Rotorman's Blog

Da ist der Wurm drin! Von schleimigen
Kriechern und gefräßigen Kraftmeiern

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Lichtscheue Schleimer. Würmer sind blind und gefräßig. In Deutschland gibt es 46 verschiedene Arten. 65 Prozent davon gelten inzwischen als „selten“ bis „extrem selten“. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Es gab mal eine (nicht besonders geistreiche) Horrorkomödie, “Tremors”. Die spielte im Land der Raketenwürmer. Das lag in Nevada. Die Namensgeber inszenierten sich als ganz fiese, blutgierige Kreaturen und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Das taten sie dann nach dem 1990 auf die Leinwand gekommenen Erstling in vier weiteren cineastischen Aufgüssen. Unglaublich schnell waren die Viecher. Rasten mit einem Affenzahn unterhalb der Grasnarbe durchs Erdreich, um die darüber hausenden Zweibeiner zu dezimieren. Mit ihren real existierenden Vettern, den Regenwürmern, hatten diese Bestien bis auf ihre Gefräßigkeit wenig gemein. Ganz davon abgesehen, dass erstere auch etwas kleiner sind, als Vegetarier gelten und gerade mal fünf Meter pro Stunde zurücklegen können. Und das auch nur mit zugeschaltetem Nachbrenner. Friedfertig sind die Schleimer obendrein – und nützlich. Trotzdem ist der Mensch dabei, ihnen den Garaus zu machen. Nicht unbedingt gezielt, eher durch Gedankenlosigkeit. Was aber in finaler Konsequenz aufs Gleiche hinaus läuft.  

65 Prozent der untersuchten Regenwurmarten in Deutschland  gelten inzwischen als  „selten“ bis „extrem selten“. Tun es also den Feldhamstern und den Feldhasen gleich und verabschieden sich langsam aber kontinuierlich von der Landkarte. Und das liegt nicht daran, dass ihre Fressfeinde, zu denen u.a. Vögel, Marder, Igel, Maulwürfe, Laufkäfer, Frösche, Kröten und Füchse zählen, überhandgenommen hätten. Selbst die Wertschätzung, die diese “Bohrgräber” bei  Anglern oder Terrarienfreunden genießen, denen sie als Köder bzw. Lebendfutter dienen, lässt die Kameraden in der Summe relativ kalt. Was diesen Wesen bei uns mittelfristig das nicht vorhandene Genick brechen wird, sind Bauwut, Betonwahn und die Bewirtschaftungsformen in der Land- und Forstwirtschaft. Schwere Maschinen oder rotierende Geräte wie Bodenfräsen zerstören ihre verzweigten Tunnelsysteme, den Rest geben ihnen dann Schadstoffe. Auf diese Gefahren möchten Naturschützer wieder am 15. Februar aufmerksam machen, dem “Tag des Regenwurms”. Er wird weltweit begangen – nur nicht in Amerika. Davon aber später.

In Deutschland gibt es 46 verschiedene Arten

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„Den“ Regenwurm gibt es nicht. Am bekanntesten ist bei uns der Tauwurm, der zwischen 12 und 30 Zentimeter lang wird. Foto: Pixabay

Zunehmende Flächenversiegelungen sowie vor allem der Gülle- und Gifteinsatz in der Agrarindustrie machen dem lichtscheuen Getier den Garaus. Da ist schwer der Wurm drin. Da nützt dieser zur Ordnung der Wenigborstler zählenden Spezies auch ihre Regenerationsfähigkeit wenig. Werden sie zerteilt, kann die Hälfte mit dem Kopf weiterleben, das Hinterteil wächst nach. Wenngleich: “Den” Regenwurm gibt es gar nicht. In Deutschland existieren 46,  in Europa insgesamt 400 verschiedene Arten. Weltweit sind es 3.000. Der größte kommt in Australien vor und erreicht eine Länge von einem Meter und mehr. Aufgrund seiner Größe kann man ihn sogar unter der Erde hören, wenn er sich bewegt.

Der Unterschied zwischen Bücher- und Kompostwürmern

Am bekanntesten bei uns sind, die Ohr- und Bücherwürmer mal ausgeklammert, der Tauwurm und der Kompostwurm. Letzterer wird despektierlich auch Stink- oder Mistwurm genannt. Wenn man einen Regenwurm sieht, ist es meistens ein Tauwurm (Lumbricus terrestris). Er ist 12 bis 30 Zentimeter lang und anhand seines rötlich gefärbten Vorderendes und seinem blassen Heckbereich zu erkennen. Der Tauwurm lebt in Wiesen, Gärten und Obstanlagen. Er gräbt bis zu drei Meter tiefe Gänge.

