Rotorman's Blog

Ausländerfeinde und Tierhasser schöpfen
aus den gleichen verseuchten Quellen

Not welcome

Für Flüchtlinge, aber auch für Waschbären ist Sachsen ein gefährliches Pflaster. Ausländerfeinde und Tierhasser bilden hier eine unheilige Allianz.

Von Jürgen Heimann

Gibt es, und das ist keine akademische Frage, einen Zusammenhang zwischen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus auf der einen und Tierhass auf der anderen Seite? Abgesehen davon, dass sich in beiden Geisteshaltungen eine hochgradige Form von Schöpfungsverachtung manifestiert, weil gewisse Herrenmenschen in ihnen fremden Zwei- und Vierbeinern minderwertige und ihnen gefährlich werden könnende Kreaturen sehen. Die Antwortet darauf lautet eindeutig „ja!“ Eine diesbezügliche Relation ist nicht nur vorhanden, sondern eigentlich auch nicht zu übersehen. Unkenntnis und irrationale Ängste vor dem Fremden sind die Treibsätze dieser Gesinnungsverwirrung. Wer Menschen schon mit Gewalt und Abscheu begegnet, ist auch gegenüber einem Tier kaum zu Empathie fähig. Man kann das zum Beispiel in Sachsen sehr gut beobachten.  

Hier sind Aversionen solcher Art besonders ausgeprägt. Demagogen und Hetzer finden offene Ohren für ihre kruden Thesen. Exzesse wie die von Heidenau, Bautzen und Freital waren keine Zu- und Einzelfälle. Aber in Sachsen-Anhalt (Tröglitz) oder Brandenburg (Nauen) kann man das natürlich auch, ebenso natürlich in den westlichen Bundesländern. Da war sie wieder, die hässliche Fratze der Deutschen, der Welt vorgeführt von einem aufgestachelten, aufgeputschten Mob. PEGIDA hat Fremdenfeindlichkeit im östlichen Freistaat (aber nicht nur dort) salonfähig gemacht. Für viele, aber nicht für alle, gehört sie inzwischen längst zum guten Ton. Zu Peter Strucks Zeiten wurde unsere Demokratie noch am Hindukusch verteidigt, seit Lutz Bachmann, der ja inzwischen in Teneriffa Asyl gefunden hat und sich die kanarische Sonne auf den vorbestraften Pelz scheinen lässt, aber zunächst einmal in Dresden.

Deutschlandweit hat sich die Zahl der Fälle von fremdenfeindlicher Gewalt im vergangenen Jahr gegenüber 2015 verdoppelt, auf deutlich über 500. Schon im ersten Halbjahr 2015 waren allein in Sachsen 42 der bundesweit 202 Übergriffe auf Flüchtlinge registriert worden. Das sind mehr als 20 Prozent. Allerdings gelten die Bayern als ausländerfeindlichstes Bundesland. Eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie zeigte, dass 33,1 Prozent, also jeder dritte Bajuwar, folgender Aussage zustimmt: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.“ Im restlichen Westdeutschland sagt das nur jeder Fünfte. I

Das mediale Trommelfeuer zeigt Wirkung

Heldenhafter Jäger


Ein Helds unserer Tage: Vier auf einen Streich. Das gnadenlose Abschlachten der Waschbären ist auch das Ergebnis einer medialen Hetze gegen diese Tiere. Der Hass gegen diese „Eindringlinge“ ist irrational und gründet auf Nichtwissen und Vorurteilen.

Aber zurück nach Swobodny stat, wie das idyllische an Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Polen und Tschechien grenzende Fleckchen Erde auf Obersorbisch heißt. Die Furcht vor „Eindringlingen“ ist latent. Auch vor solchen aus dem Tierreich. So scheint beispielsweise gerade auch hier der Waschbär, obwohl seit 80 Jahren in Deutschland heimisch, als Projektionsfläche für gesellschaftliche Ängste zu dienen, wie es Professor Ragnar Kinzelbach, der „Erfinder“ des so oft und fahrlässig benutzten Begriffs „Neozoon“, formuliert hat. Am maskierten Kleinpetz „entzünde sich die vagen Beschützerinstinkten entspringende Sorge um die deutsche Fauna“. Deshalb werden diese Tiere gerade auch in Sachsen, aber natürlich auch andernorts, gnadenlos verfolgt. Dies unter dem abstrusen Vorwand, sie würden schließlich die sächsischen Weinberge kahl fressen, hätten bereits geschützte Vogel- und Niederwildarten ausgerottet und würden (die seit 2008 in Deutschland nicht mehr existente) Tollwut verbreiten. Was völlig den Tatsachen widerspricht. Aber nirgends sonst ist die mediale Hetze gegen die „Racoons“ größer und intensiver als im elektronischen und gedruckten Blätterwald des freien Staates. Das kann natürlich nicht ohne Folgen bleiben.

