Rotorman's Blog

Wo Wingsuiter zur Schule gehen: Die “Birdmen”
trainieren auf dem Westerwald den Vogelflug

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Kein Extraterrestrier: Bei “High Altitude”-Sprüngen sind die Skydiver während Aufstieg und Fall auf eine künstliche Sauerstoffversorgung angewiesen. Da wird die Luft dünn. Sein spezieller Flügelanzug trug den Breitscheider Ralph Grimm nach dem Exit in 9.000 Metern Höhe 16 Kilometer weit und ermöglichte eine Freifallzeit von sieben Minuten. Foto: Skydive Westerwald

Von Jürgen Heimann

Sie schlagen jetzt nicht mit den Flügeln wie ihre meist etwas kleineren Kollegen von der ornithologischen Fakultät, von denen die “Birdmen” ihren Spitznamen ableiten. Ein Federkleid haben sie auch nicht und können in der Regel auch nicht so gut singen. Aber im Großen und Ganzen ähnelt der (Gleit-)Flug dieser exotischen Himmelserscheinungen schon dem eines Vogels. Gebräuchlich ist auch die Bezeichnung “Kittelflieger”, was nicht despektierlich gemeint ist. Bei der Wahl der Garderobe, die es weder bei C&A noch bei H&M von der Stange gibt, verzichten diese Damen und Herren beim Design zu Gunsten von Funktionalität und Aerodynamik auf jedweden modischen Firlefanz. Was ihnen mitunter das Aussehen von Fledermäusen verleiht. Die können ja auch nicht trällern und wirken am Boden etwas unbeholfen. Gehen aber, einmal in der Luft, ab wie die Raketen. Reden wir also mal über das außergewöhnliche Völkchen der “Wingsuiter”.  

Diese Flügelanzugträger bevölkern den internationalen Luftraum seit Ende der 90er Jahre. Auch auf und über der Breitscheider Dropzone sind diese Herr- und Frauschaften inzwischen ein gewohnter Anblick. Schon vor Jahren hatten die hiesigen Skydiver diese Spielart für sich entdeckt. Zahlreiche Preise und Medaillen bei großen nationalen und internationalen Wettbewerben belegen den Erfolg dieser kontinuierlichen Aufbauarbeit. Zuletzt reichte es bei den Deutschen Meisterschaften sogar für eine Silbermedaille in der Acrobatic-Klasse, der Königsdisziplin dieser außergewöhnlichen Sportart. In diesem Jahr findet die DM übrigens in Breitscheid statt und gilt als Qualifikation für die Weltmeisterschaft.

Breitscheid mausert sich zum Zentrum für “Fledermäuse”

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Ralph Grimm (Mitte) leitet die Wingsuit-Schule auf dem Breitscheider Flugplatz. Nebenbei holte der Athlet mit seinen Teamkollegen Jörg Kleine (rechts) und Christian Grempel (links) bei den Deutschen Meisterschaften im vergangenen Jahr die Silbermedaille in der Acrobatic-Klasse. Foto: Skydive Westerwald

Inzwischen ist die “Hub” zu einem Zentrum für Wingsuiter geworden. Springer aus ganz Deutschland lernen hier in einer im vergangenen Jahr eröffneten Schule das kleine Einmaleins dieser  horizontalen und vertikalen Distanzüberbrückung.  Damit gewinnt das von Skydive Westerwald betriebene Sprungzentrum, das im Laufe dieses Jahres ja noch ausgebaut werden soll, weiter an Bedeutung.  Und was an Lehrgangsgebühren nach Abzug der Unkosten übrig bleibt, fließt dem Verein “Herzenswünsche” zu, der schwer kranken Kindern bundesweit lang ersehnte Träume erfüllt.

Der drahtige Mann mit der auffallend möhrenfarbenen  Haarcolorierung, der da gerade in den geräumigen Bauch der Cessna “Caravan” klettert, heißt Ralph Grimm – und kennt sich als Finanz-Manager bei Mitsubishi von Hause aus eher mit Zahlen und Bilanzen aus. Aber der 57-jährige hat noch andere Stärken und Präferenzen. Er ist Instructor und Gründer der am Breitscheider Platz ansässigen Ausbildungsstätte. Sein Handwerk als Coach hat der Athlet beim mehrfachen Wingsuit-Vize-Weltmeister und aktuellen Artistik-Weltcup-Sieger Travis Mickle in Florida gelernt. Mit dem Fallschirmspringen selbst hat Grimm relativ spät begonnen – 2012. Aber Wingsuiten, dem er seit 2014 verfallen ist,  ist ja auch eher Fliegen als Fallen.  Inzwischen gehen weit über 1.400 freiwillige Hopser aus intakten Flugzeugen auf sein persönliches Konto. Die Hälfte davon absolvierte er als “Vogelmensch”.

