Rotorman's Blog


Von journalistischen Sternstunden und
40.000 Unterschriften gegen die Fuchsjagd

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Wem die(journalistische Stern-)Stunde schlägt. Was der Remscheider General-Anzeiger zum Thema beizutragen hatte, war nicht unbedingt Pulitzerpreis-verdächtig. Bei den meisten der auf dem Foto abgebildeten und entspannt daliegenden Füchsen soll es sich auch um Statisten gehandelt haben, die sich nur totgestellt hatten.

Von Jürgen Heimann

Der Protest gegen das geplante Fuchsmassaker im Oberbergischen Land hat inzwischen ein  bundesweites mediales Echo ausgelöst. Heger aus Hückeswagen und Wipperfürth, beschauliche Orte, die man aber nicht unbedingt kennen muss, woll(t)en den Tieren ab heute (Samstag ) wieder massiv ans Leder. Eine ganze Aktionswoche lang soll es diesen Bestien, also den Füchsen, revierübergreifend an den Pelz gehen. Binnen weniger Tage hat eine privat initiierte Online-Petition gegen das Schlachtfest knapp 40.000 Unterstützer gefunden.  

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Der entsprechende TV-Beitrag, den der WDR zum Thema produziert und am 4. Januar gesendet hatte, war handwerklich sauber gestrickt und durchaus objektiv und ausgewogen. Von dem aus dem römischen Recht übernommenen journalistischen Grundsatz „Audiatur et altera pars“ („Gehört werde auch der andere Teil“) scheint man allerdings in der Redaktion des Remscheider Generalanzeigers noch nie etwas gehört haben, bei der Rheinischen Post ebenfalls nicht. Ist jetzt aber auch nicht der Zeitpunkt, den Lokal-Schreiberlingen die Materie zu erklären. Der „RGA“ zählt mit einer Auflage von 14.500 Exemplaren auch nicht unbedingt  zu den prosperierenden Speerspitzen der Branche. Zu denen der investigativen Art aber auch nicht. Nachdem die bemühten Blattmacher das Thema erst mal verpennt hatten, suchten sie, erwacht aus dem Tiefschlaf der Gerechten, die Deutungshoheit zurück zu erlangen. Und gingen die Sache in ihrer Ausgabe vom 6. Januar auf ihre ureigene Art an. Eine journalistische Sternstunde wurde allerdings nicht daraus, sondern ein Lehrbeispiel, wie man es eben nicht machen sollte.

Vor dem Karren der Flintenzunft

Aber so etwas zählt leider in vielen Redaktionen unserer ach so unabhängigen Presse zur täglichen Realität. Viele Schreibtischtäter fühlen sich eben nicht einer gewissen Berufsethik, die auch auf Neutralität und Objektivität fußt, verpflichtet, sondern machen sich als Multiplikatoren lieber zum Büttel bestimmter Interessengruppen. Auch wenn diese zwielichtige und durchsichtige Ziele verfolgen. Sie wähnen sich einer gewissen, gut aufgestellten und vernetzten Klientel wesentlich näher, zumal diese gesellschaftlich wie politisch und wirtschaftlich nicht ganz unbedeutend ist. Dagegen erscheinen diesen Schriftgelehrten all jene notorischen Nörgler, die den tapferen Jägern böswillig noch nicht einmal die Hasen- oder Rehkeule auf dem Teller gönnen, aber wenigstens zur Empathie mit ihren Mitgeschöpfen fähig sind (statt in ihnen nur Komparsen für ein blutig-tödliches Freizeitvergnügen zu sehen), weit weniger honorig und respektabel. Wie sehr sich viele Journalisten vor den Karren der  Flintenzunft spannen lassen, lässt sich am Beispiel des medialen Trommelfeuers gegen den Waschbären fest machen. Die dreisten Klein-Petze müssen dem unbedarften Leser ja inzwischen auch wie die satanische Inkarnation schlechthin erscheinen. Wie reimte doch einst der Journalist ud Schriftsteller Kurt Tucholsky so treffend? “Wahrheit breitet sich nicht aus, hast die Zeitung Du im Haus!”