Dem Volk aufs Maul geschaut

Nun lässt sich beispielsweise auch der Sächsischen Zeitung, dem mit 217.625 verkauften Exemplaren auflagenstärksten Blatt im ehemaligen Direktionsbezirk Dresden, keine vornehme Zurückhaltung unterstellen, wenn es um die plakative Inszenierung der Klein-Bären als Bestien und zerstörerische Volksschädlinge geht. Sie macht sie auch schon mal für die Ausrottung der Graureiher auf der Elbhalbinsel verantwortlich und weiß sich in dieser Ausrichtung in guter Gesellschaft mit “BILD”, die “Todespillen” für diese Tiere fordert, oder gar der vermeintlich honorigen FAZ, die zu dem Titel “Süß. Pelzig. Mörderisch” fand. Vielleicht haben die Redakteure Martin Luthers Postulat, man müsse dem Volk aufs Maul schauen, in diesem Zusammenhang auch etwas zu wörtlich genommen. Um in Folge eben diesem “Wir-sind-das-Volk” möglichst nach selbigem zu reden bzw. zu schreiben. Wessen Brot ich ess‘, dessen Lied ich sing‘. Nun macht auch die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ja gerne mal Anleihen bei diesem Luther-Wort, um dem Pöbel in Folge von den Lippen zu lesen. Der „Maddin“ würde sich im Grabe umdrehen, hätte er diese Partei noch erleben müssen. Einer Partei, von der der Kabarettist Urban Priol in seinem Jahresrückblick gesagt hatte: “Man muss nicht automatisch rechts sein, um die AfD zu wählen. Man muss nur blöd genug sein”.

Stoiber-Edi, “Maddin” und die Wutbürger

Daniela Kluge

Die CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge hat die beiden losen Enden zwischen „Waschbären- und Asylantenplage“ verknüpft und löste mit einem geschmacklosen Selfie eine Welle der Empörung aus. Die Rechtsaußenverteidigerin der Sachsen-Union präsentierte sich auf Facebook stolz mit einer Stola aus Waschbärenfell. Ihr begleitender Kommentar spricht Bände.

Eventuell halten es die Schreiberlinge der SZ  da ja auch mit CSU-Urgestein Edi “Transrapid” Stoiber. Der hatte am Sonntagabend bei Anne Will in einer Diskussion über Ausländerkriminalität noch gesagt, man vertrete schließlich auch Menschen, die die Dinge vielleicht etwas grober sähen. Umso erstaunlicher nun, dass die Zeitung in ihrer Online-Ausgabe vom 14. Januar auf einmal ein weitaus differenzierteres Bild der Waschbären zeichnet und mit zahlreichen, immer mal wieder gerne bemühten Vorurteilen aufräumt: „Putzige Plagegeister“.

Der Artikel mag aufgrund seiner komplexen Thematik viele Wutbürger überfordert haben, inhaltlich wie von der Länge her. Entsprechend fielen auch viele der auf Facebook geposteten Kommentare aus: „Waschbären gehören nicht hier her also Töten!“ schrieb ein in Orthographie, Satzbau und Interpunktion nicht ganz sattelfester Thomas K. Ein Rainer B., dessen Profilbild auch nicht unbedingt den Eindruck vermittelt, als würde der Mann zur Askese neigen, bemerkte „er soll sehr gut schmecken“. Also der Bär. Und ein Tommy S. fordert: „Mehr Wölfe müssen her!“ Ja, und die Mär von der Ausrottung der Europäischen Sumpfschildkröte in Brandenburg darf auch nicht fehlen. Natürlich gibt es auch differenzierte, besonnene und sachliche Stimmen. Das sind erhellende Lichter in der Dunkelheit der Dumpfheit.

