Rotorman's Blog

Exkrementierfreudig: Zugeschissen
und angepisst auf Schritt und (Ab-)Tritt

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Papierkrieg. Foto: Peter Röhl/Pixelio.de

Von Jürgen Heimann

Man kann sie fressen, tief in ihr sitzen, bis zum Hals drin stecken oder Gold daraus machen. Manche Menschen haben sie auch im Kopf, anderen fliegt sie um die Ohren. Ach du Scheiße! Generationen um sprachliche Hygiene bemühte Eltern haben ihren Sprösslingen eingebläut, dieses unappetitliche Unwort, das 1934 offiziell Einzug in den Duden fand, nicht in den Mund zu nehmen. Gefruchtet hat es nix. Im Gegenteil. Der Begriff ist zeitlos und zählt neben dem entsprechenden Verb “scheißen” zu den beliebtesten, bekanntesten und meist gebrauchten der deutschen Vulgärsprache. Er verfolgt einen auf Schritt und (Ab-)Tritt. Man /frau kann ihm nicht entgehen, greift und tritt ständig hinein. 

Das Wort ist natürlich negativ besetzt. Denn es beschreibt ja in seiner ursprünglichen Bedeutung etwas, das als “bääh” und unsauber gilt, und wird in mehreren Bedeutungen und Zusammenhängen gebraucht. Als Ausruf bei einem Missgeschick oder auftretenden Schwierigkeiten als Fluch, um Wut oder Verärgerung zu artikulieren, oder halt auch als Adjektiv im Sinne von “schlecht”: “Du siehst aber scheiße aus!” Als Präfix vor Substantiven dient es als Schimpf- oder Empfindungswort (Interjektion) und bringt damit eine ablehnende Haltung zum Ausdruck (Scheißdreck, Scheißbulle, Scheißkarre, Scheißwetter, Scheißkerl, Scheißjäger).

Von Kackbratzen und Klugscheißern

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Thinktank: Hier wird der Rohstoff für eines der beliebtesten Vulgärworte der deutschen Sprache produziert. Foto: Pixabay

Substantiv und Verb finden zudem in idiomatischen Ausdrücken und Redensarten rege Verwendung: “auf etwas scheißen”, “Scheiße bauen”, “sich in die Hosen scheißen”, “Ohne Scheiß!”, “in die Scheiße greifen” usw. “. Auch der Teufel scheißt ja bekanntlich immer auf den größten Haufen. Und derjenige, dem sie ins Gehirn geschissen haben, hat auch nicht mehr alle Kothaufen beisammen. Aber immer noch besser als in die hohle Hand gekackt. Apropos: Kacke oder kacken wird in den jeweiligen Bedeutungsvarianten gerne synonym verwendet, besagt aber das Gleiche. Auch wenn die Gebrüder Grimm, diese märchenhaften und ständig auf die Kacke hauenden Klugscheißer, meinten, dass “Kacke bei weitem nicht so anstöszig” sei, sondern eher einen “spaszhaften anklang” hätte. Scheiß’ drauf! Das kann man drehen und wenden wie man will: Kackarsch bleibt Kackarsch! Ob die Kacke nun am dampfen ist oder nicht. Und da gibt es ja auch noch die Kackbratze, eine von Comdedian Kurt Krömer kreierte begriffliche Weiterentwicklung. Er meinte damit besonders niederträchtige Zeitgenossen. Als Kackbratze werden auch gerne mal unausstehliche, hässliche Frauen tituliert.

Warum ist Schifferscheiße dumm?

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Bereits 1934 hat das Bäh-Wort Einzug in den Duden gehalten. Kaum ein in der Sprachbibel aufgeführter Begriff wird häufiger benutzt. Milliarden Menschen arbeiten täglich daran. Foto Screenshot/Michael Ottersbach/pixelio.de

