Rotorman's Blog

Wer spinnt hier eigentlich? Achtbeiner,
die Ekel, Angst und Schrecken verbreiten

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Keine Panik-2

Die Angst vor Spinnen ist weit verbreitet – und nimmt mitunter krankhafte Züge an.

Von Jürgen Heimann

Wenn das nicht auch dem letzten für arachnophobische Anwandlungen empfänglichen Zeitgenossen den Angstschweiß auf die Stirn und die Panik ins Gesicht treibt, was dann? Die gefährlichen Hauswinkelspinnen sind (wieder) auf dem Vormarsch und erobern die Wohnstuben. Bis zu zehn Zentimeter groß können diese Monster werden. Ein Albtraum auf acht schnellen Beinen. Giftig, bissig und aggressiv seien sie obendrein. Heißt es zumindest. Das nicht nur in Boulevard-Magazinen, sondern auch schon mal in als seriös geltenden Medien. Entsprechende Schlagzeilen geistern in diesen Tagen wieder durch den gedruckten und elektronischen Blätterwald der Republik. Selbst SPIEGEL und STERN reihen sich da in den Chor der zur Vorsicht Mahnenden ein. Rette sich wer kann! Was ist dran an diesen Klicks und Aufmerksamkeit generierenden Horrormeldungen? Fast nix!  

Giftig und bissig im Sinne des Wortes sind nahezu alle der mehr als 46.000 weltweit vorkommenden Spinnenarten. Sie benötigen die toxischen Bordmittel zum Betäuben ihrer Beute. Der Mensch ist da eine Nummer zu groß und entspricht nicht der strategischen Ausrichtung der Futterbeschaffung. Dafür ist er wohl auch eine Nummer zu groß. Und wenn der Homo sapiens dahingehend dann doch mal attackiert wird, merkt er es zumeist gar nicht. Die Kauwerkzeuge der Spinnen sind in der Regel viel zu schwach, um die menschliche Haut zu durchdringen. Die der inkriminierten Keller- oder Winkel-Thekla schaffen das gerade so. Was sich dann wie ein kleiner Nadelstich anfühlt und nicht besonders schmerzhaft ist. Nachwirkungen: Keine!

Die Dämonisierung der Kellerspinne

Weibchen Hauswinkelspinne

Ein weibliches Exemplar der berüchtigten Hauswinkelspinne. Einzelne Exemplare dieser auch als Kellerspinne bezeichneten Spezies können bis zu 11,5 Zentimeter groß werden. Foto: Dennis Schubert, CC-BY-SA 4.0

„Selbst Spinnenkenner brauchen viel Geduld und Geschick, um eine Hauswinkelspinne zum Angriff bzw. zur Selbstverteidigung zu bewegen“, sagt Anke Beisswänger vom Naturschutzbund Baden-Württemberg (NABU). Und es ist ja nicht so, dass die hinterlistigen Biester nur darauf lauern, sich aus exponierter Angriffsposition heraus auf ihre ahnungslosen menschlichen Opfer zu stürzen. Sie bevorzugen, wenn es draußen zunehmend kälter und ungemütlicher für sie wird, zum Aufenthalt dunkle, ruhige Ecken, Keller und Schuppen. Dass sie nicht die bösartigen Killer sind, als die sie oft hingestellt werden, zeigt dieses Video:

