Rotorman's Blog

Radio-Sprech: Potentierter Schwachsinn
für unsere leidgeprüften Gehörmuscheln

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Ja nee, is klar! In den Studios unserer Rundfunksender trifft sich die geballte journalistische Kompetenz. Foto: Pixabay

Von Jürgen Heimann

Reiten wir nicht immer auf den armen Lokaljournalisten herum. Die können ja schließlich auch nicht aus ihrer intellektuellen Haut. Viel ätzender sind die coolen, hypen Rundfunk- (und TV-)Moderatoren, die uns, penetrant gut gelaunt und gut drauf, die Welt und die sie prägenden, tagesaktuellen  Ereignisse erklären. Gegen die Schmerz- und Aua-Grenze dessen, was dahingehend über und durch den inzwischen überwiegend digitalen Äther gejagt wird, ist die Borderline von Nordkorea ein löchriger Jägerzaun. Das tut weh! Und die Mikro- und Studio-Quasseler sehen sich dabei durch die funktionale Anonymität des flüchtigen gesprochenen Wortes geschützt. Gedruckter Schwachsinn lässt sich auch Tage nach dessen Veröffentlichung noch als solcher verifizieren, verbale Ausreißer hingegen entfalten ihr Empörungspotential allenfalls temporär und sind meist, sobald der nächste Werbeblock eingespielt wird, vergessen. Aus dem Ohr, aus dem Sinn. Jammern wir auch nicht darüber, dass uns die fidelen und permanent ihre gute Laune zur Schau stellenden Kollegen im Minutentakt daran erinnern, wir würden im FFH-Land leben und sie schließlich die Hits spielen. Aber bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz ist das auch nicht viel besser. Ob Bauernfunk, ob Zeitgeist-Sender, nach journalistischer, auch auf grammatikalischer Korrektheit basierender Integrität sucht (und hört) der Endverbraucher vergebens. Er erwartet solches auch nicht.

Gut, ich bin kein ausgewiesener Radiohörer. Aus Angst, während der Autofahrt ob gewisser aus dem Lautsprecher tönender sprachlicher Verwerfungen die Kontrolle (über mich selbst und das Auto)  zu verlieren, verzweifelt ins Lenkrad zu beißen oder im Straßengraben zu landen, tue ich mir das seit vielen Jahren (auch aus Prinzip) nicht mehr an.  Es ist allemal gesünder, die neueste Scheibe von David Gilmour über den Bord-Player zu schicken, als sich mit dem geballten Schwachsinn derer auseinander zu setzen, die in den einschlägigen Studios Dienst nach Vorschrift machen. Das sind meist Leute, die früher noch nicht einmal als Zeitungszusteller den Hauch einer Karrierechance gehabt hätten. Heute verleihen sie den Sendern Profil. Von nix den Hauch einer Ahnung, das aber dann mit sonorer Stimme  überzeugend rübergebracht.

Der Müllhaufen kokelt

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Sachen gibt’s…. Das muss einem ja schließlich auch gesagt werden. Foto: Pixabay

Die Schreiberlinge in den print-gestützten lokalen Redaktions-Höllen haben durch die sprachversierten Funker ihre Meister gefunden – und blicken neidisch auf die deutlich besser angesehenen und reputierten Zunftkollegen. Aber die sind keinen Deut besser als sie selbst. Im Gegenteil. Da sprießen die Stilblüten, vergilben die Seiten des nicht existenten Dudens schamhaft und empört im Studioregal vor sich hin. Kollege Franz Wolf, freier Autor des kritischen, unabhängigen Webportals „Politropolis” (www.politropolis.de) hat das ganze Dilemma unlängst in einem Gastbeitrag unter dem zunächst verwirrenden Titel „Von Tschonnalisten, Goten und Stoppten“ pointiert auf den Punkt gebracht und den Finger auf und in viele Wunden gelegt. Am Beispiel von SWR 1 weist der Mann nach, dass es immer noch schlimmer geht. 

Dieses „Goten und Stoppten“ leitet sich aus dem anglisierten „Stop and Go ab.“ Wobei wir bei den Verkehrsdurchsagen wären. Dahingehend liefern der Südwestdeutsche Rundfunk  und seine private Konkurrenz stets die „aktuellsten“ Berichte, und nicht etwa die aktuellen. Am „jetzesten“ muss es schon sein. Superlativ-Manie! Deshalb steht auch schon mal „der weltbeste Bergsteiger der Welt“ im Studio Rede und Antwort, den dann eine Woche später an gleicher Stelle „der weltbeste Magier der Welt“ in seinem schwarzen Hut verschwinden lässt. Simsalabim! Und wenn der Hessische Rundfunk seine mobilen Hörer an anderer Stelle des Programms warnt „Achtung  Autofahrer. Die Sichtweiten in unserem Sendegebiet betragen nur bis zu 50 Meter. Dies gilt für beide Richtungen”, erübrigt sich jede weitere Frage.