Recherche und Aufklärung mit Minimalaufwand

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Brita Günther aus Remscheid bündelte den Protest gegen die revierübergreifende Fuchshatz im Oberbergischen. Ihre Online-Petition fand binnen weniger Tage knapp 40.000 Unterstützer. Doch mit ihr mochte kein Redakteur der Lokal-Journaille reden. Stattdessen kam ein pirschender Jazzer ausgiebig zu Wort. Foto: Screenshot WDR

Brita Günther, die Initiatorin des Protestes, zu befragen, wäre natürlich zu viel verlangt gewesen. Zumal die Aktivistin auch zu weit weg wohnt. In Remscheid nämlich. Für die ambitionierten Redakteure des ortsansässigen Nachrichtenmagazins somit unerreichbar. Irgendwo hat auch deren Aktionsradius seine (Schmerz-)Grenzen. Stattdessen begnügten sich die RGA-Aufklärer damit, einige Passagen aus dem Petitionsaufruf abzukupfern. In der Unterzeile der „Headline“ wurde dessen Urheberin den Lesern als „die Frau“ vorgestellt. War eine namentliche Nennung  in Folge unumgänglich, konnten es sich die anspruchsvollen Rezipienten aussuchen, ob ihnen der Nachname mit oder ohne „H“ geschrieben besser gefiel. Günther? Günter? Zutreffendes bitte ankreuzen. Auf einer Postkarte notieren. Und ab in den nächsten Briefkasten. Unter den richtigen Einsendungen verlost der Generalanzeiger ein vierteljährliches, inhaltlich allerdings leicht eingeschränktes Wochenend-Abo. Die Namen in den Todesanzeigen sowie der Zeitpunkt der Beisetzung sind geschwärzt. Und die Zeitung kommt erst immer am Folgetag der Vorwoche. Ohne Mantel, dafür aber mit einem verdoppelten Anzeigenbeilagen-Umfang. Man verpasst also nix.

Mit schrägen Tönen gegen plakative Propaganda

Die Autoren des erhellenden Berichtes stehen stolz voll und ganz hinter selbigen und zeichnen selbstbewusst namentlich: Joachim Rüttgen und Anja Carolina Siebel. O.K. Damit wären sie schon mal in der engeren Kandidatenauswahl für den nächsten Pulitzer-Preis. Tatsächlich war es den beiden ausgefuchsten Rechercheuren gelungen, neben dem Hegering-Hausherren einen weiteren ausgewiesenen Experten der Jagd und Wildbiologie ausfindig zu machen, der kraft Amtes wie kein anderer dafür prädestiniert ist, die plakative Propaganda der Jägerhasser auch als solche zu entlarven: den „Jazzer“ Alex Fischer. Als solcher bezeichnet der sich im Nebenerwerb als Jurist und Weidmann pirschende Naturkerl mit einem Faible für schräge Töne selbst. Und zwar auf der Internetseite einer obskuren, nichtsdestotrotz als gemeinnützig anerkannten und, wir nehmen es mit großem Respekt zur Kenntnis, natürlich bundesweit tätigen Organisation namens „Für Jagd in Deutschland“ e.V. Deren Ziel ist es, „die Jagd traditionell zu erhalten und zeitgemäß zu modernisieren“ und somit, ausschließlich getrieben von der Liebe zur Natur und der Achtung vor ihren Geschöpfen, den Belangen des Weidwerks Geltung zu verschaffen. Das allerdings „ohne der Schönrederei einer political correctness verpflichtet zu sein“. Das sind sie auch nicht.  Was die Zeitungsleute vermutlich nicht wussten: Ihr „kompetenter“ Gesprächspartner hat sich in der Vergangenheit schon mal dadurch hervorgetan, dass er die Bundeskanzlerin in einschlägigen Foren als „Nazi-Tusse“ titulierte oder verkündete, die Namen von Jagdgegnern auf seine Patronen zu ritzen.  Also alles in allem ein recht liebenswertes Kerlchen.

Gut, dieser Alex Dingenskirchen wurde mal schnell zum Bundesvorsitzenden seiner Organisation gemacht, was er aber mitnichten ist. Er ist erster Stellvertreter des Häuptlings und somit in der Rangfolge nach diesem ein „primus inter pares“. Natürlich handelt es sich bei ihm um einen „erfahrenen Jäger“, wie in dem Zeitungsbericht ausdrücklich betont wurde. Das sind Jäger eigentlich immer. Zugute halten muss man den gewieften Autoren andererseits, dass sie sich die Bezeichnung „selbsternannte Tierschützerin“ in Richtung Brita Günther verkniffen haben. So etwas ist ja in diesem Kontext sonst üblich.