Spezielle Anzüge ermöglichen das Dreifache an Flugzeit

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Betriebsausflug: Da kommt bei passionierten “Kittelfliegern” Freude auf. Wenn das winterliche Wetter im tristen Mitteleuropa zu schlecht ist, gönnen sie sich schon mal einen Ausflug. Eie Reisegruppe in Anflug auf die Insel Contadora bei Panama. Foto: Skydive Westerwald

Während normale “Skydiver” bei einer Absprunghöhe von 4.000 Metern bei 200 Vertikal-km/h den Kick des freien Falls bis zur Schirmöffnung vielleicht gerade mal eine Minute genießen können, sind die Kollegen der Fledermaus-Fraktion das Dreifache dieser Zeit unterwegs. Sie “plumpsen” zwar nur mit Tempo 50 nach unten,  erreichen aber gleichzeitig eine Horizontalgeschwindigkeit von 150 Sachen. Was einem Gleitwinkel von 1:3 entspricht. Entsprechend lang ist die Flugzeit, entsprechend groß die Distanzen, die dabei zurückgelegt werden können. Somit lassen sich schon richtige Ausflüge unternehmen.

Möglich ist und wird dies durch den besonderen Zuschnitt des Flügelanzugs. Der ist zwischen Armen und Beinen mit Flächen aus Stoff ausgestattet, die, von Luft umströmt, wie Tragflächen wirken.  Wodurch vertikale Geschwindigkeit zum Teil in horizontale Geschwindigkeit umgewandelt wird. In Deutschland muss ein Sportspringer mindestens 200 Absprünge nachweisen können, um für diese Spezial-Variante des Skydivings zugelassen zu werden.

Anders als es immer mal wieder aufpoppende Videos von spektakulären und halsbrecherischen Aktionen vermitteln, sind die (meisten) Vertreter dieser rasanten Sportart keine Hasardeure, die leichtfertig ihr Leben aufs Spiel setzen – auch wenn es in dieser Hinsicht immer mal Ausraster und Verwerfungen gibt. Beispielsweise dann, wenn – wie erst unlängst geschehen – zwei Kittelpiloten vom Jungfrauenjoch abspringen und nach einem minutenlangen Flug ohne Schirmöffnung in die offene Luke eines vorbeifliegenden Flugzeugs purzeln. So was nennt man Punktlandung.  Gibt’s auch, ist aber nicht die Regel und auch nicht symptomatisch für diese Art der Adrenalin-Erzeugung. Außerdem: Hier handelte es sich um Basejumper, von denen sich die “traditionellen” Skydiver schon abgrenzen, auch wenn die Grenzen mitunter fließend sind.

Keine Hasardeure: Sicherheit an erster Stelle

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Inzwischen längst ein gewohnter Anblick am Westerwälder Himmel. Die Wingsuiter erobern den Breitscheider Luftraum. Foto: Skydive Westerwald

Sicherheit genießt nicht nur bei dieser Art von Fallschirmspringen/-fliegen oberste Priorität. Deshalb auch ist eine Wingsuit-Ausbildung nicht eben mal mit links an ein paar freien Wochenenden zu absolvieren. Etwas mehr Zeit und Aufwand müssen die Eleven schon investieren. Und hier beginnt in Breitscheid der Job von Ralph Grimm. Persönlich freilich mag es der Knabe ab und an aber auch schon etwas exzessiver und abgedrehter. Was hierzulande nicht immer und überall möglich ist. Woanders schon, bei den Schweizern beispielsweise, den Amis oder in Südamerika. Da war der Helikopter-Absprung über der Eiger Nordwand mit anschließendem Flug nach Grindelwald schon fast eine Aufwärmübung.

Wie als Leistungssport betriebenes Wingsuit-Fliegen in Vollendung aussieht, war im vergangenen Jahr beim 2. FAI-World-Cup über Nevada wieder zu bestaunen. Bewegte Bilder sagen meistens mehr. Hier ein Ausschnitt aus der Kür der späteren Cup-Gewinner, des Teams “Wingsuit Wicked”:

“High Altitude” ist da ein anderes Zauberwort. Getreu der Devise: Immer höher – und natürlich (immer) weiter. Von einem Absprunglevel 30.000 Fuß (9.000 Meter) können die Aktivisten hierzulande nur träumen. In Amiland herrschen dahingehend andere (unbegrenzte) Möglichkeiten. So etwas ist mit normalem Equipment aber gar nicht möglich. Dafür braucht man/frau eine Spezialausrüstung. Und eine Pulle voll Oxygenium. Sonst bekommt der Himmelstaucher schon auf der Fahrt nach oben Schnapp-bzw. Schlappatmung. In umgekehrter Richtung sowieso. Ausgerüstet mit einem ausreichenden Vorrat an Sauerstoff lässt es sich somit aber auch in Gefilden, in denen die Luft verdammt knapp bzw. dünn ist, aushalten. Aber der zusätzliche Aufwand lohnt sich. Entschädigt wurde Grimm dafür durch einen 7,01 Minuten langen und 16 Kilometer langen Flug. Davon, ebenso wie von Großformationen mit über 40 Springern über der Karibik, träumen er und die Seinen, wenn der dicke Winternebel die Westerwälder Höhen wieder mal einhüllt. Aber der nächste Frühling kommt auch hier ganz bestimmt…

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