Die beiden losen Enden zwischen Waschbären- und Asylantenplage hatte unlängst (unbewusst?)die CDU-Landtagsabgeordnete Daniela Kuge verknüpft, indem sie sich ihren Freunden und Unterstützern auf Facebook stolz mit einer aus dem Fell eines erlegten Waschbären gefertigten Stola präsentierte. Siehe hier:

Zwischen Eitelkeit und Provokation

Ob es nun eine unbedachte und vielleicht lediglich persönlicher Eitelkeit entsprungene Spontan-Publikation oder eine gezielte Provokation war: Man sollte die Einlassung einer jenseits der Landesgrenzen Sachsens völlig unbedeutenden und in die Politik emeritierten Ex-Apothekerin nicht  überbewerten. Die dem Rechtspopulismus nicht ganz abgeneigte Frau hat sich zwar durch ihr rigoroses Agieren gegen Asylunterkünfte und Lamentieren über ausufernde Ausländer-Kriminalität regional in bestimmten Kreisen eine gewisse Reputation erkämpft, aber das macht sie noch längst nicht zu einer Person der Zeitgeschichte. Insofern könnte man darüber hinwegsehen. Wären da nicht ihre Kohorten im Geiste, für die das ein willkommener Anlass zum Aufrüsten ist. Die Lücke, die die zunehmend schwächelnde PEGIDA hinterlässt, muss ja irgendwie ausgefüllt werden.

Waschbärbrarten

In ihrer Facebook-„Projektgruppe“ tauschen die „Wascbärfellfreunde“ auch Rezepte aus, wie sich aus dem Fleisch erlegter Klen-Petze schmackhafte Mahlzeiten zubereiten lassen. „Aber das Fell, den Schwanz und die Pfoten wegmachen! Sonst schmeckt es Haarig“ empfahl ein Beitragsschreiber.

Die frauenpolitische Sprecherin der christdemokratischen Landtagsfraktion ist selbst innerhalb der eigenen stramm rechten Partei nicht ganz unumstritten. Diese oder jene hetzerische Äußerung von ihr sorgt auch bei der erzkonservativen Unionsführung schon mal für Magengrimmen. Aber ihr Fußvolk ist stramm auf Linie. Folge des Waschbären-Posts war zunächst ein wahrer Shit-Storm. Nachdem Empörte aus ganz Deutschland das Facebook-Profil der aus allen Wolken und Pelzflausen gefallenen Dame mit nicht immer schmeichelhaften Kommentaren gefüllt hatten, die mitunter auch etwas daneben bzw. unter der Gürtellinie lagen, legte sie ihren Account vorübergehend still. Volle Deckung! Tauchstation! Um sich in Folge bitter über die bösen und natürlich “selbsternannten Tierschützer” zu beklagen, die ihr derart zugesetzt hatten. Doch ha hatten sich ihre Claqueure  bereits wortreich in die kontrovers geführte Debatte eingeschaltet, die Lady gar als modische Trendsetterin gefeiert und sich danach erkundigt, ob das Tier wenigstens im eigenen Wahlkreis erlegt worden wäre. Das Viehzeug hätte hier nix zu suchen, befand ein „Diskussionsteilnehmer“. Er meinte allerdings Waschbären, nicht Asylanten, die an anderer Stelle aber auch schon mal so bezeichnet werden.

Heinrich und die Möhrenfresser mit Migrationshintergrund

Toller Waschbär-Jäger - Große Leistung 2

Nicht selten werden die Tiere noch im Tod verhöhnt und nach den finalen Schüssen entsprechend in Pose gerückt. Solche und ähnliche geschmacklosen Fotos, die von einem erfolgreichen Jagdgang zeugen, findet man auf den einschlägigen Seiten überall im Internet.

Nun ist der „echte“ und völkisch orientierte Deutsche ja nicht per se tierfeindlich eingestellt, im Gegenteil. Vorausgesetzt, das Tier ist arisch und passt ins kleinkarierte Raster. So liebte Adolf aus Braunau seine „Blondi“, eine Deutsche Schäferhündin, über alle Maßen. Und zwar derart, dass er sich von ihr sogar bis in den Freitod begleiten ließ. Und Heinrich Himmler („Die Deutschen haben als Einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier“!) stand auf Kaninchen, die er unter luxuriösen Bedingungen in den KZs züchten ließ, während hier Millionen Häftlinge unter grausamsten Umständen verrotteten und abgeschlachtet wurden. Was Massenmörder Luitpold offenbar nicht wusste, war, dass seine geliebten Möhrenfresser eigentlich aus Asien stammen und über Nordafrika nach Europa eingewandert waren. Ach ja, auch der Fasan und das Damwild haben einen Migrationshintergrund und stammen nicht aus Europa, sondern aus Mittel- bzw. Vorderasien. Woher, für unsere rechtspolitischen Herrenreiter wichtig zu wissen, ursprünglich auch das Pferd kommt. Aber das nur nebenbei.