Nützliche Eindringlinge nicht einfach platt machen

Am liebsten wollen diese Tiere in Ruhe gelassen werden. Ein Wunsch, der jedoch keineswegs immer in Erfüllung geht. Aber wenn sich der Hausherr schon zu einem Feldverweis entschließt, dann dem ungebetenen Gast ein Glas überstülpen, vorsichtig ein Blatt Papier unterschieben, festsetzen und ihn ins Freie entlassen. Einfach platt machen oder mit dem Staubsauger aufschlanzen ist nicht unbedingt die feine englische Art. Davon abgesehen ernähren sich diese Spinnen auch von Lebewesen, die wir gerne als Ungeziefer bzw. Schädlinge bezeichnen: Mücken, Fliegen, Milben, Schaben. Sie sind insofern nützlich. Das gilt natürlich auch für die ebenfalls beißfähigen Exemplare mit dem charakteristischen Kreuz auf dem Buckel. Oder die aus der Mittelmeerregion eingewanderte bis zu 6 Zentimeter große, fette Kräuseljagdspinne, die sich, auch eine Folge des Klimawandels, ins Österreich und im Süden Deutschlands ausbreitet.  Beide können ebenfalls zulangen. Tun es auch, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen. Das Resultat ist das gleiche.

Kleine Kreaturen und große Ängste

Wäschespinne

Völlig ungefährlich: eine Wäschespinne (links). Sind ist in Deutschland weit verbreitet. Foto: Juwel

Das neueste (virale) Grusel-Insekt, das derzeit durch die Zeitungen und die sozialen Netzwerke geistert, ist der sogenannte “Tentakelfalter”. Zählt zu den Motten und ist eigentlich in Australien und Südostasien heimisch. Einzelne Exemplare haben vermutlich über importierte Obstkisten oder die Kleidung in Urlaubskoffern ihren Weg zu uns gefunden. Die Jungs sehen aus wie ein Schmetterling mit Geweih. Die vier großen vermeintlichen Tentakel am Hinterleib sind jedoch keine Fangarme, sondern Duftdrüsen, mittels derer die Männchen die Ladies anlocken. Falls diese den Avancen erliegen, ist das ihr Problem. Ansonsten gibt sich das Vieh, das durchaus auch dem Horrorschocker “Moth” entsprungen sein könnte, aber völlig friedfertig und ist für den Menschen absolut harmlos.

Ist die Furcht vor Spinnen angeboren?

Die irrationale Angst, die viele Menschen vor diesen und anderen mehr oder weniger kleinen Kreaturen hegen, die obendrein durch einschlägige Headlines angeheizt wird und von der ein ganzes Horrorfilm-Genre nicht schlecht lebt, kann auch in einer krankhaften Angststörung ihren Niederschlag finden: einer Phobie. Die Wissenschaft unterscheidet rund 600 verschiedene davon. Sie können anerzogen oder durch ein traumatisches Schlüsselerlebnis hervorgerufen sein. Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Uppsala University wollen hingegen herausgefunden haben, dass Spinnenangst angeboren ist und wohl einen evolutionären Ursprung hat. Was auch für den Ekel vor Schlangen gelte. Die Wissenschaftler hatten Babys im Alter von sechs Monaten untersucht. In diesem Alter hatten die Kleinkinder noch kaum Gelegenheit, Ekel- und Angstgefühle gegenüber Spinnen und Schlangen zu erlernen. Aber sie zeigten eindeutige Stressreaktionen, als man ihnen Bilder davon vorlegte. Bei Fotos von Blumen oder Fischen beispielsweise blieben diese Reaktionen aus.

Zahnärzte und Sommer-Schlussverkäufe

Wie sem auch sei:  Im Phobien-Circus gibt es die  abenteuerlichsten Ticks. Wie beispielsweise die „Bargainophobie“, die panische Angst vor Aus-, Sommer- und Winterschlussverkäufen. Oder die „Catoptrophobie“, die Scheu vor Spiegeln bzw. davor, in solche zu blicken. Was bei einigen Menschen durchaus nachvollziehbar ist. Und eine „Dentophobie“ erscheint mir so schräg und abgedreht ja nun auch wieder nicht. Das ist die panische Angst vor Zahnärzten. Im aktuellen Fall reden wird von einer „Arachnophobie“. Kommt von „Arachne“, dem altgriechischen Begriff für Spinne. Auch diese Störung beschäftigt und ernährt einen ganzen Forschungszweig, ist aber, wie andere auch, ebenfalls therapierbar. Was bei der Verfasserin folgenden Zeilen aber aussichtslos erscheint: „Vorhin ist eine Spinne aus dem Staubsauger gekrabbelt. Ich wohne jetzt im Hotel. In einer anderen Stadt. Unter einem anderen Namen.”