Vor allem Glyphosat-haltige Pflanzenschutzmittel beeinträchtigen Regenwürmer gravierend, haben Wissenschaftler der Universität für Bodenkultur in Wien herausgefunden. Die dadurch erhöhten Phosphat- und Nitratwerte reduzieren deren Aktivität und Reproduktion. Also die der Würmer, nicht die der Forscher. Aber warum soll es ihnen besser gehen als den Bienen. Die krepieren ja auch in Massen an dem Teufelszeug oder bedanken sich, indem sie zunehmend mit Glyphosat belasteten Honig abliefern. Das wäre ein passendes Weihnachtsgeschenk für den Schmidt-Christian gewesen. Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister, der jetzt kommissarisch im Verkehrsministerium Schaden anrichtet, hatte dem berüchtigten Gift, das ja auch unter Verdacht steht, beim Menschen Krebs hervorzurufen, eigenmächtig und quasi  im Alleingang zu einer EU-weiten Nutzungsverlängerung verholfen. Seine Begründung war ziemlich wurmstichig.

Zwischen Aristoteles und Minister Christian Schmidt

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Da kann der Vogel noch so früh aufstehen: Seine Lieblingsspeise macht sich in Deutschland zunehmenden rarer. Foto: FranziH/pixelio.de

Vielleicht sollte man diesen selbstgefälligen CSU-Typen zwingen, einen ganzen Eimer mit Glyphosat durchsetzen Bienenhonigs auszulöffeln oder alternativ einen daraus generierten Cocktail zu trinken – auf ex. Das ist der Mann hoffentlich bald auch: Ex-Minister. Und hopp! Möge Immanuel Kant recht behalten: “Wer sich zum Wurm macht, soll nicht klagen, wenn er getreten wird!”. Und Benjamin Franklin hat über solche Gestalten mal folgendes rausgelassen: “Ein wahrhaft großer Mann wird weder einen Wurm zertreten noch vor dem Kaiser kriechen”. Doch bitteschön, wer, der noch klar bei Verstand ist, käme auch auf die Schnapsidee, Schmidtchen, diesen eingebildeten Agrar- und Chemie-Lobbyisten, einen großen Mann zu nennen? Auf den trifft eher schon folgendes Zitat von Friedrich Nietzsche zu: „Ihr habt dem Weg vom Wurme zum Menschen gemacht und vieles ist in euch noch Wurm!“ Apropos großer Mann: Ein solcher war der olle Aristoteles zweifellos. Er hat  Regenwürmer mal die “Eingeweide der Erde” genannt. Und der berühmte Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, schrieb: “Es mag bezweifelt werden, ob es viele andere Tiere gegeben hat, die in der Geschichte der Welt eine so wichtige Rolle gespielt haben“. Die  Färöer-Inseln haben ihm sogar eine Briefmarke gewidmet. Dafür kann sich Earthworm-Jim aber letztlich auch nix kaufen.

Zehn Herzen schlagen in ihrer Brust

Er und die Seinen gehören zu den herzlichsten Wesen schlechthin. Weil nämlich gleich zehn Pumpen in ihrer Brust (oder wo auch immer) schlagen. Und bärenstark sind die Viecher. Bei Erdarbeiten, die für sie wesentlich angenehmer sind als Angeln, stemmen die phlegmatisch wirkenden Muskelprotze das 50- bis 60-fache ihres eigenen Körpergewichtes. Umgerechnet wären dies bei einem 80 Kilogramm schweren Mann 4,8 Tonnen. Das hat noch nicht mal der biblische Samson hingekriegt. Und Hermann Görner  (1891 – 1956), der als stärkster Mann seiner Zeit galt, auch nicht. Dieser Malocherei verdankt der Hautatmer letztlich auch seinen im 16. Jahrhundert geprägten Namen: “reger Wurm”. Und nicht etwa, weil er Angst davor hätten, bei bzw. nach heftigen Regenfällen zu ertrinken.  Respekt haben diese Tiere vielmehr vor Maulwürfen, einem ihrer Hauptfeinde. Auf die Erdoberfläche fallende Regentropfen erzeugen das  gleiche seismische Frequenzspektrum, wie es auch ein „Multwarp“ beim Graben verursacht. Und dann gilt: Rette sich wer kann!