Den Kleinpetz in die Pfanne hauen!

Als unterstützende und begleitende Gegenreaktion auf den Schimpf, dem sich ihre Abgeordnete durch ihre unbedachte Aktion ausgesetzt sah, initiierten Geistesverwandte auf Facebook eine zunächst als „offene“, inzwischen sogar als „Projektgruppe“ firmierende Initiative, die sich „Waschbärfellfreunde“ nennt und inzwischen immerhin schon 16 Mitglieder zählt. Reden wir nicht über Geschmack und Niveau. Da werden schon mal kleine Kinder gezeigt, die mit wärmenden Mützen aus Waschbärenfell auf dem Kopf in die Kamera lächeln, oder auf ebay-Angebote, wo Felle schon für einen Euro angeboten werden. Man tauscht Rezepte aus, wie sich aus dem Fleisch der Tiere leckere Mahlzeiten zaubern lassen. „Aber das Fell, den Schwanz und die Pfoten wegmachen! Sonst schmeckt es Haarig“ empfahl ein Beitragsschreiber in haarigem Deutsch. Man muss keine Vorurteile pflegen und hegen, um zu erkennen, wessen Geistes Kind diese Leute sind.

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Geschmacksverwirrte aller Länder vereinigt euch! Ein Leipziger „Küchenmeister“ setze 2015 als erster Waschbären-Schmorbraten auf seine Speisekarte. Wurde aber kein Bestseller.

Aber auf die Idee, die ungeliebten Plagegeister in die Pfanne zu hauen, waren zuvor schon andere gekommen. Wen wundert es, dass der erste Maître de Cuisine, der in Deutschland Waschbären-Schmorbraten auf die Speisekarte seines „Feinschmeckerlokals“ setzte, das ausgerechnet in Sachsen tat? In Leipzig. Um sich dann vom Kloakenblatt mit den vier Buchstaben im Titel als Erneuerer der gehobenen, anspruchsvollen Küche feiern zu lassen. Inzwischen hat der innovative Herdmeister dieses leckere Angebot aber nicht mehr im Portfolio. Offenbar wussten zu wenige Gourmets seine gastrosophische Pioniertat zu würdigen – oder die Protestwelle war einfach zu groß.

Rechtsränder: Die Drei von der Zankstelle

Erhellend und interessant wird es, wirft man einen Blick auf die Administratoren dieser ominösen Fell-ationistischen Facebook-Gruppe. Dazu zählen neben Jens Mahlow, der der Sächsischen Volkspartei, einer rechtsgerichteten, nationalistischen Regionalk(r)ampfgruppe angehört, auch ein gewisser Thomas Tallacker und ein Jörg Schlechte. Tallacker, PEGIDA-Mitbegründer und früher für die Union im Meißener Stadtrat Stimmung gegen Überfremdung schürend, lässt sich schon mal über „halbverhungerte Ramadan-Türken“ aus und bezeichnet Flüchtlinge als „ungebildetes Pack“. Womit er sich ein Parteiausschlussverfahren einhandelte, aus dem der Rechtsaußen aber gerade noch mal  mit einem blauen Auge davon kam. Das Parteigericht war zufrieden damit, dass der Hetzer sein Mandat niederlegte und aus dem Vorstand der örtlichen CDU austrat.

Aber sein Parteifreund Schlechte (nomen est omen!) ist nach wie vor als Stadtrat im PEGIDA-Stammland Meißen in Amt und Würden. Wie Tallacker auch er ein Experte, wenn es um Hetze, Diffamierung und Herabsetzung anderer Menschen geht, vor allem dann, wenn es sich um Minderheiten handelt. Ein Mann, dem (nicht nur) die SPD bescheinigt, jedwedes Maß von Anstand verloren zu haben. In diesem Zusammenhang sei die Frage erlaubt: Was spricht eigentlich gegen die Forderung, Facebook möge künftig alle Posts mit mehr als fünf Rechtschreibfehlern automatisch löschen? Dadurch ließen sich die Hass- und Hetzkommentare sofort um mindestens 80 Prozent reduzieren.

