Rotorman's Blog

Deutschlandweit werden jedes Jahr
20 Millionen männliche Ferkel kastriert

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Ferkel

Bis zum 7. Tag ihres Lebens dürfen männliche Ferkel hierzulande ohne Betäubung kastriert werden – noch. 20 Millionen Tiere werden so Jahr für Jahr „verbrauchergerecht“ verstümmelt. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Hand in die Hose: Wer bitteschön würde sich schon gerne das Gemächt absäbeln lassen? Und das auch noch ohne Betäubung? Für deutschlandweit 20 Millionen vierbeinige männliche Ferkel gehört das in den ersten Tagen ihres Erdendaseins quasi zum Pflichtprogramm. Schnipp-Schnapp, und die Junior-Eber quieken mit Falsett-Stimme in Eunuchen-Tonlage. Das geht ratz-fatz. Der Bauer  bzw. Mäster schneidet die Haut über den Hoden ein, drückt selbige heraus und durchtrennt den Samenleiter. Weil das Fleisch der Tiere dann nicht mehr so müffelt, so es später einmal in der Pfanne schmort.  

Ein Zugeständnis an die empfindlichen Nasen der Verbraucher. Damit sollen gewisse geschmackliche Einschränkungen sowie vor allem der als störend empfundene Ebergeruch, der sich beim Erhitzen des Steaks mitunter einstellt, vermieden werden. Dafür muss die kleine Sau halt Opfer bringen. Ist ja für einen guten Zweck.

Gängige Praxis in der Schweinemast

Das ist gängige Praxis in der Schweinemast. Aber damit soll es bald vorbei sein. Bis dato ist es noch legitim, den Wutzchen in den ersten sieben Lebenstagen ohne jedwede Narkose die Kronjuwelen zu verbiegen. Da müssen die halt durch. Für den Halter ist das die preiswerteste aller Lösungen. Alle weiteren und vielleicht schonenderen Formen der Entmannung gehen zu Lasten des Profits. Ab nächstes Jahr lässt das Tierschutzgesetz eine betäubungslose Kastration aber nicht mehr zu. Weshalb sich die Schweinebarone die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie möglichst kostengünstig aus dieser Nummer wieder rauskommen.

Ihr Zauberwort heißt “lokale Anästhesie”. Das wäre die Minimallösung. Aber eine solche, macht beispielsweise der Deutsche Tierschutzbund geltend, ist für die betroffenen kleinen Rüsseltiere meist auch nicht schmerzfrei. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass die Injektion einen zusätzlichen Stress- und Schmerzfaktor darstelle und die Betäubung ungenügend sei, um den Kastrationsschmerz vollständig auszuschalten. Fazit: “Damit wäre diese Methode – ebenso wie die betäubungslose Kastration – ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz”.

Aus diesen Gründen plädieren fast alle Tierschutzorganisationen neben anderen Alternativen für eine Vollnarkose, wie sie seit 2010 in der Schweiz flächendeckend Praxis ist. Die aber passt den germanischen Schweinezüchtern nicht ins Konzept. Weil diese Methode, siehe oben, zu aufwändig und zu teuer sei. Unter anderem auch deshalb, weil das Procedere nur von einem Tierarzt vorgenommen werden darf.

Ministerin mit Schwein am Stecken
Ferkel kastrieren 12

Wehret den Anfängen: Damit ihr Fleisch später mal nicht in der Pfanne müffelt, werden kleine Eber in der Schweinezucht entmannt. Künftig darf das nicht mehr ohne Betäubung geschehen. Tierschützer und Mastindustrie haben darüber unterschiedliche Vorstellungen. Foto: Vier Pfoten

Die Lebendfleischproduzenten halten eine punktuelle Narkotisierung für völlig ausreichend. Und wissen mit dieser Meinung nicht nur die eigene Lobbywirtschaft auf ihrer Seite, sondern auch weite Teile des Veterinärsystems und die  Fleischindustrie. Ebenso Teile der Politik. In Gestalt der Nordrhein-Westfälischen Landwirtschaftsministerin Christina Schulze Föcking, die in dieser Woche mit ihren Kollegen aus den anderen Bundesländern über dieses heikle Thema berät. Die Frau ist ja vom Fach, hat Schwein am Stecken. Sie bzw. ihr Ehemann betreibt im Münsterländischen Steinfurt einen Mastbetrieb. Welchen Qualen die grunzenden Insassen dieses Gulags ausgesetzt sind, hatte Stern-TV im vergangenen Jahr aufgezeigt.

Es gibt Alternativen, aber die sind teurer

Eine Alternative zur gängigen Praxis könnte eine reine Jungebermast sein. Dabei wird auf eine Kastration ganz verzichtet. Allerdings gilt das Halten von nicht kastrierten männlichen Borstenviechern als nicht ganz einfach, weil die oft aggressiver sind als kastrierte Tiere. Die als unangenehm empfundenen Geruchs- und Geschmackseintrübungen treten bei Eberfleisch  allerdings nur in höchstens fünf Prozent der Fälle auf. Die Aufgabe, intensiv duftende “schwarze Schafe”  zu identifizieren und gegebenenfalls auszusortieren, könnte dann an spezielle Schnüffler in den Schlachthöfen delegiert werden. Kostet natürlich wieder zusätzliches Personal und Zeit.

Längst gibt es aber auch Impfstoffe gegen Ebergeruch, die die Hormonproduktion und die Ausschüttung entsprechender Duftmarken unterdrücken. Die Methode wurde bereits in vielen Ländern erfolgreich durchgeführt und ist mit einer zweimaligen Injektion im Vergleich zur Kastration eine deutlich tierschonendere Variante. Aber darum geht es ja nicht….


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