Viele Grüße von Speedy Gonzales

Bei SWR und Co. ist der Lkw auf der stark befahrenen Autobahn auch nicht etwa stehen-, sondern liegengeblieben. Und das, obwohl er gar nicht umgefallen war. Das weibliche deutsche Wort ‚die Geschwindigkeit‘ und seine neutrale englische Variante “speed‘ mutiert zum neudeutschen “der Speed“. Herzliche Grüße übrigens von Speedy Gonzales.  Aber Schwamm drüber.

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Moderatoren-Arbeitsplatz im Rundfunkstudio: Die Kunst besteht oft genug nur darin, Alltäglich- und Dümmlichkeiten gut gelaunt und mit sonorer Stimme zu verpacken. Notfalls hilft auch der „weltbeste Magier der Welt“ als Studiogast dabei. Foto: Pixabay

Da wäre beispielsweise auch noch der oder das Präsens. Vom Perfekt bzw. Imperfekt hat sich die Rundfunk- und Zeitungssprache inzwischen vollständig verabschiedet. Sagte und schrieb man früher noch richtig: “Er wurde vor 40 Jahren geboren, dann kam er mit sechs in die Schule”, so heißt es heute in den Nachrichten: „Er wird vor 40 Jahren geboren“. Konrad Duden, der am 3. 1. 1829 in Lackhausen seinen ersten Schrei auf dieser Welt tat, Verzeihung, tut, würde sich im Grab umdrehen, befindet Achim Wolf. Und er hat recht: „Würde ich meinem Lektor derartigen Blödsinn anbieten, er würde den doppelläufigen Strick wetzen, um sich anschließend mit dem geladenen Küchenmesser von hinten zu erhängen!“ Wäre sicherlich auch eine schöne Todesart für gewisse Leute…

Aber das Kalkül ist ein anderes. Die Präsensform soll Aktualität suggerieren. Die Kollegen sind, wie immer, ganz dicht dran am Geschehen. (Ich mit meinem Hit-Sender dann automatisch auch). Auch wenn den Labertaschen das niemand wirklich abnimmt. Wenn sie sich zu der Formulierung „vor knapp 2000 Jahren bricht der Vesuv aus“ versteigen, klingt das, nebenbei bemerkt, nicht nur hanebüchen, sondern ist auch potenzierter sprachlicher und grammatikalischer Unsinn. “Potenziert” hat in diesem Fall aber nix mit (sprachlicher) Potenz zu tun…
Aber das war ja nur eine Aufwärmübung. “Schiff sinkt, mehrere hundert Menschen sterben“ lautet die Headline, die gefunkte wie die gedruckte. Wir erfahren, dass just in diesem Moment irgendwo ein maroder Kahn untergeht. Und der Reporter, der natürlich vor Ort ist, weiß schon im Voraus, wie viele Menschen dabei sterben werden. Er spannt uns aber noch ein bisschen auf die Folter.  Zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung/Ausstrahlung ist die Nachricht freilich schon mehrere Stunden alt und die Formulierung somit natürlich absolut daneben. Das Präsens schildert schließlich die Gegenwart, behauptet Onkel Duden. Deshalb hätte es heißen müssen: “Schiff gesunken. Soundsoviele Menschen gestorben”. Aber das klingt nicht so spannend.

Im FFH-Land immer näher dran

Dann wüsste der interessierte Leser oder Hörer: Oh Gott. Die sind alle tot! Nix mehr zu machen. Leider. Und jetzt das Wetter. Damit er nicht vergisst, wo er verortet ist, sagt’s ihm der coole Moderator zum gefühlten 20. Mal an diesem Tag: Er lebt im  FFH-Land und ist immer näher dran! Oder, anders ausgedrückt: „Wer’s hört, hat mehr zu sagen“. Wir werfen jetzt mal alle den Slogan-Generator an.

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Dieter Bohlen hat recht: Si tacuisses, philosophus mansisses! Foto: pixabay

Den vollständigen Beitrag von Franz Wolf gibt es hier:

„Goten und Stoppten“

 

Absolut lesenswert!

 

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