Regenwürmer graben und fressen quasi  ununterbrochen. Sie ernähren sich von Blättern, abgestorbenen Pflanzenresten und Mikroorganismen. Pro Tag verdrücken diese emsigen Nimmersatte ungefähr die Hälfte ihres Eigengewichts. Was dann ausgeschieden wird, ist der beste Natur-Dünger der Welt. Anschaulich erklärt wird das in dem folgenden Viedeobeitrag:

Garanten für die Fruchtbarkeit der Böden

Diese Burschen ermöglichen durch den Bau ihrer Gänge vielen Wurzeln ein tieferes Eindringen in den Boden und erleichtern den Pflanzen damit die Aufnahme von Wasser und Mineralstoffen. Ihr Tunnelsystem wird von Pflanzenwurzeln auch deswegen so gerne angenommen, weil die Wurmwohnröhren mit dem nährstoffreichen und somit wertvollen Wurmkot ausgekleidet sind. Diese Kerlchen sind also wichtige Garanten für die Fruchtbarkeit der Böden und beeinflussen somit den Ernteerfolg des Bauern. Umso unverständlicher ist es, dass die Agrarier ihre kleinen Helferlein so stiefmütterlich behandeln bzw. sie so rigoros und proaktiv dezimieren. Beispielsweise durch auf Mais-Monokulturen hin ausgerichtete Fruchtfolgen: Die hungern die Kriechtiere förmlich aus, Gülle-Ammoniak verätzt sie, zu viel Bodenbearbeitung zerschneidet sie und Glyphosat vermindert ihre Fortpflanzung. Und das wurmt sie natürlich gewaltig. Da kann der Vogel dann noch so früh aufstehen. Die Folgen: Zu kompakte, schlecht durchlüftete Böden, die zu wenig Wasser aufnehmen oder durchleiten. Hinzu können faulende Erntereste oder eine zu langsame Nährstoffrückgewinnung und Humusbildung kommen.

Keine Chance gegen Dünger und Pestizide

Um trotzdem noch gute Erträge vom Acker zu bekommen, hilft das schlaue, von der Chemieindustrie gehätschelte Bäuerlein mit viel Dünger und Pestiziden nach. Gibt’s beim Raiffeisen-Dealer rezeptfrei. Das wiederum treibt die noch verbliebenen Würmer (und viele andere Kleinlebewesen) in den Lebensruin. Auf intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen finden sich daher inzwischen weniger als 30 Würmer pro Quadratmeter, während der Durchschnitt in kleinstrukturierten Äckern bei rund 120 Exemplaren liegt. 400 und mehr sind es auf wenig gepflügten Öko-Äckern.

Der Haken

Der Haken an der Sache: Die Wissenschaftler sind sich nicht ganz sicher, ob Würmer Schmerz verspüren, wenn sie an einem solchen aufgespießt werden. Dass sie sich dabei zusammenkrümmen, könnte darauf hindeuten. Genauso gut könnte es sich um einen Reflex handeln. Foto: Pixabay

Reden wir gar nicht von Erosionsschutz und Hochwasserprävention. Ein Boden mit sehr vielen Würmern nimmt bis zu 150 Liter Wasser pro Stunde und Quadratmeter auf, so viel, wie bei starken Regenfällen an einem Tag fällt. Ein an Regenwürmern armer Boden reagiert hingegen auf Niederschläge wie ein verstopftes Sieb: Es kommt nicht mehr viel durch. Unzählige kleine Abflussrinnen an der Bodenoberfläche – selbst in Wiesen und Wäldern – vereinigen sich zu reißenden Bächen und zu überbordenden Strömen. Dies führt zu den bekannten Hochwassern und deren Schlammfracht, die letztlich nichts anderes ist als abgetragener Boden aus dem Wassereinzugsgebiet.

Lichtscheue Ökosystem-Ingenieure

Dort, wo man die Unterirdischen aber ihren Job tun lässt, zeigt sich das Erdreich schön locker. Das schützt den Boden davor, bei Regen weggespült zu werden. Wenn es regnet, kann das Wasser ungehindert versickern. Wobei die durchlöcherte Erde wie ein Schwamm wirkt.  Sie saugt den Regen auf und speichert das Wasser. Dann steht es den Pflanzen zur Verfügung. Und der Landwirt sollte sich eigentlich freuen, dass er seine Pflanzen nicht so oft gießen muss. Einen besseren Untermieter als diesen Ökosystem-Ingenieur findet er nämlich nicht. Gärtner auch nicht. Und als Klimaschützer sind die von den Franzosen ” ver de terre” genannten Burschen auch unterwegs. Sie speichern und binden CO 2 stabil im Boden.