Wenn Füchse kollektiven Selbstmord begehen

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Hegeringleiter Johannes Meyer-Frankenfeld wurde von der Protestlawine kalt erwischt, durfte aber in den Hauspostillen der Oberbergischen Nimrods noch einmal all jene seit Jahrzehnten Mantra-gleich vorgetragenen „Gründe“ vorbeten, warum der unkontrollierten Vermehrung des Fuchses mit bleihaltigen Mitteln Einhalt geboten werden muss.

Als FJD-Zampano durfte Fischer sodann in epischer Breite und unwidersprochen ausführen, dass die Online-Petition ja eine Fälschung sei, da es sich bei den meisten der inzwischen fast 40.000 Stimmen um manipulierte sogenannte „Social Bots“, also künstlich und automatisch generierte  Voten, handele. Die meisten davon kämen vermutlich aus China – wo sie ja angeblich auch Hunde, aber keine Füchse essen. Das sind natürlich gewichtige, nur schwer von der Hand zu weisende Argumente in eigener und somit für die gute Sache. Aber damit hatten der zielsichere Freizeitmusiker und der Generalanzeiger ihr Pulver bzw. ihre Druckerschwärze noch längst nicht verschossen.

Der „RGA“ nimmt in seinem Beitrag Bezug auf ein Foto, das zur Illustration des Petitionsaufrufes eingesetzt worden war und „auf dem Dutzende toter Füchse nebeneinander liegen“. Es folgt die erklärende Einschränkung „vermeintlich getötet durch Jäger“. Könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Nicht ausgeschlossen, dass die Reinekes kollektiven Selbstmord begangen haben, wie sie es ja öfter tun zu pflegen. Und dieser inszenierte Massen-Suizid soll nun wieder den bösen Jägern in die Schuhe geschoben werden. Fischer-Axel hingegen glaubt, ein „aus dem Internet geklautes Fake-Foto“ erkennen zu können. Bei einer realen Winterfuchsjagd würden nämlich in der Regel höchstens drei bis vier Füchse erlegt. Aha. Ist aber wohl alles eine Frage des Zielwassers. Da war der Foto-Fälscher, vermutlich unter dem Einfluss von zu viel Jägermeister, etwas übers Ziel hinausgeschossen und hatte zu dick aufgetragen.

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Holzauge, sei wachsam! Im Oberbergischen wird es eng für Firefox und Co. Auch wenn das revierübergreifende Massaker verspätet beginnt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Aber: „Die Jagd auf Füchse gehört zu den verlogensten Ritualen der deutschen ‚Jagdkultur‘ und entbehrt jeder ökologischen oder anderweitigen wissenschaftlichen Grundlage“, sagt Fritz Ullmann. Foto: Mirko Fuchs

Der Generalanzeiger hatte seinen Artikel in Verkennung der unleugbaren Tatsachen (oder aus Versehen) freilich mit einer Aufnahme aus dem vergangenen Jahr illustriert. Diese zeigt Jäger und Jagdhelfer aus Radevormwald stolz mit ihrer Beute: nicht vier, sondern knapp 20 toten Buschschwänzigen. Vermutlich haben sich einige von ihnen aber auf Honorarbasis als Komparsen ins Bild geschlichen und nur tot gestellt. Dafür gab’s dann als Dankeschön leckeres Rebhuhn-Steak, und die überlebenden Wildhunde durften nach einer Gedenkminute für ihre gefallenen Kameraden unbehelligt ihres Weges ziehen.

Verlogene Rituale und widersprüchliches Halbwissen

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Der Stadtverordnete Fritz Ullmann aus Radevormwald beschäftigt sich seit den 90er Jahren mit Leben und Wesen der Füchse. Er entlarvt die Thesen der Jäger als Kokolores.