Übrigens: Den Duft von Lavendel mögen Vertreter dieser Spezies überhaupt nicht. Auch Duftkerzen und Aromaöle stehen bei ihnen auf dem Index. Diese Mittelchen sollen helfen, um die Wohnung weitestgehend spinnenfrei zu halten.

Nur zwei potentiell gefährliche Spinnenarten in Deutschland

Ammen-Dornfinger

Der kleine Ammen-Dornfinger, häufig auch einfach „Dornfinger“ genannt, ist der „giftigste“ seiner in Deutschland vorkommenden Art. Sein Biss ist schmerzhaft wie ein Wespenstich und kann in seltenen Fällen Fieber, Erbrechen und Schüttelfrost auslösen. Allerdings kommt man mit dem nachtaktiven Wiesenbewohner nur ganz selten in Berührung. Foto: Rainer Altenkamp, CC BY-SA 3.0

Als potentiell “gefährlich” gelten in Deutschland nur zwei Spinnenarten, wobei das Adjektiv “gefährlich” wiederum relativ ist. Da gibt es die Wasserspinne und den scheuen „Ammen-Dornfinger“. Wenn letzterer zuschlägt, ähneln Schmerz und Wirkung allerdings einem Wespenstich. Die betroffenen Stellen können anschwellen. In Ausnahmefällen sollen sogar Fieber, Kreislaufversagen, Schwindel, Schüttelfrost oder Erbrechen auftreten können. Nach spätestens 2-3 Tagen sind alle Symptome aber wieder abgeklungen. Um in den Genuss solcher zu kommen, muss man dem “Aggressor”, der gerade mal 1,5 Zentimeter groß wird, aber erst mal begegnen. Die Viecher leben  bevorzugt in hohem Gras, sind scheu und zudem nachtaktiv. Die wenigsten Zeitgenossen dürften aber zu nachtschlafender Zeit barfuß durch diverse Wiesen latschen.

Wasserspinne Männchen

Wasserspinnen können auch kräftig zubeißen, halten sich aber, nomen est omen, Zeit ihres Lebens im und unter Wasser auf, vorwiegend in moorigen und anmoorigen Bereichen. Die Wahrscheinlichkeit, einem solchen Exemplar zu begegnen, ist ziemlich gering. Foto: Norbert Schuller/CC BY-SA 3.0.

Die Wahrscheinlichkeit, einer Wasserspinne zu begegnen, ist ebenfalls ziemlich gering. Die auf der roten Liste stark gefährdeter Arten stehenden Krabbeltiere halten sich, nomen est omen, Zeit ihres Lebens im Wasser auf, vorzugsweise in moorigen und anmoorigen Bereichen. Auch dort pflegt der Mensch ja eher seltener einzutauchen.

Abhängen und gucken, was im Netz los ist

Eigentlich haben die kleinen Spidermänner und -frauen mit vielen unserer Zeitgenossen einiges gemein: Sie hängen den ganzen Tag ab, gucken, was im Netz los ist und spinnen rum. Man muss die Achtbeiner jetzt nicht unbedingt und generell mögen oder schön finden. Aber sie sind auch nicht die Ungeheuer, als die sie oft hingestellt werden. Die in Deutschland vorkommenden Vertreter der Arachnida-Fraktion sind sowieso jenseits von Gut und Böse. Über selbige wird trotzdem viel Unfug verbreitet. Sie sehen in dem Menschen eher eine Gefahr und meiden den Kontakt. Da gibt es schon wesentlich unangenehmere Individuen, allerdings weniger bei uns in Mitteleuropa. Eher schon in den Tropen und mit Abstrichen auch im mediterranen Raum. Und es ist keineswegs die Körpergröße, an der sich das Gefahrenpotential festmachen lässt. Die kapitalen Brocken kann man dahingehend eher vernachlässigen. Nur bestimmte Arten der größeren in den Tropen und Subtropen beheimateten Kammspinne gelten da als Ausnahme von der Regel.