Derzeit kochen die blinden und taubstummen Akkordarbeiter auf Sparflamme. Werks- und Betriebsferien. Die Wintermonate zwischen Dezember und Februar verbringen sie in 40 bis 80 Zentimeter Bodentiefe in einer Art Kältestarre, kuscheln sich mitunter aber auch innerhalb Wärme speichernden Strukturen wie Baumstümpfe, Steine oder Komposthaufen in ganzen Kolonien dicht aneinander. Sie können während dieser Phase bis zu 80 Prozent ihres Gewichts verlieren. Das ist aber dann auch schon die Deadline. Geht die Diät noch über diese kritische Grenze hinaus, ist Schicht im Schacht.

Die Lebenserwartung beträgt im Mittel zwei Jahre

Die im Herbst in schützende Kokons verpackten Eier entwickeln sich derweil im frostfreien Boden weiter. Erreicht die Bodentemperatur mehr als zehn Grad, schlüpfen die Jungwürmer. Sie sind das Produkt eines komplexen Vorgangs gegenseitiger Annäherung. Regenwürmer kommen nämlich als Zwitter daher und befruchten sich wechselseitig. Einige Arten sind sogar zur Selbstbefruchtung in der Lage. Da hat es nix mit Kurzsichtigkeit zu tun, wenn der Wurm seinem anderen Ende einen Heiratsantrag macht. Ihre Lebenserwartung beträgt im Mittel zwei Jahre. Dank Schmidt und Konsorten inzwischen weniger. In den erwähnten Tremor-Filmen hatte der Mensch letztlich immer die Oberhand behalten und die Rocket-Würmer vernichtet. Im realen Leben ist es meist ähnlich.  Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie sich am Beispiel der USA exemplarisch festmachen lässt.

Die Amis sehen in Regenwürmern eine Bedrohung

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Die Bezeichnung „Regenwurm“ leitet sich übrigens von „reger Wurm“ ab. Eine seit dem 16. Jahrhundert gebräuchliche Benennung. Weil die Tiere ununterbrochen am Graben und Fressen sind. Bärenstark sind sie obendrein und können das 60-fache ihres Körpergewichtes stemmen. Foto: Pixabay

Im Land der der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten erlebt man das als invasiv deklarierte Getier tatsächlich als Bedrohung, gegen die kein Kraut gewachsen ist, und lastet ihm ökologische Verheerungen im großen Stil an. Regenwürmer waren dort nach der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren komplett von der Bildfläche verschwunden. Pilze und Bakterien, Springschwänze und Hornmilben füllten die ökologische Nische aus, übernahmen die Rolle der Bodenzersetzer und diktierten in den großen Laubwäldern durch ihren “way of life” einen relativ langsamen Stoffwechsel. Fauna und Flora stellten sich auf ein Leben ohne Würmer ein. Einwanderer brachten diese aber von Europa aus zurück, und damit nahm das Unheil seinen Lauf.

„Invasoren“ untergraben das Gleichgewicht der Natur

Das war der Beginn eines Bodenwandels in großem Stil. Zigtausende Hektar Wald werden auf dem nordamerikanischen Kontinent durch Milliarden von Regenwürmer von Grund auf verändert. So schnell wie keine vergleichbare Art können diese nämlich organische Materie umsetzen und den Untergrund durchlöchern. Sie ziehen Herbstlaub und anderes organisches Material in die Tiefe um es dort zu verdauen und verändern dadurch den Nährstoffgehalt und die chemische Zusammensetzung der oberen Schichten. Was andere hier heimische Lebensgemeinschaften in eine prekäre Lage bringt. Das gilt sowohl für Bäume, als auch für Wildblumen und Kräuter. Die waren es bislang gewohnt, ihre Samen im feuchten Milieu der Streuschicht keimen und austreiben zu lassen. Auf dem harten, mineralischen Boden, den die Regenwürmer übrig lassen, funktioniert diese Strategie aber nur noch bedingt. Die Pflanzen leiden unter Trockenstress, die Samen vieler Wildblumen finden keinen geeigneten Ort mehr, um zu keimen.

Nährstoffe wie Phosphor oder Stickstoff, die normalerweise wegen einer langsamen Zersetzung ganzjährig zur Verfügung stehen, werden von den Würmern auf einen Schlag im Herbst freigesetzt. Weil der Stoffwechsel der Bäume dann aber ruht, schwemmt der Regen die Stoffe ungenutzt hinweg. Sie stehen den Pflanzen dann später nicht mehr zur Verfügung. Langfristig wirkt sich das wie eine fatale, biologische Geburtenkontrolle für die in Bedrängnis geratene Flora hinaus. Mit bis dato noch unabsehbaren Folgen für das Gleichgewicht der Natur.

 

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