Apropos Radevormwald: Hätte die beiden Investigativ-Journalisten den Stadtverordneten Fritz Ullmann befragt, der Mann hätte ihnen sicherlich gerne etwas Nachhilfe zum Thema gegeben und einige des Nachdenkens werte Zitate geliefert. Für ihn ist der Fuchs seit den 90er Jahren ein faszinierendes Studienobjekt.  Sein Resümee: „Die Jagd auf Füchse gehört zu den verlogensten Ritualen der deutschen ‚Jagdkultur‘ und entbehrt jeder ökologischen oder anderweitigen wissenschaftlichen Grundlage. Argumente ‚dafür‘ sind in sich widersprüchliches Halbwissen, das, da jeder Beleg dafür fehlt, unter einer ernsthafter Prüfung zusammenbricht. Die Fuchsjagd überhaupt ist ein unsinniges, selbstherrliches und wissenschaftsfremdes Verbrechen an lebenden Wesen, das beendet werden muss“. Chapeau! Der Mann entlarvt die Pseudo-Argumente der Jagdbefürworter als hohle Phrasen. Detailliert nachzulesen ist das hier: Auch die Tierrechtsorganisation „PETA“ hat diesem Thema eine umfassende Dokumentation gewidmet. Für sie ist ein Verbot der Fuchsjagd sowieso längst überfällig.

Dafür durfte Johannes Meyer-Frankenfeld, der Leiter des Hückeswagener Hegerings, in der Hauspostille der Oberbergischen Nimrods aber noch einmal all jene seit Jahrzehnten Mantra-gleich vorgetragenen „Gründe“ vorbeten, warum der unkontrollierten Vermehrung des Fuchses mit bleihaltigen Mitteln Einhalt geboten werden muss. Auch die Rheinische Post räumte dem Mann entsprechenden Raum ein. Am heutigen Samstag hat er übrigens aus der Hand von Brita Günther auf dem Schlossplatz in Hückeswagen die von über 23.000 Menschen gezeichnete Petitionsliste entgegengenommen. Zumindest für diesen Tag war die Jagd auf Füchse ausgesetzt.

Die Spät- und Folgeschäden der Tollwut

Warum der Hegering-Chef in seinem Zeitungs-Statement aber ausdrücklich die Tollwut erwähnt, die noch in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch im oberbergischen Kreis ein erhebliches Risiko für die Volksgesundheit dargestellt hätte, bleibt sein Geheimnis. Diese Kurve kriegen wir nicht. Erst groß angelegte Impfaktionen hätten die tödliche Seuche damals eindämmen können. Allerdings war die Rolle, die den Hückeswagenern und Wipperfürthern wie auch den Kollegen in anderen Regionen in diesem präventiven Erfolgs-Rundumschlag zugedacht war, nur  marginal. Heute, und das seit 2008, ist diese Geisel, wir reden von der Tollwut, faktisch nicht mehr existent. Aber die Nachwirkungen und Spätschäden sind deutschlandweit nicht zu übersehen. Die Krankheit kann zu einem grundlos aggressiven Verhalten führen. Von ihr Betroffene zeigen oft auch starke Wahrnehmungstrübungen, wie in der aktuellen Debatte unschwer zu erkennen ist.

Die Heger entdecken ihr Herz für Hunde und Katzen

Zwischen den 60er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, mancherorts aber auch heute noch, hatten die Jäger aus der Tollwut die Legitimation abgeleitet, Füchse unter Einsatz aller ihnen zur Verfügung stehenden Mittel rücksichtslos zu verfolgen. Gebracht hat es (natürlich) nix). Heute müssen andere (fadenscheinige) Gründe her. Die Räude und der Fuchsbandwurm zum Bleistift. „Die sind aber auch nur Feigenblätter,  werden instrumentalisiert und dienen lediglich dazu, um in Politik und Bevölkerung Rückhalt für die Bejagung der Rotröcke zu gewinnen“. Das sagt Dag Frommhold, einer der profiliertesten Reineke-Experten in Deutschland. Plötzlich entdeckt man auch ein Herz für frei herumlaufende und gegebenenfalls wildernde Hunde und Katzen, die ja schließlich auch durch die Räude gefährdet seien und vom Fuchs infiziert werden könnten.

Die Wahrscheinlichkeit, sich mit einer dieser Krankheiten anzustecken, ist um ein Vielfaches geringer als ein Sechser mit Zusatzzahl im Lotto. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Mehrheit der Bevölkerung, die ja, eben weil sie kein „grünes Abitur“ hat und deshalb sowieso nix von Naturschutz, Wildbiologie und den großen, komplexen Zusammenhängen in Wald und Feld versteht, diesen Schwachsinn auf Dauer als glaubhaft akzeptiert, ist genauso so hoch. Und jetzt zu Franziska Reichenbacher und der Ziehung der Lottozahlen.

 

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