Sachsen als Brennpunkt rassistischer Gewalt

klein-Pegida-Demo

Im Stamm- und Geburtsland von PEGIDA geht es bei den Dresdener Montags-Demos inzwischen ein paar Nummern kleiner zu. Hier eine Aufnahme vom 25. Januar 2015. Auch wenn die „Bewegung“ zu schwächeln scheint, die von ihr ausgebrachte Saat des Hasses gegen alles Fremde blüht. Foto: Kalispera Dell/panoramio.com

Schlechte hatte im Oktober vergangenen Jahres auf eine Meldung über einen aus psychischen Gründen straffällig gewordenen Asylbewerber mit der Verlinkung auf das Krematorium Meißen reagiert und darunter kommentiert: „Dem Manne kann geholfen werden“. Der Fall sorgte deutschlandweit für Empörung. Hatte aber bislang noch keine Konsequenzen. Doch die Forderung nach seinem Rücktritt im Stadtrat steht nach wie vor im Raum. Solche geistigen Brandstifter haben den Boden dafür bereitet, dass Sachsen zu einem Brennpunkt rassistischer Gewalttaten wurde. Dabei gibt es gerade auch hier viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft gegenüber Neuankömmlingen, doch das geht angesichts der vielen krassen Negativschlagzeilen völlig unter. Nichts deutet darauf hin, dass das Klima, zumindest für Ausländer, besser wird. Da klingt der Erklärungs- und Deutungsversuch von Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) schon etwas hilflos und bemüht: „Nach der Wiedervereinigung ist viel erreicht worden. Das hat sich die Bevölkerung hart erarbeitet. Jetzt ist möglicherweise Angst da, dies wieder zu verlieren.”

Zwischen Realität und gefühlter Wirklichkeit

Ja, und da wäre ja auch noch die Angst vor der vermeintlich ausufernden Ausländer- und Asylantenkriminalität. Selbige hat das Bundeskriminalamt aber als „postfaktisch“ entlarvt. An dieser Stelle verbeugen wir uns vor diesem “Wort des Jahres“. Es bringt zum Ausdruck, dass sich dem Postfaktischen zugetane Menschen nicht mehr für Fakten interessieren, sondern sich allein an der gefühlten Wirklichkeit orientieren. Auf jeden Fall hat das BKA festgestellt, dass es keine Belege dafür gibt, dass Zuwanderer krimineller als Deutsche seien. Das freilich ficht einen guten Bekannten von mir nicht an. Seit Jahren von der Sorge um die durch Migranten bedrohte Sicherheit und Ordnung in diesem Land umgetrieben, schrieb er mir nach einem Besuch in Berlin: „Du kannst versichert sein, dass das Schicksal eines Waschbären dort in der Gewichtung zur ‚gefühlten‘ und realen Sicherheitslage nicht signifikant ist“.

73 Prozent der Deutschen fühlen sich “sehr sicher”

Ist vielleicht tatsächlich so. Aber immerhin 73 Prozent der Deutschen fühlen sich in diesem Land “sehr sicher”, wie eine aktuelle repräsentative Umfrage belegt. Andererseits: Der Fall eines, sagen wir Syrers, der der Omma im Woolworth in Berlin-Kreuzberg die Handtasche entreißt, ist, um dieses eindrucksvolle Adjektiv noch mal zu bemühen, in der öffentlichen Wahrnehmung und Gewichtung ja auch wesentlich „signifikanter“ als der bewaffnete Raubüberfall eines notorisch straffälligen Ruhrpott-Mafioso auf eine Aral-Tankstelle.

Das letzte Wort gebührt an dieser Stelle noch mal dem bereits zitierten Prof. Ragnar Kinzelbach: „Diejenigen, die am meisten über Eindringlinge jammern, haben in der Regel von der heimischen Tierwelt überhaupt keine Ahnung. Wer hört, welchen Irrationalitäten eingewanderte Tiere ausgesetzt sind, muss unweigerlich an den Umgang mit menschlichen Migranten denken“. Und hier schließt sich jetzt der Kreis.

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