seine Fans in Greve. Apothekerin Judith Löchter (rechts neben ihm) hatten das außergewöhnliche Gastspiel bei einer Auktion ersteigert. Foto: Iris Hamann

Von Jürgen Heimann

Reckenfeld? Nie gehört!  Ist aber, das gilt als ziemlich sicher, mit Stenkelfeld, wo die Leute immer so nachhaltig Weihnachten und Silvester feiern, weder verwandt noch verschwägert. Es handelt sich um einen Ortsteil von Greven im Kreis Steinfurt/Nordrhein-Westfalen. 8.360 Einwohner. Das haben Shiri und Cortana unabhängig voneinander herausgefunden. Und einen Pillenshop gibt’s da auch, die Hubertusapotheke. Die Pharmazeutin, Judith Löchter, besitzt ein ziemlich großes Wohnzimmer. Nicht ganz so groß wie ein Squash-Court, aber auch nicht viel kleiner. Ja, und dort haben sich außergewöhnliche Dinge abgespielt.  

Patrick Stanke,  aktuell einer der gefragtesten Musical-Künstler in Deutschland, hat schon vor größerem Publikum gespielt. Aber selten hat ihm eine Show so viel Spaß gemacht. Was auf Gegenseitigkeit beruhte. Gerade mal 30 Augenpaare blickten dem Wuppertaler gespannt entgegen, als dieser zwischen Beistelltisch, Sofa und Eckkommode seine Klampfe auspackte. Es konnte ab- und losgehen. Die Operation “Rent a Pat” war angelaufen. Aber streng genommen lief das Ganze ja nicht auf Mietbasis, sondern war das Ergebnis einer Auktion. Der Wuppertaler hatte sich selbst versteigert. Zum Ersten, zu Zweiten, zum Dritten! Wer bietet mehr?  Es war Frau Löchter – with a little help from her (bis dato völlig unbekannten) friends.

Ansingen gegen die Vermüllung der Ozeane

Man sollte diese Art der Event-Akquise vielleicht etwas erklären und hinterfragen. Der stimmstarke  Allrounder, der im Sommer dieses Jahres als Häftlings-Nummer 24601 in der Tecklenburger Freilicht-Inszenierung von “Les Misérables” seinen bis dato größten Erfolg gefeiert hatte und aktuell als angehender Medicus in München das Skalpell schwingt, hat neben seinen diversen Bühnenverpflichtungen noch zahlreiche andere Baustellen und Präferenzen. Soziales Engagement und Umweltverantwortung gehören dazu. Gerade auf letzterem Sektor hat sich inzwischen ein höchst spannendes und vielversprechendes Pilotprojekt herausgebildet: “Pacific Garbage Screening”.

Am besten mal googlen oder bingen, was man sich genau darunter vorzustellen hat. Verkürzt dargestellt: Es handelt sich um neue revolutionäre Methode, die zugemüllten Ozeane mittels einer großen schwimmenden High-Tech-Plattform vom erstickenden Plastikdreck zu befreien. Ein großer interdisziplinärer Stab von Freiwilligen – Forscher, Wissenschaftler, Studenten, Ingenieure und Techniker – arbeitet daran, die Grundlagen für den Bau der mobilen Anlage zu schaffen. Das verschlingt gewaltige Summen. Stanke wollte einen kleinen, bescheidenen Obolus zur Realisierung des ambitionierten Projekts beisteuern. Und versteigerte ein kleines privates Wohnzimmer-Wunschkonzert. Beim Höchstbietenden, so die Drohung, würde er daheim eine Stunde lang vorsingen und die Anreisekosten aus eigener Tasche bestreiten. Sofern das Catering stimme. Dahingehend waren seine Wünsche aber eher bescheiden: Eine Flasche Bier und eine Bratwurst.

Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten….

Auf der Sechssaitigen im Schweinsgalopp durch die Welt des Musicals: Patrick Stanke live in Reckenfeld. Foto: Privat

Dass es letztendlich ein mehr als zweistündiger Auftritt werden würde, war der gelösten  Atmosphäre in der guten Stube der Gastgeberin geschuldet. Als sie seinerzeit beobachtet hatte, dass besagte Versteigerung aus dem Ruder laufen und ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen würde, hatte sie eine WhatsApp-Gruppe gegründet, um sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Die fanden hier aus vielen Teilen der Republik zueinander – und trieben den Preis gemeinsam auf 2.500 Euro hoch. Bingo! 2.000 Euermänner hätten aber schon gereicht. Der Überschuss geht übrigens an die Organisation “Kindertal” in Wuppertal, die der Sänger ebenfalls unterstützt.

Zwischen Lady Gaga und Sweeney Todd

Und dann ging es auf der Sechssaitigen und der Klaviatur eines zufällig in der Wohnstubb’ herumstehenden Klaviers im Schweinsgalopp durch die klangvolle Welt des Musicals. Unplugged. Alles handgemacht. Zwischendurch schauten zwar auch schon mal Steven Tyler von Aerosmith, Lady Gaga, Peter Gabriel und der stets etwas überschätzte Ed Sheeran durchs virtuelle Fenster herein, aber im Wesentlichen war es eine spritzig-witzige One-Man-Hommage an das Musiktheater und die vielen unsterblichen Melodien, die es hervorgebracht hat.

Der gut aufgelegte Gast konnte dahingehend aus dem Vollen schöpfen. In vielen Produktionen hat er selbst die Hauptrolle gespielt, Klangperlen aus anderen Inszenierungen, bekannte und weniger bekannte, stehen regelmäßig auf der Set-List seiner “normalen” Konzerte. Da gaben sich Martin Guerre, Sweeney Todd, Jekyll & Hyde, der Medicus und Artus die Klinke und das Mikro in die Hand, während der Lion-King und der Nazarener auch kurz “guten Tag” sagten. Natürlich, Jean Valjean war auch da. Und im Vorgriff auf das neue “Bat out of Hell”-Musical in Oberhausen noch einen schönen Gruß von Meat Loaf: “What part of my body hurts the most”.

Print Friendly

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.