Klein und gemein: Bunte Verwandte der Schwarzen Witwe

Tarantel-Mamignatte

Die der Familie der Wolfsspinnen zugerechneten Taranteln (links) sind im mittleren und südlichen Italien weit verbreitet, aber weniger gefährlich als ihr Ruf. Ganz anders sieht das bei der kleinen und nur 1 cm großen Mamignatte (rechts) aus. Die Verwandte der Schwarzen Witwe kommt in Süd- und in Südosteuropa vor. Ihr Biss kann mitunter zum Tode führen. Fotos: wissen.de/ Wikimedia Commons

Im Wesentlichen darf jedoch bei bestimmten Arten gelten: Je kleiner, desto gemeiner. Bestimmte Winzlinge sind es, vor denen man sich in Acht nehmen muss. So vor der zurückgezogen lebenden Mamignatte, einer nur 10 Millimeter großen Verwandten der Schwarzen Witwe, die an den in drei Längsreihen angeordneten hell umrandeten roten Flecken auf dem Hinterleib zu erkennen ist. Sie kommt in Süd- und in Südosteuropa, im Nahen Osten und in Nordafrika vor. Das von diesen Winzlingen injizierte Nervengift kann beim Menschen zum Tod führen. Statistisch gesehen ist das bei vier bis fünf unter tausend Fällen so. An den Stichen von Skorpionen hingegen, die ja auch zur Spinnenfamilie zählen, sterben jährlich weltweit zwischen 1.000 und 1.500 Opfer.

Vogelspinnen und Taranteln sind harmloser als ihr Ruf

Vogelspinne

Ein behaarter Albtraum auf acht Beinen: Doch die Angst vor den kapitalen Vogelspinnen ist unbegründet. Diese Theklas sehen gefährlicher aus als sie sind und verfügen nur über kleine Giftdrüsen. Wenn sie denn mal zubeißen, ist das nicht schlimmer als der Stich einer Wespe. Foto: Pixabay

Vogelspinnen hingegen, die es schon mal auf zwölf Zentimeter Länge und eine Spannweite von 28 cm bringen können, sind eher harmlos und verfügen nur über kleine Giftdrüsen. Wenn sie denn mal zubeißen, ist das nicht schlimmer als der Stich einer Wespe. Gilt auch für die im Mittelmeerraum weit verbreiteten Taranteln (Wolfsspinnen). Denen verdanken wir ja die Redensart „wie von der Tarantel gestochen“. Zeigten Menschen früher Vergiftungssymptome oder litten unter Tanzwut (Veitstanz), schrieb man das irrtümlich dem Biss dieser handtellergroßen Tiere zu. Daraus wiederum resultiert die  Geburt des „Tarantella“, eines süditalienischen Volkstanzes im 6/8-Takt. Der, so der Aberglaube, sollte dabei helfen, die Vergiftungserscheinungen zu mildern. In den angesagten House- und Techno–Tempeln der Moderne ist das Prinzip von Ursache und Wirkung hingegen auf den Kopf gestellt. Die krassen hier zelebrierten Bewegungsabläufe sollen nicht die Symptome bekämpfen, sondern werden durch diverse Substanzen erst hervorgerufen. Und das Gift von Taranteln ist in den seltensten Fällen dafür verantwortlich.

Filme

Spinnen gelten als beliebte Protagonisten in einschlägigen Horrorfilmen. Dort mutieren sie zu blutgierigen Monstern, was Ängste schürt und das Verständnis um die Lebensweise dieser faszinierenden Spezies nicht gerade fördert.

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