Die Linguisten sind sich bis heute über den Ursprung des der Kindersprache entlehnten Lallwortes Kacke oder des Verbs kacken nicht ganz einig. Fakt ist, dass diese Ausdrücke bereits im 15. Jahrhundert gebräuchlich waren. Es könnte auch eine lautmalerische Entsprechung jenes Geräusches sein, das der Kehlkopf während des Pressens auf dem Donnerbalken produziert. Eine Ableitung aus dem lateinisch “cacare” (scheißen) ist nicht von der Klobrille zu weisen. Entsprechungen gibt es auch in vielen anderen Sprachen: Spanisch “la caca”, Italienisch “cacca”, Französisch “caca”, Russisch “кака́шка”, Jiddisch “kak”. Umso bemerkenswerter ist, dass “Kakà”, der brasilianische, heuer für den SC Orlando City kickende Fußballstar, unverdrossen an seinem Namen festhält. Gut, das ist die Kurzform. Korrekt heißt der 2007 zum “Weltfußballer des Jahres” gewählte Ballartist Ricardo Izecson dos Santos Leite. Aber das ist letztlich scheißegal. Scheiß drauf!

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Grafik: Artemtation

Keine Ahnung, welchen Bildungshintergrund der millionenschwere Südamerikaner hat. Unterstellen wir mal zu seinen Gunsten, dass er nicht nur Scheiße im Hirn hat oder gleich dumm wie Schifferscheiße ist. Warum aber ausgerechnet die Exkremente von Seebären so beispielhaft und explizit blöd sein sollen und nicht etwa die von Ballonfahrern, kann auch niemand beantworten. Bleibt sich aber letztendlich gekotet wie gepinkelt.

In früheren Jahren haftete dem Wort „Scheiße“ noch nicht so ein übler Geruch an, ihr selbst aber schon. Vor Einführung der Kanalisation erleichterten sich die Menschen mehr oder weniger ungeniert überall dort, wo sie gerade gingen und standen. Erasmus von Rotterdam empfahl im 16. Jahrhundert Studenten deshalb auch, einen Professor höflicherweise „beim Scheißen auf der Straße nicht zu grüßen“, wie Rolf-Bernhard Essig in seinem wunderbaren Buch über „Wundersames aus der Welt der Sprache“ belegt.  Und „Maddin“ Luther, der große Terminator, an dessen 500. Reformationsjubiläum wir uns 2017 erinnern, sammelte Sprichwörter und Redensarten, in denen der inkriminierte Begriff enthalten war: „Träume sind Lügen, aber wer ins Bett scheißt, das ist die Wahrheit“. Und wenn man jemand gut kannte, pflegte man zu sagen: „Ich habe mit ihm in ein Nachtgeschirr gepisst“. Oder halt „sie haben durchs selbe Loch geschissen“.

Scheißfreundlich zwischen Latrine und Urinal

Exkrementelle Vergleiche gibt es wie Scheißhaufen in der Klärgrube. Das olfaktorische Spannungsfeld menschlicher Ausscheidungen zwischen Latrine und Urinal bietet schier unbegrenzte sprachliche Möglichkeiten, um jemand durch die Scheiße zu ziehen. Oft genug ist das aber auch durchaus gerechtfertigt. Scheißfreundliche Menschen sind mit Vorsicht zu genießen. Sie heucheln, ihr vermeintlich nettes Wesen ist aufgesetzt und nicht echt. Vielleicht wollen die ihre Mitmenschen nur in Sicherheit wiegen, um sie dann bei nächster Gelegenheit nach allen Regeln der Kunst zu bescheißen oder in die Scheiße zu reiten.

Der berühmte Brief von Elli

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Die Unwort-Fabrik. Hier gibt es keine Betriebsferien. Foto: Pixabay

Tief in der genannten sitzt auch der Adressat jenes berühmten, von den “Clo-Schahs” (hat nix mit Klo zu tun) besungenen Depesche:  “Alles Scheiße, Deine Elli, stand in ihrem letzten Brief. Denn es blieb nicht ohne Folgen, als ich neulich mit Dir schlief!”. Das ist aber jetzt Scheiße gelaufen! Da mag sich der Empfänger, von Hause aus ein notorischer Angstschisser, vor Schreck in die Hose gemacht haben und war ziemlich angepisst. Aber statt sich zu verpissen, stellte sich der Mann der Verantwortung. Schließlich hatte der Kerl ja keine Scheiße gebaut, sondern etwas mit Hand und Fuß produziert. Andererseits hatte er es sich durch diesen offensichtlichen Fehltritt bei seiner Ehefrau gehörig verschissen. Und die verpasste ihm dann erwartungsgemäß auch einen gehörigen Anschiss, weil sie sich verscheißert fühlte…

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